Man muss sich immer wieder damit auseinandersetzen
Datum: 12.12.2004
Der Historiker und Archivleiter Dr. Walter Schuster zum großen NS-Projekt der Stadt Linz
autorIn:andi wahl
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Die Stadt Linz setzte mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus neue Standards für österreichische und deutsche Städte. Den Kern dieses Projektes bilden 5 Bücher, die vom Archiv der Stadt zwischen 1995 und 2004 herausgegeben wurden. Im Herbst dieses Jahres wurde der (vorläufig) letzte Band dieser Reihe der Öffentlichkeit präsentiert. Eine treibende Kraft und Pulsschlag dieses opus magnum ist der Archivleiter und Historiker Walter Schuster. Mit ihm sprachen wir anlässlich dieses Ereignisses.
prairie: Herr Schuster, sie beschäftigen sich nun schon einige Jahre intensiv mit der NS-Zeit in Linz. Einerseits als Historiker, forschend und publizierend, andererseits auch als Herausgeber und Koordinator jener Bücherreihe, die seit 1995 vom Archiv der Stadt Linz zum Thema herausgegeben wurde. Hat sich in diesen Jahren Ihr Bild von Linz geändert?
Schuster: Ein Hauptergebnis dieser langen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ist, dass wir nun sehr viel mehr Details wissen. Wir haben viel mehr Quellen erschlossen als vorher bekannt waren. Zukünftige Forschungen können nun auf sehr viel mehr aufbauen, als wir es konnten.
Wir haben ja mit dem Projekt „Nationalsozialismus in Linz“ noch vor der Historikerkommission begonnen. Mittlerweile gibt es auch ein großes NS-Projekt des Landes Oberösterreich. Alle diese Forschungen sind miteinander zu sehen und bringen miteinander neue Erkenntnisse.
Meine Sichtweise des Nationalsozialismus hat sich insofern geändert, dass wir doch einen verstärkten Eindruck davon bekommen haben, wie tief der Nationalsozialismus in der Bevölkerung verankert war. Es hat kaum ein Regime gegeben, das auf so große Akzeptanz gestoßen ist, wie das nationalsozialistische. Vor allem die Unmenschlichkeit des Alltags, was der Nationalsozialismus im konkreten Leben der Menschen bedeutete, wurde selbst lange nach 1945 nicht reflektiert. Man hat auch nach 1945 noch lange zwischen guten und schlechten Seiten des Nationalsozialismus unterschieden. Eine Erkenntnis aus unserem Projekt ist, dass man diese Unterscheidung nicht treffen kann. Jede auch noch so positiv erscheinende Maßnahme des NS-Regimes stand in direktem Zusammenhang mit der Verfolgung und Vernichtung politischer, sozialer und rassischer Minderheiten. Die große Beteiligung der Bevölkerung an diesem System ist schon sehr erschütternd.
Dass zum Beispiel die Verwaltung des Magistrates, etwa durch das Einwohner- und Standesamt, direkt an der Ausforschung, Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Mitbürger beteiligt war. Oder im Bereich Rassenhygiene. Hier war das Gesundheitsamt zuständig für die Feststellung, ob jemand erbgesund war oder nicht. Die neurologische Abteilung des AKH war involviert in der Definition lebensunwerten Lebens. Mit der Konsequenz der Einlieferung nach Niedernhart oder Hartheim. Die Stadtverwaltung ließ wesentliche Arbeiten – etwa bei der Aufrechterhaltung der Infrastruktur nach Bombenangriffen – durch KZ-Häftlinge verrichten. KZ-Häftlinge mussten unter menschenverachtenden Bedingungen Luftschutzstollen für die Bevölkerung bauen. Auch ZwangsarbeiterInnen aus verschiedenen Nationen wurden zur Aufrechterhaltung der städtischen Infrastruktur eingesetzt.
In dieser Dimension ist das neu, und war vorher, auch in HistorikerInnenkreisen nicht bekannt. Hier wurde vor allem das Bild des Alltags im Nationalsozialismus, wie es vorher existierte, sehr verändert.
prairie: Jetzt ist es aber doch auch so, dass Linz in der Zeit des Nationalsozialismus durch Industrialisierung, Wohnbau, Eingemeindungen usw. einen großen Sprung nach vorne gemacht hat. Linz, wie es uns heute entgegen tritt, wurde wesentlich in der NS-Zeit geformt.
