Kein Ort der Macht
Datum: 18.12.2004
autorIn:Babels
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Klassische neoliberale Organisations-, Management- und Dienstleistungspraktiken statt basisdemokratischen Experimenten? - Das Europäische Sozialforum in der Kritik.
Die folgende Stellungnahme wurde von den europäischen Babels-Koordinatoren verfasst, die in London anwesend waren und zu Beginn verschiedener Veranstaltungen am ESF in London verlesen. Die Stellungnahme spricht die Problemfelder, denen die Sozialforen derzeit gegenüber stehen an, argumentiert aber im Gegensatz zu vielen anderen negativen Kommentaren zum ESF oder anderen Foren nicht aus der allwissenden Positionen diverser Politsekten, was diesen Beitrag wohl besonders bedenkenswert macht.
Babels ist ein internationales Netzwerk von Freiwilligen, die alle
Plenarveranstaltungen und Seminare des Europäischen Sozialforums übersetzen und dolmetschen. Wir sind ein Netzwerk von mehr als 7.000 freiwilligen Dolmetschern aus mehr als 30 Ländern, die in mehr als 50 Sprachen kommunizieren.
Für dieses 3.Europäische Sozialforum in London hat Babels mehr als 500 Freiwillige versammelt, um in allen Plenarveranstaltungen und Seminaren zu dolmetschen. Sprecher waren in der Lage, sich in mehr als 15 verschiedenen Sprachen auszudrücken und Delegierte aus mehr als 60 Ländern waren in der Lage, diesen Debatten zu folgen und sich an ihnen zu beteiligen.
Wir existieren, um mehrsprachige Kommunikation in Foren und Prozessen zu erleichtern, die an den Prinzipien der Porto Alegre-Charter des Weltsozialforums festhalten. Die wichtigsten dieser Prinzipien sind:
1.) dass die Sozialforen keinen „Ort der Macht“ bilden, „der unter den Teilnehmern dieser Treffen umkämpft ist“.
Und (2.) „das Sozialforum ist ein pluraler, mannigfaltiger, nicht-konfessioneller, Nicht-Regierungs- und parteifreier Zusammenhang, der auf dezentralisierte Art wechselseitige Beziehungen zwischen Organisationen und Bewegungen herstellt, die sich mit konkreten Aktionen auf Ebenen von lokal bis international dafür
einsetzen, eine andere Welt zu schaffen“.
Unser Ziel ist es, diese Prinzipien dadurch mit Leben zu erfüllen, dass wir die größtmögliche Anzahl von Menschen in die Lage versetzen, an Sozialforen so umfassend wie möglich teilzunehmen, indem Sprachbarrieren niedergerissen und die Mittel bereitgestellt werden, um sich in einer mehrsprachigen und multikulturellen Umgebung gegenseitig zu verstehen. Vielleicht ist unser wichtigstes Prinzip das der Selbstorganisation. Wir sind bestrebt, die technischen und politischen Mittel für die Foren zu entwickeln, um sie unabhängig von der kapitalistischen Sphäre zu organisieren und zu demonstrieren, dass eine andere Welt nicht nur möglich ist, sondern bereits geschaffen wird.
Bedauerlicherweise wurden bei der Organisierung dieses Forums viele Gelegenheiten zum Experimentieren und zur Innovation ausgelassen, was den Ausschluss vieler Leute, Organisationen, Netzwerke, Gruppen und sogar Länder zur Folge hatte. Stattdessen wurden klassische neoliberale Organisations-, Management- und Dienstleistungspraktiken angewandt. Mit dem Ergebnis, dass das Forum vollständig vom Staat abhängig war. Das steht in völligem Widerspruch zur Porto Alegre-Charter.
Das ESF auf diese Weise zu organisieren, hatte desaströse Konsequenzen für die selbständige Entwicklung unserer Bewegungen. Die Einbeziehung von Netzwerken von Aktivisten und Freiwilligen ermöglicht nicht nur das größtmögliche Kollektiv von Leuten bei der Schaffung von Alternativen , sondern ebenso die Einbeziehung der größtmöglichen Anzahl sozialer und politischer Akteure, um dadurch eine Dynamik immer stärker werdender Mobilisierungen der sozialen Bewegungen hervorzurufen. Dieses Forum verfügt über eine quälende Erfahrung der Demobilisierung, nicht nur was die Anzahl der Delegierten anbelangt (weniger als die Hälfte als im vergangenen Jahr), sondern ebenso einen chronischen Mangel an Freiwilligen, um dabei zu helfen, ein erfolgreiches Forum zu ermöglichen.
Schließlich und endlich war eines der Hauptthemen des ESF zu Recht der Kampf gegen Rassismus und Faschismus in Europa. Betrübt wollen wir Euch darüber informieren, dass einige unserer freiwilligen Dolmetscher heute nicht hier sein können, weil ihnen die Einreise ins Vereinigte Königreich nicht erlaubt wurde. Das ist ein direktes Resultat der rassistischen Asyl- und Einwanderungspolitik der britischen Labour-Regierung und ein weiteres Beispiel dafür, dass die Festung Europa eine Realität und keine Parole ist.
Insbesondere mehreren Dolmetschern aus der Türkei, Russland, Rumänien, den Maghreb-Staaten (Tunesien, Algerien, Marokko und Libyen) sowie dem Mittleren Osten wurden ihre Visa verweigert. Es ist traurig berichten zu müssen, dass die Art wie das ESF in diesem Jahr organisiert wurde, in dieser Situation nicht hilfreich war.
Text: Koordinatoren des Babels International Network of Volunteer Interpreters and Translators
Links:
European Social Forum
Babels
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