Überseezungen
Datum: 12.04.2002
autorIn:Sabine Treude
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Es ist nicht das Wortspiel allein, dem YokoTawada in all ihren Texten die Spannung und Vieldeutigkeit abgewinnt, sondern es ist die von ihr erhörte und beschriebene Klangvielfalt im Zusammenspiel mit dem, was die Worte bedeuten, die Tawadas Sprache einen äußerst sinnlichen Zauber verleiht.
Die in Tokyo geborene und vorwiegend in Hamburg lebende und in japanischer wie in deutscher Sprache schreibende Autorin Yoko Tawada hat ein neues Buch geschrieben, dessen Titel "Überseezungen" lautet. Und so erstaunlich der Titel auch anmuten mag, in ihm klingt schon an, worum es in den längeren und kürzeren Erzählungen gehen wird.
Überseezungen - lese ich die ersten vier Buchstaben als Präfix und messe ihm die gewohnte grammatikalische Funktion zu, so könnten die Erzählungen von einer Hierarchie der in der Tiefe verborgenen Fische künden, die uns zweifelsohne eher als flache Speisefische vom Teller her bekannt sind. Lese ich das Wort als Zusammensetzung zweier Worte, nämlich Übersee und Zungen, so könnten sie von reisenden und seltsam befremdlichen Zungen handeln. Spreche ich schließlich das Wort rasch und etwas unachtsam aus, dann schwingt das Wort Übersetzungen klanglich mit. Die im Buch versammelten Erzählungen tragen von all dem etwas, gehen aber auch noch weiter darüber hinaus.
Dabei ist es nicht das Wortspiel allein, dem Tawada in all ihren Texten die Spannung und Vieldeutigkeit abgewinnt, sondern es ist die von ihr erhörte und beschriebene Klangvielfalt im Zusammenspiel mit dem, was die Worte bedeuten, die Tawadas Sprache einen äußerst sinnlichen Zauber verleiht. „Manchmal denke ich, daß man vielleicht genauer horchen soll anstatt sich entscheiden zu wollen. Durch das Horchen kann ich eine Schwingung finden, die mich weiterträgt. Sie kennt nicht die Trennungen zwischen innen und außen, müssen und wollen, abwarten und handeln. Horchen heißt hier nicht gehorchen, aber viele Menschen horchen nicht gerne, weil es eine passive Haltung ist“, schreibt sie dazu in der Erzählung „Die Ohrenzeugin“ (S. 112). Der dem Horchen entnommene Zauber läßt, so wie er nunmehr in Schrift festgehalten wird, an eine sehr alte Frau denken, die eine Geschichte erzählt, die uns wiederum in eine Art erinnerte Geborgenheit, ja, in ein schillerndes und offenes Sprachgehäuse versetzt, das sich durch das Sprechen und Zuhören, aber auch durch das Lesen auflöst, ohne zu ängstigen. Trotzdem ist uns das, was Tawada erzählt, alles andere als bekannt, denn es geht ihr in ihren Texten sowie auch in ihrem neuen Buch darum, das Fremde zur Sprache zu bringen und in ihr zu entdecken - und das kann sie, wie kaum eine andere.
Die Überseezungen sind kartographisch züngelnd in drei Kapitel aufgeteilt, nämlich in Euro-Asiatische, in Süd-Afrikanische und in Nord-Amerikanische Zungen. In jedem Kapitel beschreibt Tawada Reisen, die sie innerhalb Europas, Südafrikas und Nordamerikas unternommen hat. Doch das, was sie beschreibt, sind keine Abenteuer im herkömmlichen Sinne, sondern Sprech- und Sprachabenteuer. Sie beobachtet und horcht genau zu, wie Menschen was über Menschen, Tiere und Dinge sagen, die ihnen irgendwie fremd sind, und sie tut es, ohne sich auszuschließen. Da bei Tawada allerdings das Fremd-Sein keinesfalls mit dem Gefühl des Unbehagens besetzt ist, sondern sich zum Staunen und Fragen hin öffnet, gelangt sie zu Entdeckungen, die all denjenigen, denen das Fremde bekannt erscheint, verborgen bleiben. Außerdem- und das ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig - nimmt Tawada ihre Zunge nicht als einen gänzlich vom Körper losgelösten Teil wahr, durch den sich etwa der Geist vom Körper absetzen könnte. Die Zunge fungiert bei ihr nicht nur als organisches Werkzeug, sie ist vielmehr das Organ, das über den Geschmacksinn, über den Geschmack von Sprache und ihre Beweglichkeit Psyche, Geist und Körper ganz unverbindlich aneinander bindet, um sich gegenüber dem Äußeren zu öffnen. Und die Zunge ist nicht das einzige Sinnesorgan, das hinsichtlich der Sprache eine ganz unerhörte Rolle spielt. An einer anderen Stelle im Text macht Tawada nämlich auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie sehr das Symbolische - zu der unausgesprochene Worte wie gesprochene gehören - riechen oder besser gesagt stinken kann: „Als das Fahrrad an mir vorbeifuhr, traf mich ein starker Wind im Gesicht. Mit abgewandtem Kopf glaubte ich am Rand meines Blickfeldes zu sehen, wie der Mann kurz zu mir herüberschaute. Etwas Feuchtes landete auf meinem Kopf, genau auf dem Scheitel, auf der Linie meiner nackten Kopfhaut. Es stank nach halb Verdautem. Ich hielt inne, drehte mich aber nicht um, sondern wartete auf die Worte, die von dem Mann kommen mußten. Er mußte seinen Speichel noch kommentieren. Jeder, der eine böse Tat auf die Straße spuckt, ergänzt sie mit einer sprachlichen Beleidigung. Sonst würde die Boshaftigkeit allein und wirkungslos dastehen. Ich wartete. Kein Wort war zu hören.“
Trotzdem oder auch gerade deshalb: Mit Überseezungen hat Yoko Tawada ein Buch geschrieben, das uns auf ebenso geschmackvolle wie gründliche Weise die Dominanz des Blicks und ihre Folgen, die sich gravierend auf die Wahrnehmung des Fremden und der Form, darüber zu sprechen, ausgewirkt hat, vor Augen hält. Die Zungen lassen uns spüren, was wir damit verloren gäben.
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