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„Mein Unglück fing an, als eures zu enden begann.“

Datum: 12.11.2004

Die palästinensische Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser besuchte kürzlich Linz

autorIn:andi wahl
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Dr. Sumaya Farhat-Naser lehrt seit 20 Jahren Biologie an der Birzeit-Universität in der Nähe von Ramallah. Sie ist eine der bekanntesten Vertreterinnen einer säkular-aufgeklärten Zivilgesellschaft in Palästina. In Linz stellte sie ihr neuestes Buch „Verwurzelt im Land der Olivenbäume“ vor und sprach über die Lage in den besetzten Gebieten.

„Mein Unglück fing an, als eures zu enden begann.“ ist ein Zitat aus einem Brief von Farhat-Naser an eine israelische Friedensaktivistin, mit der sie jahrelang zusammenarbeitete. Dieser Brief, und auch die Antwort darauf, finden sich in dem von Farhat-Naser am 9. Dezember im Alten Rathaus vorgestellten Buch „Verwurzelt im Land der Olivenbäume“.
Noch vor Beginn ihrer Lesung wies Farhat-Naser auf den Sinn solcher Veranstaltungen hin. „Wir müssen das Bild von uns selbst prägen.“ Denn die westlichen Medien verzerren das Bild der PalästinserInnen bis zur Unkenntlichkeit. Machen aus einem Volk eine Horde wildgewordener, religiös-fundamentalistischer Selbstmordattentäter.

In ihrem Buch erzählt sie von den Schwierigkeiten und Rückschlägen, denen der Friedensprozess im Nahen Osten immer wieder unterworfen ist. Sie erzählt auch von der Schwierigkeit in diesem Konflikt menschlich handeln zu können. So musste sie sich einige Tricks einfallen lassen, um einen israelischen Soldaten, der sich einige Tage zuvor als menschlich erwiesen hatte, zu grüßen. Würde es jemand am Checkpoint merken, würde sie sofort der Kollaboration verdächtigt werden. „Und es gibt viel Kollaboration in unserem Land, sonst würde die Besatzung nicht funktionieren.“ setzt sie erklärend hinzu.
Farhat-Naser, die nicht nur seit gut 20 Jahren an der palästinensischen Birzeit-Universität Biologie lehrt, sondern ihren Studenten auch Konfliktbewältigungstraining anbietet, gründete vor einigen Jahren die Gruppe „Palästinensische Frauen für den Frieden“. Diese Gruppe arbeitete jahrelang mit der israelischen „Bat Shalom“ zusammen. Diese Zusammenarbeit muss nun brach liegen. In der derzeitigen Situation ist es so gut wie unmöglich, sich zu treffen. Seit 4 Jahren ist die Bewegungsfreiheit von Farhat-Naser in Palästina auf 8-10 Kilometer rund um ihre Heimatstadt beschränkt. Will sie in andere palästinensische Städte, so muss sie um eine Militärerlaubnis ansuchen. Diese kann gewährt werden oder auch nicht. Das von Israel besetzte palästinensische Gebiet, so Farhat-Naser ist in 4 Gefängnisse unterteilt. In diesen gibt es wieder kleinere Käfige in denen noch kleinere Käfige stecken. Die besetzten Gebiete sind mit 175 Checkpoints überzogen, an denen einmal mehr einmal weniger willkürlich entschieden wird wer durchgelassen wird. Dazu kommen noch „fliegende Checkpoints“ die plötzlich errichtet werden und die Menschen oft stundenlang festhalten.

In ihrem der Lesung folgenden Vortrag entzauberte Farhat-Naser auch die Rückzugspläne der Regierung Sharon und die Politik der Arbeiterpartei unter Barak und Peres. Gleichzeitig wies sie auf die langfristigen Pläne zur weiteren Besiedelung des Westjordanlandes hin, die seit Jahrzehnten – unabhängig von der jeweiligen Regierungskonstellation – umgesetzt werden. 1969, noch als Studentin, bekam sie von einem Gastprofessor einen Besiedelungsplan für das Westjordanland zugesteckt. Über die darauf verzeichneten 170 geplanten Siedlungen schütteten alle den Kopf. Heute sind es 248, und der Ausbau geht weiter.

Friedenshoffnungen nach dem Tod Arafats, den sie als einen patriarchalen Orientalisten beschreibt, kann sie nicht entwickeln. Aber die Wahlen am 9. Jänner könnten zu einer Demokratisierung der palästinensischen Gesellschaft führen. Friedenschancen wird es, nach Farhat-Naser erst nach den israelischen Wahlen in eineinhalb Jahren geben. „Bis dahin müssen wir uns auf einen blutigen Konflikt und eine weitere Eskalation einstellen. Die PalästinenserInnen haben gelernt, dass nur eine Vervielfachung der israelischen Opfer die Israelis an den Verhandlungstisch zwingen kann.“



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