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Das Sonderbare und der Alltag | Datum: 20.03.2003

autorIn: Sabine Treude
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Verlag: Droschl/Resistenz
Erscheinungsdatum: 2002
Preis:

„Unter Jägern“ heißt das neue Buch von Bettina Balàka und versammelt sieben Erzählungen, in denen das Alltägliche und das Sonderbare bis hin zum Skurrilen aufeinander treffen.

In allen Erzählungen des jüngsten Buches von Bettina Balàka geht es um Frauen an einem teilweise herbeigesehnten, teilweise gefürchteten Wendepunkt; in allen Erzählungen geht es darum, die Brüchigkeiten im Alltäglichen zu erzählen. Und außerdem liegt das, was das Buch darüber hinaus so besonders lesens- und empfehlenswert macht, in einer Sprache begründet, die, die Inhalte subtil begleitend, immer auf dem Sprung zu sein scheint, vorauszueilen und gleichzeitig inne zu halten. Balàkas Sprache verleiht den eh schon seltsam anmutenden Geschehnissen, denen die Protagonistinnen sich ausgesetzt sehen oder aussetzen, durch ihre spielerische Präzision und Sorgfältigkeit im Detail einen zusätzlichen Schwung des Unheimlichen. Das Unheimliche ist allerdings kaum dort auszumachen, wo es vermutet wird – könnte es doch genauso gut ein blöder Zufall sein --, sondern wird von dieser sprachlichen Mischung aus Leichtigkeit und Präzision ins Spiel gebracht. Und so entpuppt es sich letztlich in manch einer der Erzählungen als Bestandteil des Alltäglichen selbst.

Das Erwachen

Unter diesem Titel ließen sich eigentlich alle Erzählungen einreihen, trotzdem seien ihm hier zwei, nämlich „Barbara erwacht“ und „Sehen, berühren“, die ihm besonders nahe kommen, untergeordnet. In „Barbara erwacht“ ist für die Frau, die erwacht, kein Tag wie der andere. Das wäre ja nicht weiter seltsam, geht es uns doch allen so, aber sie erscheint sich oder ist Tag für Tag in eine andere zeitliche und auch räumliche Umgebung versetzt, was zur Folge hat, dass es für sie kein morgen im herkömmlichen bleibenden Sinne mehr gibt. Keine Verabredung kann mehr getroffen, nichts kann mehr geplant werden, und da die Menschen ihrer Umgebung sich nicht gerade durch Spontaneität auszeichnen, bleibt sie isoliert. Ja, es drängt sich die beunruhigende Frage auf, ob der Wandel nicht etwas mit sich bringt, das den Eindruck erweckt, als sterbe sie täglich. Mit dieser Erzählung gibt Balàka eine interessante Perspektive auf die realen und die diskursiven Wandlungs- und Differenzierungs-möglichkeiten der Zeit selbst wieder. Denn auch wenn im Grunde kein morgen dem nächsten oder anderen entspricht, muss der Ausspruch „morgen“ so etwas wie den Bestand und die Beständigkeit gewährleisten, um im kommunikativen System aufzugehen. Tut er es nicht und entspricht dem Lauf der Zeit selbst wie etwa in der Erzählung, dann bekommt das In-der- Zeit-sein auf paradoxe Weise durch sein Vergehen traumartige und gespenstische Züge.

Die nächste Erzählung, die um das Erwachen kreist, heißt „Sehen, berühren“ und handelt von der Protagonistin Karin, die in den Wintermonaten allein in einem Haus am See zurück bleibt und das langsame Erwachen des Frühlings wahrnimmt. Gilt der See im Frühling und im Sommer als Attraktion für TouristInnen und SommerfrischlerInnen, so zeichnet er sich im Winter vor allem durch seine Menschenleere aus. Lediglich Werbetafeln und Verbotsschilder erinnern noch an sie, ansonsten bleibt über Monate hinweg: „Es schneite von September bis März, die Schneeflocken teufelten, als wären sie wild und böse, oder doch nur wie spielende Tierkinder oder Kinder. Koboldig jagten sie hintereinander her, und der Himmel war satt von immerwährender Trübnis, ein grauer Schirm hinter dem Wirbeln von rauhem und luftigem Volk. Karin hatte Angst vor ihrer eigenen Stimme, um sie herum war es so eigentümlich still, ein Knistern, es lag kein Laut zwischen ihr und der Umhüllung des Windes.“ In diesem Ambiente spannt Balàka einen Bogen von den teufelnden Schneeflocken zu Berührungen, vom Selbstmord einer Nonne über die Ankunft der Touristen bis hin zu den „Resten von Gekröse“.

Erfrischte und Gejagte

Um Sommerfrische bzw. Ausflüge geht es in den beiden Erzählungen „Weg auf den Steinen“, „Die Ruine, das Tor, der Schlüssel und das Schloß“. Während in der ersten eine Frau eine Reise nach Kreta unternimmt, die als Ich-Erzählerin alles bei ihren Wanderungen und Gängen durch die Land- und Ortschaften Wahrgenommene akribisch genau aufzusaugen und beweglich festzuhalten versucht, handelt es sich bei der zweiten Erzählung um einen Ausflug zweier Pärchen, der mehr als ein kurzes Abenteuer aus der sommererfrischten Langeweile zu werden verspricht und auf ziemlich unerwartete Weise sein Versprechen hält. Einen Ausflug unternehmen zwar auch Carla und Hannibal in der Erzählung „Unter Jägern“, aber hier tritt bereits die Jagd mehr in den Vordergrund. Die beiden kehren nicht wieder gemeinsam zurück. Ein Streit um die richtige Bushaltestelle führt dazu, dass Hannibal aussteigt und Carla weiter fährt. Sie nimmt sich vor, an der nächsten Haltestelle auszusteigen, doch eben diese läßt auf sich warten und führt schließlich ins Ungewisse und ins Jagdrevier.

Wiewohl auf andere Weise, eine Gejagte ist auch die allein erziehende Mutter aus der Erzählung „Als ich Mutter wurde.“ In ihr ist nicht etwa von der zu erwartenden Glückseligkeit zwischen Mutter und Kind die Rede, sondern vom Staat, der mit seiner Fürsorge auf drastische und zutiefst destruktive Weise dazwischen funkt und die Mutter zur Gejagten macht. Nicht weniger drastisch ist die Erzählung „Die Wohnung“, in der verschiedene Briefe aneinander gereiht sind und von einer abgründig skurrilen Stimmung zeugen. Auch hier wird das Moment der Fürsorge sprachlich wie inhaltlich in Form Schnitten, die sich wie Wunden in den Texten einschneiden, gründlich in Frage gestellt.

„(...)
ich kenne, erkenne die
Berührschwüre der Jäger
(„erst wenn du tot bist
kann ich mir deinen Sprung
einverleiben
den halsgestreckten, den
holgerssontragenden Flug!“)

eines Tages zu sagen:
das Lebendigste an mir
sind die Würmer

Wir reden also über Gänse
Und 2 Schwäne kommen geflogen
(...)“

„Unter Jägern“ von Bettina Balàka – ein Erzählband, den man sich nicht entgehen lassen sollte, übrigens ebenso wenig wie ihren neuen Gedichtband „Dissoziationen“, der in mancherlei Hinsicht mit den Erzählungen korrespondiert.

Bettina Balàka, Unter Jägern, Droschl, Graz 2002
Dies., Dissoziationen, Resistenz Verlag, Linz/Wien 2002

Links:
Verlag Droschl

Files:
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