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Ihr werdet leben und leben und leben? | Datum: 04.06.2002
Andi Wahls bösartiger Bauernroman
autorIn: Walter Kohl
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Verlag: Sisyphus
Erscheinungsdatum: Mai 2002
Preis: 11 Euro |
Was ist eine “EU-Initiative gegen die Marginalisierung agrarischer Produktionseinheiten mit negativem Verkehrsanbindungspotenzial”? Sie wissen es nicht? Ganz einfach: Früher hieß so was “Ins-Gei-fahren” und bezeichnete jene Handelsform, bei der Handwerker mit ihren Produkten entlegene Höfe belieferten. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Ein jüngst erschienener Bauern-Roman leuchtet Art und Umfang dieses Wandels drastisch aus.
Lieb und harmlos kommt er daher, nett, als könnte er keiner Fliege ein Haar krümmen. Doch der Schein trügt: Dahinter steckt Klarheit und Schärfe und Angriffslust. Die Rede ist von Andi Wahl, dem politischen Menschen und Autor. Und die Rede ist gleichzeitig von seinem Debut-Roman: “Mit Gottes Kraft”, erschienen 2002 im Sisyphus-Verlag. Ein Bauernroman, so lautet der Untertitel, und der läßt gleich an Karl Wiesingers “weiling land und leute” denken, und wie beim seligen Max Maetz gibt es auch bei Andi Wahl eine Figur, die sich mit einem Stück Speck und einen Bluzer Most vors Haus setzt und hofft, daß “unten auf der Bundestraße ein Unfall passiert, damit ich eine Unterhaltung hab.”
Damit hat es sich aber auch schon mit Vergleichbarem. Denn bei Wiesinger ging es um die Attacke eines Ausgeschlossenen auf den ihn ausschließenden Kultur- und Literaturbetrieb. Wahl attackiert dagegen die Pervertierungen und Deformierungen der Agrar-Industrien. Wahl hat einen richtigen Bauernroman geschrieben, ein Stöck Löwingerbühne in Prosaform. “Gemütlich” kommen sie daher, die Landbewohner, aber dahinter, gleich unter der dünnen Schicht Zivilisation, regiert das Böse. Kein dämonisches Böses wird uns vorgeführt, sondern das
Resultat der vereinten Bemühungen von Agrarpolitik, Chemie- und Gen-Branche und
Genossenschaften um mehr Effizienz in der Lebensmittelerzeugung. Das kommt also
heraus, wenn die Kosten-Nutzen-Optimierung der Leit-Wert wird!
Wahl legt den Text witzig an. Das Buch ist zum Schreien komisch, und gleichzeitig rinnt es einem beim Lesen kalt über den Rücken, aber nicht, weil die Protagonisten absolut gemeine, profitgeile, rücksichtslose, herzlos grausame Schlächter sind, Tier- und Menschenschlächter, sondern weil sie in all dieser Abartigkeit doch nur einen kleinen Tick neben der Realität liegen. Oder, anders gesagt: Nur ein paar Jahre in die Agrar-Zukunft hinein geschrieben sind.
Abgründe tun sich auf im EU-kompatiblen ländlichen Raum, wie ihn Wahl entwirft. Was heißt Abgründe - es ist ein Inferno in Stufen, das sich entfaltet, eine Stufe gräßlicher als die nächste, und wenn man glaubt, man sei am Ende angelangt, abscheulicher kann es nicht mehr werden, dann führt einen der Autor mit einem lässigen Schlenker in eine neue Abscheulichkeit. Es ist eine obskure Gegend, in der Eigennutz, Niedertracht und Abgefeimtheit regieren. Da gibt es einen Kassadirektor, der einen Bauern abwirtschaften läßt, weil er auf dessen Hof spitzt, um daraus ein Seminarhotel zu machen. Als dann aber nur lauter Esoteriker kommen, die kein Geld in der Gemeinde lassen, macht sich Unmut breit. Nur die Straßen, die sind sauberer geworden, das muß man zugeben, “weil die Esoterikweiber mit ihren Fetzen den ganzen Dreck von der Straße wegscheren.” Man gibt sogar einen Wanderführer für Esoteriker heraus, in dem die Wanderwege so zusammengestellt sind, daß die Esoteriker im ganzen Ort herumkommen und den ganzen Dreck zusammen kehren. Und ein Bauer verbreitet das Gerücht, an einer Stelle seines Grundes lägen Opfersteine, die einst von einem mystischen Keltenvolk verwendet worden seien. Was dazu führt, daß “die Esoteriker” dem Bauern in Scharen die lästigen Steine aus dem Acker klauben.
Im Erfinden liebevoll ausgetüftelter Bosheiten und Skurrilitäten ist Andi Wahl stark. Mit Charme reiht er die Episoden aneinander, und baut gleichzeitig zwei Handlungsstränge auf, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Da ist auf der einen Seite Gustl, der Landwirt, der seinem Tagebuch erzählt, daß er “ganz gerne einmal eine Sau absticht, mir gefällt das, wenn sie so überrascht schauen.” Gustl und seinesgleichen produzieren, was gewünscht wird, wenn es sein muß auch 2000 rote Stiere mit einer Schulterhöhe von zehn Zentimetern und einer Lebenserwartung von zwei Wochen, die Red Bull als Werbegeschenke für wichtige Lieferanten geordert hat. Vom Kunstdünger zum Genkünstler! – so lautet der aktuelle agrarische Slogan.
Strang zwei sind Ansprachen, Trostreden, Versprechungen, schlafliedartiges Gemurmel einer gewissen Sabine an ihre ungeborenen Kinder. Sie hat die tiefgekühlten befruchteten Embryos aus dem Spital entführt, weil sie dort nach einem Jahr Aufbewahrzeit vernichtet werden sollen. Auf eigene Faust kühlt Sabine ihre “Kinderchen” ein und sinnt auf deren bestmögliche Zukunft. Auch bei der Konstruktion dieser Figur beweist Wahl Witz: Er schiebt in seinen Text einfach einen nicht-fiktiven Ausriß aus einer Tageszeitung ein, in dem genau so ein Fall von Embryonen-Entführung beschrieben wird, und spinnt dann die Geschichte weiter.
Einen einzigen Einwand gibt es gegen diesen Roman, und er richtet sich eher gegen das Lektorat, das es verabsäumt hat, den debütierenden Autor vor folgender Falle zu warnen: Ab und an läßt Wahl seine Figuren im Stich zugunsten dessen, was er uns unbedingt an Botschaft mitteilen will. Dann weichen einen Absatz lang der Witz und die Bösartigkeit aus der Sprache, und es wird zu viel erklärt, zu vieles eindeutig gesagt. Wenn die wahnsinnige Sabine ihren tiefgefrorenen Kinderchen erklärt, daß “Eigenständigkeit im Kapitalismus nur durch eigenen Besitz abgesichert werden kann, daher mußten wir die Kontrolle über die Existenzbedingungen unserer Kinder in die eigene Hand bekommen”, dann zerbröselt die Stimmigkeit der Person. Dann bricht Wahl die über 95 Prozent des Textes so fein gesponnene Ironie und nimmt seinen Attacken gegen die Auswüchse des Kapitalismus selbst die Schärfe und Spitze. Ich als Leser will in diesem Buch von Anfang an dem schrecklich dumpfen gemeinen Gustl und dem durchgeknallten Muttertier Sabine zuhören, und nicht dem klugen, politisch denkenden Wahl.
Dem Unterhaltungswert und Informationsgehalt des Bauernromans tun diese gelegentlichen Ausrutscher in der Tonlage keinen Abbruch. Am Schluß führt der Autor die Wege des tumb-bösartigen Gustl und der dumm-harmoniesüchtigen Sabine zusammen. Auf dem Lande treffen sie aufeinander, in der heilen Welt, wie Sabine glaubt: “Stellt euch vor, ihr werdet auf einem Bauernhof zur Welt kommen”, flüstert sie ihren tiefgekühlten befruchteten Eizellen zu, “auf einem Bauernhof! Inmitten von Schweinen und Entchen, die fröhlich über die Wiesen watscheln... Ihr werdet leben! Über grüne Wiesen tollen, an Blumen riechen, hinter Schmetterlingen herjagen, hell auflachen, wenn ihr etwas Schönes seht, und leben und leben und leben!” Sabine täuscht sich. Bei Andi Wahl, der so nett und lieb daherkommt, ist das Leben auf dem Land lebensgefährlich.
Die Buchbesprechung kurz zusammengefaßt: Hier legt ein scharfsichtiger, unbarmherziger Autor sein Debut in Form eines witzigen und makabren Buchs vor, das neoliberale und global-ökonomische Mechanismen mittels Überzeichnung und Persiflierung sichtbar macht – und das zugleich unterhält.
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