Schuster: Das stimmt. In der NS-Zeit sind Weichenstellungen passiert, die natürlich nach 1945 sehr wichtig waren. Aber alle diese Maßnahmen – gerade die Industrialisierung (die natürlich wesentliche Bedeutung für die Kriegsrüstung hatte) oder der Einsatz von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern in den Hermann-Göring-Werken – zeigen, dass das immer Maßnahmen waren, die auch gegen Teile der Bevölkerung gerichtet waren oder auf deren Kosten passierten. Heute ist man soweit, dass man sagen kann, dass diese Maßnahmen nicht als positiv zu bewerten sind. Man kann nicht, indem man Teile der Bevölkerung verfolgt und ermordet, positive Maßnahmen für andere Teile der Bevölkerung setzen. Und genau das hat das NS-Regime gemacht. In diesem Licht sind Maßnahmen wie Wohnbau, Industrialisierung und Eingemeindungen zu sehen. Das NS-Regime hat keine einzige positive Maßnahme gesetzt, die als positiv charakterisiert werden kann, weil diese immer auf Kosten von großen Teilen der Bevölkerung gegangen sind.
Die Kontinuitäten der Nachkriegszeit und der Zweiten Republik zur NS-Herrschaft, was städtische Infrastruktur betrifft, oder den verkehrstechnischen und industriellen Ausbau, sind unbestritten. Nur hat es auch personelle und mentalitätsmäßige Kontinuitäten gegeben. Und das ist etwas, das der Zweiten Republik natürlich nicht gut getan hat.
prairie: Die Stadt Linz bewirbt sich für 2009 als EU-Kulturhauptstadt. Da fällt einem – wenn man sich etwas für den Nationalsozialismus interessiert, und die von ihnen mit herausgegebenen Bücher gelesen hat – auch der Sonderauftrag Linz ein. Der beabsichtigte Ausbau von Linz zur Kulturhauptstadt der Reiches, mit dem „Kernprojekt“ des Kunstmuseums für das unzählige Kunstschätze in ganz Europa zusammengeraubt wurden.
Gibt es hier Vorkehrungen seitens der Stadt, wie einem solchen Analogieschluss zu begegnen ist? Wurden Sie hier eingebunden?
Schuster: Ich denke, dass der Gemeinderat, der Bürgermeister und der Kulturreferent der Stadt Linz seit langem sehr verantwortungsbewusst mit diesem Themenkomplex umgehen. Gerade in Hinblick auf EU-Kulturhauptstadt 2009 ist es sehr, sehr gut für die Stadt Linz, dass so früh, als von einer Kulturhauptstadt noch gar nicht die Rede war, vom Gemeinderat die Aufarbeitung des Nationalsozialismus beschlossen wurde. Neben den wissenschaftlichen Publikationen durch das Archiv werden von der Volkshochschule auch jährliche Veranstaltungsreihen durchgeführt, es gibt Internetpräsentationen und auch die Unterstützung privater und externer Projekte durch die Stadt Linz. Wie etwa die Unterstützung für Andreas Gruber, der vor einigen Jahren einen sehr wertvollen Film zu diesem Thema produziert hat.
Das heißt, die Stadt Linz ist glaubwürdig. Sie ist sehr glaubwürdig, weil sie sich schon seit langem mit dieser Thematik auseinandersetzt. Sicher so, wie keine andere Stadt im deutschsprachigen Raum. Insofern braucht man für die EU-Kulturhauptstadt 2009 keine eigenen Projekte mehr, sondern man braucht nur das weiterführen, was man ohnehin schon kontinuierlich gemacht hat.
Diese Auseinandersetzung trifft auch auf eine sehr große Akzeptanz der inzer Bevölkerung. Wir merken das beispielsweise auch bei den Vortragsreihen der VHS, dass regelmäßig 80 bis 100 Personen zu diesen Vorträgen kommen. Das war vor 10 oder 15 Jahren noch nicht der Fall.
Aber die Stadt steht nicht nur für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, sondern auch für die Beschäftigung mit der Zeitgeschichte überhaupt. Gerade in Hinblick auf die EU-Kulturhauptstadt 2009, wurde im Vorjahr ein großes Projekt „Linz im 20. Jahrhundert“ beschlossen. Hier sollen alle Aspekte, Kultur, Soziales, Wirtschaft usw. im 20 Jahrhundert wissenschaftlich bearbeitet werden. Auch hier werden eigene Publikationen erscheinen. Im Rahmen dieses Projektes werden Themenbereiche, wie etwa der „Ständestaat“, zu denen es bisher noch sehr wenig Forschung gibt, kritisch bearbeitet.
prairie: Nochmals zurück zur EU-Kulturhauptstadt. Sie persönlich meinen nicht, dass man sich 2009 mit diesem alten „Kulturhauptstadt-Projekt“ aus der NS-Zeit auseinandersetzen solle?
Schuster: Ganz im Gegenteil! Ich finde es absolut notwendig, sich immer wieder und andauernd damit auseinander zu setzen. Aber die Stadt Linz macht das in einer sehr beispielhaften Weise seit 1996 und ich habe kein Indiz von den politischen Entscheidungsträgern, dass das in Hinkunft nicht genau so sein soll. Im Gegenteil. Es gibt Bekundungen des Bürgermeisters und des Kulturreferenten auch in Zukunft so beispielhaft zu wirken.
prairie: Danke.
Links:
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