Popliteratur - Ein Gespenst ohne Charakter
Datum: 13.12.2001
autorIn:Jutta Sommerbauer
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Johannes Ullmaier hat mit „Von Acid nach Adlon und zurück“ ein Buch über deutschsprachige Popliteratur geschrieben.
„Ein Gespenst geht um im deutschen Medienbetrieb; die Pop-Literaten, oder stylegerechter: Generation Pop.“ Doch dieses Mal haben sich weder der Papst noch der Zar und schon gar nicht die deutschen Polizisten „zu einer heiligen Hetzjagd“ des Gespensts aufgemacht.
Das Buch, das mit dem obigen Zitat beginnt, versteht sich auch nicht als das Manifest der Pop-Literaten, sondern ist ein Sachbuch zum Thema. Glücklicherweise. Denn nach den bisherigen Erfahrungen mit den unter diesem Etikett in den letzten Jahren veröffentlichten Zeilen, drängt sich die leise Ahnung auf, dass man auf ein solches Manifest sowieso gut verzichten könnte.
Johannes Ullmaier, der Autor der grell-bunten und aufgrund ihrer unzähligen Abbildungen sowie typographischen Extravaganzen nur als „mutwillig verspielt“ zu bezeichnenden Publikation hat etwas anderes vor. „Von Acid nach Adlon und zurück“ ist eine „Reise durch die deutschsprachige Popliteratur“ (so der Untertitel), die mit „Acid“, einer Beat-Anthologie, beginnt und im Hotel Adlon, in dem sich 1999 - in Feridun Zaimoglús Worten - „ein paar Junker“ (darunter Kracht, von Stuckrad-Barre, Nickel) als popkulturelles Quintett zum kleingeistern trafen, endet. Dazwischen liegen 30 Jahre deutschsprachige Popliteratur, die in vier „Trips“ - darunter sind zwei für die 90er reserviert - geteilt sind. Eine CD mit allerlei Leseproben und sonstigem Hörenswerten sowie eine als „Swinging Gutenberg-Galaxis“ betitelte Bibliographie, die sehr ausführlich wie auch penibel durchkategorisiert ist, bieten über den Textteil hinausgehende Informationen.
Von der Randexistenz in die Neue Mitte
Lässt man zunächst den ersten Abschnitt - „Republic Royale“, in dem es vornehmlich um den Status und Begriff der Literatur geht, die aktuell im Mainstream mit „Pop“ identifiziert wird, unbeachtet, beginnt Ullmaier im zweiten Teil ganz von vorn: beim Beat der späten 60er. Entstanden im Kontext der 68er Studentenbewegung verarbeiteten Autoren wie Jörg Fauser oder Rolf-Dieter Brinkmann eine literarische Absage an die restaurative Gesellschaft, schwärmten von psychedelischen Erlebnissen und propagierten radikale Selbstfindung.
Der Status der Popliteraten als „Randexistenzen“ (Hadayatulla Hübsch) im Literaturbetrieb sollte auch in den 80ern noch nicht aufgegeben werden: Von der Ästhetik des Punk beeinflusste Autoren wie Max Goldt, Wiglaf Droste oder Thomas Kapielski begannen damals zu publizieren. Als eine der wenigen Frauen wird Francoise Cactus - Musikerin bei Stereo Total - ausführlicher im Buch vorgestellt, die seit ihrer 1996 erschienenen teils surrealen, am Genre der Mädchenliteratur orientierten Autobiographie „Autobigophonie“ auch literarisch bekannt ist. Ullmaiers Darstellung ist sehr personenzentriert, und nach Thomas Meineke und Rainald Goetz ist man auch schon beim Underground der 90er angelangt: bei AutorInnen „nicht-deutscher“ Herkunft, Vertretern des Social Beat und deren unabhängigen Netzwerk-Strukturen, der zweischneidigen Entwicklung von Poetry Slams in Richtung pseudo-lustige Comedy bzw. bornierte Kampfveranstaltung, usw.
Ullmaier, der auch Mitherausgeber der popkritischen Zeitschrift Testcard ist, verfährt sehr detailreich: Zahlreiche Zitate und Querverweise öffnen damit einerseits ein breites, ausgefranstes Feld; diese Vorgangsweise erschwert jedoch gleichzeitig die Erschließung des Themas, was gleich zu Beginn - beim Versuch der Erfassung der heutigen Verhältnisse - zu bemerken ist.
Der unbeschreibliche Pop
Mit einem rein deskriptiven „Panorama möglicher Kriterien“ soll hier dem gleichermaßen interessant-schillernden wie einfältig-beliebigen Begriff näher gekommen werden. Aber so wie Pop eben „jugendkulturell inspirierte Revolte, Dissidenz und/oder Subversion, aber auch echte oder scheinbare Affirmation“ sein kann, bleibt der Definitonsversuch ziemlich beliebig. „Popliteratur ist der Tendenz nach immer das was Martin Walser nicht ist“, ist auf einer der Seiten in großen Lettern zu lesen. Wenn alles außer Walser Popliteratur ist, dann ist das vor allem eins: ganz schön viel. Die Aneinanderreihung unzähliger Kriterien (poppiges Design, Alltagssprache, Subkulturanbindung, etc.) ist ein Ausdruck eines eher wahllosen und oberflächlichen Gedankens: Nur nichts vergessen. Sie vermag eben gerade nicht zu erhellen, was denn nun den Charakter der auf den Markt geworfenen Bücher ausmacht.
„Daß Lektoren mittlerweile auf den Jahrgang des Autors, der Autorin schauen, sagt eigentlich schon alles. Denn wenn sich das dann als Pop verkaufen lässt, ist es praktisch bedeutungslos, was jemand schreibt“, bemerkt der Schriftsteller Franz Dobler. Unter anderem hier hätte Ullmaier weiterfragen können, um neben den „vielen Gesichtern“ des Pop, die es zweifellos gibt, Hinweise darauf zu bekommen, warum manche denn gar so blöde grinsen ( - ähnlich hat es Felix Klopotek in der Jungle World 34/01 formuliert, als er eine Beschäftigung mit der Frage „Wie ist Popliteratur möglich?“ einforderte).
Wenn die Pop-Labels wie Preise im Supermarkt verteilt werden (bzw. Bücher als Titel ihren jeweiligen Ladenpreis bekommen, wie Beigbeders „39,90“), dann wird es zusehends müßig zu meinen, der Inhalt gelange im Etikett zu seinem wahrhaften Ausdruck, wenn die Logik doch vor allem umgekehrt funktioniert: „Pop“ ist derzeit das sicherste Schiff auf den Wellen des krisenhaften Marktes. Bei Autorinnen wie Judith Hermann und der, mit der für hiesige Verhältnisse üblichen Verspätung im Frühling als erste österreichische Pop-Schriftstellerin gehypten Rosemarie Poiarkov hätten vor einigen Jahren niemals die Pop-Glöckchen geklingelt. Erschiene Christiane F.s Fixerinnen-Geschichte heute, sie würde vermutlich neben Benjamin Leberts „Crazy“ im Regal stehen. Nicht der ethnologische Blick in der Rezeption von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ aufgrund der Herkunft der Protagonistin aus dem „Underdog-Milieu“, wie Ullmaier schreibt, ist der Hauptgrund dafür, dass F.s Drogenstory niemals Pop-Appeal hatte. Sie war schlicht und einfach 20 Jahre zu früh dran.
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