Widerstand und Identität
Datum: 23.02.2001
autorIn:Walter Baier
++++++++++
Österreich als Opfer des Nationalsozialismus? Fragen an Elfriede Jelinek zur aktuellen
Kontroverse um den Widerstand gegen Schwarzblau und seine angebliche Missachtung
des historischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.
prairie: In der Debatte, die sich an das Schüssel-Interview in der Jerusalem
Post, in dem er Österreich als das erste Opfer des Nationalsozialismus bezeichnete,
angeschlossen hat, wurde auch unterstellt, dass manche Linke den "Anschluss"
an das Deutsche Reich wieder zum Anschluss umwerten würden. Verabschiedet
sich die Linke vom "widerspenstigen, widerständigen" Österreich?
Jelinek: Erstens bin ich schon grundsätzlich gegen Patriotismus, er hat
sich, seit wir in der EU sind, auch in gewisser Weise überlebt, und, zweitens,
ist es gewiss nicht das offizielle Österreich, das dieses "widerspenstige
und widerständige Österreich" bei seinen patriotischen Identitätsübungen
überhaupt mit einbezogen hätte (mit Ausnahme vielleicht des bürgerlichen
Widerstands, den die Bürgerlichen wohl immer gelten ließen, vor allem, wenn
es für sie opportun war, nicht aber, als sie Waldheim zum Bundespräsidentschaftskandidaten
aufgestellt und gewählt hatten), sondern das war eben immer das "kritische,
engagierte" Österreich, das den Widerstand in seine Identität mit einbezogen
und auch darauf gedrungen hat, daß dieser Widerstand in die österreichische
Identität mit einbezogen werden solle.
prairie: Ist nicht paradox, dass ausgerechnet der Vertreter einer Regierung
die durch Einschluß der extremen Rechten bzw. einer in Kernen noch immer
deutschnationalen Partei zustande kam, sich mit einem Hinweis auf den -
zu einem beträchtlichen Teil kommunistischen - Widerstand gegen die Nazidiktatur
berufenden Österreich-Patriotismus sich legitimieren will?
Jelinek: Ich habe von dieser neuen Regierung noch nie erlebt, daß sie sich
auf den kommunistischen Widerstand berufen hätte. Das haben eben immer nur
die Linken oder Antifaschisten oder wie man sie nennen will getan.
prairie: Es geht in der Debatte ja nicht nur um zeitgeschichtliche Fragen
und ihre moralische Bewertung. Implizit werden doch auch politische Statements
abgegeben.
Jelinek: In dieser Diskussion geht es überhaupt nicht in erster Linie um
politische Fragen, es geht um die Ethik des Diskurses, aber darauf ist leider
niemand von den Beteiligten eingegangen. Ich würde meinen, daß diese Regierung
eindeutig die Kontinuität der österreichischen Nachkriegsgeschichte durchbricht,
denn der ungeschriebene Konsens war ja (und offenbar war es gar kein Konsens),
niemals eine Partei der extremen Rechten, meinetwegen: eine Partei des Rechtspopulismus
in einer Regierung zu dulden, und bisher wurde das ja auch nicht geduldet
(die FPÖ, mit der Kreisky koaliert hat, war bis zum Haider-Putsch 1986 eine
ganz andere, liberalere Partei, trotz der alten Nazis, die damals noch drinnen
waren). Eine zusätzliche Ironie ist es, dass gerade diese Partei, die die
österreichische Nation als eine Missgeburt bezeichnet hat, sich jetzt als
die eigentlich patriotische Österreich-Partei feiern lassen möchte.
prairie: Österreichs Rechte ist kein Einzelfall. Welche Wechselbeziehungen
zu europäischen Entwicklungen siehst Du?
Jelinek: Ich glaube, dass sich, nachdem nun einmal dieser Bann gebrochen
und dieser ungeschriebene Vertrag aufgekündigt ist und die Rechte sozusagen
"salonfähig" geworden ist, auch andere vergleichbare europäische Rechtsparteien
ermutigt und auch legitimiert fühlen könnten, in ihren Ländern in eine Regierung
zu gehen und sich untereinander noch besser zu vernetzen als bisher, auch
wenn z.B. die italienische Rechte (z.B. Umberto Bossi, der Chef der etwas
gemäßigteren Lega Nord) die österreichische (noch) dafür verantwortlich
zu machen scheint, daß die Linke angeblich gestärkt werde, weil sie, die
italienische Rechte, im eigenen Land durch das Beispiel Österreichs desavouiert
werde.
prairie: Ist schwarzblau nicht die adäquate politische Artikulation von
Taxi Orange? Oder verhält es sich umgekehrt?
Jelinek Ich habe Taxi Orange nie gesehen.
prairie: Wie also den heutigen Verhältnissen entsprechend Widerstand leisten?
Wie beurteilst Du die Donnerstagsdemonstrationen?
Jelinek: Ich bewundere diese Demonstrantinnen und Demonstranten sehr
und habe ihnen ja zum Dank für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit auch einmal
ein kleines Vorprogramm geboten, mit meinem Monolog "Das Lebewohl".
prairie: Danke für das Gespräch.
|
 |
Überseezungen

hier kannst du Kommentare zum artikel abgeben
 |
 |
musik |
 |
literatur |
 |
film |
 |
theater |
 |
neue medien |
|
 |
 |
 |
|