Wie es AsylwerberInnen in einem Dorf ergehen kann
Datum: 12.12.2004
Eine Reportage aus dem Traunviertel
autorIn:andi wahl
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Seit 1. Mai sind in der kleinen Gemeinde Niederneukirchen im Traunviertel an die 40 AsylwerberInnen untergebracht. Eine Situation, die der Ort mit einigen Gemeinden gemeinsam hat. Was Niederneukirchen aber von anderen unterscheidet ist, dass es dort eine sehr rege Hilfsbereitschaft der Bevölkerung für die Hilfesuchenden gibt.
Turpal ist ein aufgeweckter Bub. Zu aufgeweckt, so meinen manche. Vor allem im Sommer, als er und seine Freunde mit wagemutigen Kunststücken auf ihren Fahrrädern die Straßen unsicher machten und versuchten, mit Stöcken grüne Äpfel von den Bäumen zu schießen, wurde viel mit ihm geschimpft. Turpal ist neun Jahre und lebt als einer von 40 tschetschenischen Flüchtlingen in Niederneukirchen, einem oberösterreichischem Dorf in der Nähe von St. Florian, Traunviertel. Gemeinsam mit seiner Mutter und der zwei Jahre älteren Schwester kam Turpal am 1. Mai dieses Jahres in das 1890-Seelen Dorf. Dort sind sie in einem Gasthaus untergebracht. Wo der Vater steckt, und ob er noch am Leben ist, weiß man nicht. Turpal möchte nicht darüber sprechen.
Zur Begrüßung der AsylwerberInnen kam damals auch die Bürgermeisterin. Sie verzichtete, obwohl Sozialdemokratin, dieses mal auf den Maiaufmarsch. Ein starker Tag für die sie. Noch am Vorabend waren in der Gemeindestube die Wogen hochgegangen. Bei einer Unterredung zwischen Quartiergeber, dem zuständigen Landesbeamten und VertreterInnen der Gemeinde war heftig diskutiert worden, was die Einquartierung von Asylwerbern für das Dorf bedeuten würde. Vor allem der Vorsitzende des Sozialausschusses, im Zivilberuf Polizist,hatte sich mit apokalyptischen Weissagungen hervorgetan. Mit den Tschetschenen, so hatte er prophezeit, würde das Verbrechen nach Niederneukirchen kommen. Weil das zu 90 Prozent Gangster seien. Von einem Kollegen wollte er erfahren haben, dass es im damaligen Aufenthaltsort keine Fahrräder mehr gäbe. Alle von den Tschetschenen gestohlen.
Als die 8 Familien aber am Morgen des 1 Mai aus dem Reisebus ausstiegen, war von solchen Verdächtigungen nichts mehr zu hören. Ebenfalls bei der Begrüßung (wie auch am Vorabend bei der Besprechung im Gemeindeamt) war ein Vertreter des eilig gegründeten Hilfskomitees. Der bekennende Gutmensch hatte auch einen Kuchen mitgebracht, von dem sich die Kinder nur zögernd ein Stück zu nehmen trauten. „Damals“, so sagt er heute und grinst breit dabei, „war das Hilfskomitee eine reine Behauptung.“ Seine Frau und er dachten sich, sie müssten handeln bevor eine Bürgerinitiative gegen das Asylheim entstehe und gleich einmal erklären, dass es bereits ein Hilfskomitee gäbe.
Von Hilfsbereitschaft überrascht
Etwa eine Woche später wollte sich das Ehepaar mit einigen Bekannten treffen, um zu beraten, wie man den untergebrachten AsylwerberInnen helfen könnte. Durch Mundpropaganda, die sicherste Kommunikationsform in kleinen Dörfern, wurde das Treffen aber bekannt und es kamen etwa 120 NiederneukirchnerInnen, die ihren Teil leisten wollten. Auch die Tschetschenen selbst und die Direktorin der Volksschule waren anwesend. Die Überwindung der Sprachbarriere besorgte eine in Niederneukirchen ansässige gebürtige Russin. Die Volkschule fungierte damals als erste Anlaufstelle für die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung und drohte bereits in Kleidung und Schulsachen zu ersticken. Dieser Abend wurde für viele zu einer ersten rührenden Begegnung, zeichneten sich die Asylwerber doch durch ausgesuchte Höflichkeit aus, und ein Asylwerber hielt im Namen aller eine Rede, in der er sich für die bereits geleistete Hilfe bedankte. Turpal, der Bub der im Sommer so mancheN NiederneukirchnerIn zur Weißglut treiben sollte, saß an diesem Abend eng bei seiner neuen Lehrerin. Seine Mutter wurde einige Tage zuvor ins Krankenhaus eingeliefert und außer der Lehrerin kannte er fast niemanden.
