2000 zeichen aus     kapital + arbeit     kultur + barbarei     politik + verbrechen     stadt + land     zentrum + prairie    


Es muss ein Aufbauprogramm geben

Datum: 18.12.2004

Kulturdirektor Siegbert Janko im Gespräch

autorIn:andi wahl
++++++++++

Linz wird, zusammen mit Vilnius, 2009 EU-Kulturhauptstadt. Kulturdirektor Siegbert Janko meint, dass sich das auch in der Unterstützung für Freie Gruppen auswirken muss.

prairie: Lass uns mit etwas Amüsantem anfangen. Kürzlich sind die BetreiberInnen des Zeitkulturvereins KAPU dahinter gekommen, dass ihr Verein beim Land Oberösterreich auf einer Liste parteinaher Kultureinrichtungen steht. Das erinnert an die Proporz-Zeiten der Zwischenkriegszeit. Das ist, als ob plötzlich ein Dinosaurier über die Straße laufen würde. Das Dumme ist nur, dass der Verein nun auf Grund dieser Liste Schwierigkeiten bei Subventionsverhandlungen hat. Auch der Stadt wird vorgeworfen, mündliche Zusagen nicht eingehalten zu haben. Ist die Stadt hier wortbrüchig?

Janko: Ob es mündliche Zusagen gab, weiß ich nicht. Es hat auf jeden Fall auf Beamtenebene mündliche Verwendungszusagen gegeben. Wir können auf unserer Ebene immer nur Vorschläge unterbreiten. Die Entscheidungen werden in politischen Gremien gefasst. Bis vor einem Jahr wurden im Falle der KAPU diese Vorschläge auch beschlossen und vollzogen.
Mit Arbeitsantritt des neuen Kulturreferenten gab es ein Gespräch zwischen diesem und den BetreiberInnen der KAPU. Der Kulturreferent hat dort keine Zusagen gemacht, sondern nur versprochen, die mit der Übernahme des gesamten Hauses durch den Verein neu entstandene Situation zu prüfen. Man wird, so der Kulturreferent damals, versuchen über die Dreijahresförderung hinaus auch Projektförderungen zu geben. