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Militärmusikvon Wladimir Kaminer | Datum: 19.01.2002
autorIn: Doris Rögner
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Verlag: Gebundene Ausgabe - 191 Seiten - Goldmann, Mchn.
Erscheinungsdatum: 2001
Preis: 18,00 euro |
Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Nach seiner Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk studierte er Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er in Berlin, wo er Veranstaltungen organisiert, Texte in Printmedien veröffentlicht und eine wöchentliche Radiosendung gestaltet.
Nach 2 Erzählungen sowie einer Anthologie erschien nun Kaminers erster Roman “Militärmusik”.
Die Handlung dieses autobiographischen Entwicklungsroman setzt 1967 ein.
Die Sowjetunion feiert 50 Jahre Oktoberrevolution sowie Erfolge in Ballett und Weltraumfahrt. Doch “Für die real existierenden sozialistischen Kleinbürger gab es nicht viele Gründe, stolz auf ihr Land und die dort herrschende Ordnung zu sein. Sie hatten mit dieser Ordnung etliche Probleme: Das Wurstproblem, das Zuckerproblem, das Butterproblem und unzählige andere, welche die Sowjetunion für sie unattraktiv machten.” In diese Zeit wird Kaminer geboren.
Auf unterhaltsame Weise beschreibt der Autor die kreative Auseinandersetzung des Heranwachsenden mit der allgegenwärtigen politisch-ideologischen Erziehung. Dabei stützt er sich vor allem auf seine Fähigkeit Geschichten zu erzählen: “...nur ein Haken war dabei. Meine Geschichten stimmten nicht. Ich war nämlich ein totaler Spinner.” Nicht nur dieser Hinweis macht es der/dem LeserIn unmöglich, die Grenzen zwischen Bericht und Groteske auszumachen.
Neben vielem, was frau/man nicht glauben kann, weil es schlichtweg außerhalb der Vorstellungswelt eine/r/s westeuropäischen Mittelschichtangehörigen liegt, gibt es einiges, was frau/man aufgrund immer noch latent vorhandener ideologischer Barrieren lieber ins Reich der Fabulierkunst verweisen möchte.
Und trotzdem: Insgesamt nehmen wir Kaminer seine Geschichte ab, und staunen darüber, wie Leben in einer derartige dysfunktionalen Gesellschaft funktioniert.
Geschichten über verschiedene Jobs, die russische Underground-Szene und die zweijährige Militärzeit lassen vermuten, dass die Dysfunktionalität das Leben einerseits unheimlich erschwerte, andererseits aber erst erträglich machte, indem es Repressalien relativierte.
Widersprüchlich scheint auch die Rolle Gorbatschows: Mehr Freiheit ging einher mit verstärktem Druck, Ordnungsversuche brachten endgültig das Chaos, und die Erneuerung beschleunigte den Zerfall.
Unter diesen Bedingungen verwundert es uns nicht, unseren Helden am Ende mit drei Bänden Solschenizyn und zwei schlechten Sience Fiction Romanen im Zug nach Berlin zurückzulassen, nachdem wir uns zwei Abende lang mit ihm amüsiert haben.
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