An diesem Abend wurde dann auch das tatsächliche Hilfskomitee gegründet: Der heutige „Integrationskreis Niederneukirchen“, eine lose Gruppe, die sich anfänglich die kulturelle Integration der im Asylquartier untergebrachten Menschen zum Ziel setzte. Zuerst musste aber die Verwaltung der Hilfsgüter organisiert werden. Eine Aufgabe, die sich in den kommenden Monaten als sehr aufwendig herausstellen sollte. Von der Gemeinde wurde dem Integrationskreis eine Klasse der alten, zum Großteil leerstehenden, Volksschule zugewiesen. Hier stapelten sich bald Schachteln und Säcke voller Kleidung, Spielsachen, Kinderwägen und Schuhe. Alles Spenden aus der Bevölkerung. Dass manches schon wirklich schäbig und abgetragen war, war ein Wehrmutstropfen für die Leute vom Integrationskreis und Anlass zu Ärger. Um nicht ständig auf Abruf bereit sein zu müssen, beschränkte der Integrationskreis Spendenannahme und –abgabe auf die Donnerstagnachmittage. Dafür wurde an diesen Donnerstagen auch immer Kaffee, Saft und Kuchen aufgetischt. Mittlerweile war auch die Schüchternheit der Kinder gegenüber fremden Kuchen gewichen, und es war jedes Mal ein Schauspiel, den Kindern beim Vertilgen zuzusehen. Der beabsichtigte Effekt, dass sich diese Donnerstage zu einer Begegnungsplattform entwickeln sollten, trat leider nur in geringem Maße ein.
Mangel der Professionellen ausgleichen
Wie überhaupt der Integrationskreis sich plötzlich mit Arbeiten überhäuft sah, mit denen er nur beschränkt gerechnet hatte. Anstatt das Miteinander der neuen Gemeindemitglieder mit den alt Eingesessenen vorantreiben zu können, sahen sich die AktivistInnen gefordert, die Unzulänglichkeiten der professionellen Helfer auszugleichen. Bis heute kümmert sich der Integrationskreis um die meisten Arztfahrten. Ein Problem, das man nur schwer in den Griff zu bekommen scheint. Zu Spitzenzeiten fuhren wöchentlich mehrere Autos nach Linz, um AsylwerberInnen zu einem Facharzt oder in ein Spital zu bringen. Was die Sache vor allem aufwändig macht, ist, dass die Leute auch in Linz intensive Betreuung brauchen, um sich verständlich zu machen oder auch nur um in das richtige Zimmer zu gelangen. Um diese unhaltbare, und sehr kräfteraubende Situation zu entschärfen organisierte der Integrationskreis im August eine Postbusfahrt nach Linz. Die AsylwerberInnen sollten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vertraut gemacht werden und sehen, wie man die wichtigsten Orte ohne eigenen Chauffeur erreicht. Auch dies ein Unterfangen, das leider nicht die Früchte getragen hat, die man sich erwartet hätte. Bis heute weigern sich einige, mit dem Postbus zu fahren und lassen den Facharzttermin eben sausen, wenn sich niemand findet, der sie chauffiert. Ein Grund dafür könnte sein, dass Asylwerber nur über 40 Euro Taschengeld im Monat verfügen. Macht 1,30 Euro am Tag. Eine Fahrkarte nach Linz-retour kostet aber 3,20 Euro. Prinzipiell könnten AsylwerberInnen für Arztfahrten dieses Geld wieder vom Land Oberösterreich zurück erstattet bekommen.
Allerdings streiten sich die Volkshilfe, die die niederneukirchner AsylwerberInnen betreut, und die Landesregierung um die Abwicklung dieser Kosten. Die Landesregierung meint, die Volkshilfe sollte das Geld vorstrecken und mit dem Land verrechnen. Die Volkshilfe weigert sich aber, weil sie fürchtet, das Geld nicht wieder zu sehen. Eine Angst, die man im Integrationskreis verstehen kann. Das Land hatte auch zugesagt, die Kosten für den Ausflug im August zu übernehmen. Bis heute ist aber das versprochene Geld nicht eingetroffen. Ein Umstand, der dem „Finanzminister“ des Integrationskreises, Gailus Wolfgang, ein feuriges Leuchten in die Augen treibt. „Das werde ich aus den Kerlen schon rausquetschen“ versichert er bei jedem Treffen siegessicher. Mittlerweile ist er schon zu offenem Telefonterror übergegangen. Aber er könne noch ganz andere Saiten aufziehen, gibt er sich geheimnisvoll. Wolfgang, ein agiler Mittvierziger und Mitglied im Pfarrgemeinderat, konnte auf dem von ihm verwalteten Spendenkonto schon etwa 1.400 Euro an Einzahlungen verbuchen. Wie viel davon aus seiner eigenen Brieftasche stammt, will er nicht sagen. Bankgeheimnis.
Ein wildes Bergvolk
Gertrud Aspöck, Flüchtlingsbetreuerin der Volkshilfe und für Niederneukirchen zuständig, sieht aber noch einen weiteren Grund, weshalb einige AsylwerberInnen ständig gefahren werden wollen. Es sind die Leute vom Integrationskreis selbst. Solange sie sich nicht weigern zu fahren, werden die AsylwerberInnen immer wieder auf sie zurück greifen. Für sie sind Tschetschenen überhaupt die schwierigsten, weil forderndsten Betreuungsfälle. Und sie wundert sich auch nicht, dass in Tschetschenien seit Jahrhunderten gekämpft wird. „Ein stures Bergvolk.“, so Aspöck. In anderen Quartieren haben Tschetschenen schon mehrmals Hungerstreiks veranstaltet, um eine Verbesserung der Ernährungssituation zu erreichen. Und auch in Niederneukirchen ist die Ernährung seit Beginn ein Streitthema. Der Quartiergeber besteht darauf, dass sein Quartier Vollverpflegung anbietet. Da er aber keine eigenen Küche betreibt, lässt er Fertiggerichte von einem Cateringdienst anliefern. Fertig portioniertes Essen, das in Aluminiumtassen aufgewärmt wird und auch gleich aus diesen gegessen werden kann. Die AsylwerberInnen möchten aber viel lieber selbst kochen. Das würde ihnen nicht nur 150 Euro (für Kinder 110 Euro) Verpflegungsgeld einbringen, sondern sie könnten auch nach ihrem Geschmack kochen.
Im Integrationskreis weist man noch auf einen anderen Aspekt hin: Selbst zu kochen ist ein wesentliches Stück Selbstbestimmung. Und gerade Selbstbestimmung sollte Menschen, die aus Gebieten kommen, wo der Krieg ihr Leben bestimmte, und die sich dann in die Hände von Schleppern begaben, um aus dieser Situation heraus zu kommen, zugestanden werden. Aber da lässt der Quartiergeber nicht mit sich reden. Stur wie ein tschetschenischer Freischärler.
Der Kritik der Flüchtlingbetreuerin Aspöck, dass die Hilfsbereitschaft des Integrationskreises auch zur Trägheit der AsylwerberInnen und zum Versorgungsdenken beiträgt, kann man dort durchaus etwas abgewinnen. Auch wenn es Doris Rögner, zusammen mit Anna-Maria Karan der eigentliche Pulsschlag des Integrationskreises, bei einer solchen Argumentation die Zornesröte ins Gesicht treibt: „Selbst meinen die Leute eine Woche Wellness-Urlaub zu brauchen, wenn sie einmal ein paar Monate mehr gearbeitet haben. Aber Menschen, die aus Kriegsgebieten kommen und ein halbes Jahr auf der Flucht waren, werfen sie `Versorgungsdenken´ vor. Wenn die kein Recht haben einmal ordentlich auszuspannen, wer dann?“
Dennoch bemüht man sich im Integrationskreis, die eigene Arbeit auch kritisch zu hinterfragen. Aber auch hier setzt Kritik an der Volkshilfe ein. Eigentlich sollte man von einer Organisation, die seit Jahrzehnten der öffentlichen Hand Flüchtlingsbetreuung verkauft, etwas mehr Know-how erwarten dürfen. Wie wirkt Vollversorgung auf Flüchtlinge? Wie kann man Kompetenzen von Flüchtlingen stärken und verhindern, dass sie in eine unmündige Konsumhaltung verfallen? Wie funktionieren Asylantenquartiere gruppendynamisch und welche Vorkehrungen sind zu treffen? Welchen Beitrag kann die Bevölkerung leisten? Auf diese, und noch einige Fragen mehr, erhofften sich die Leute in Niederneukirchen Antworten von einer professionellen Organisation und ernteten nur Achselzucken. Aspöck möchte nicht ausschließen, dass man in der linzer Zentrale darüber etwas wisse, ihr ist jedenfalls nichts bekannt.
Gibt es Gegner?
Ob es in Niederneukirchen auch Gegner der Unterbringung von AsylwerberInnen im Ort gibt, weiß die Integrations-Aktivistin Doris Rögner schlichtweg nicht. Wenn es sie gibt, so machen sie einen weiten Bogen um den Integrationskreis. „Menschen mit ausländerfeindlichen Haltungen trauen sich bei uns nicht aufzumucken“, meint sie selbstsicher. „Und das möchte ich ihnen auch nicht raten!“ setzt sie noch drauf.
Links:
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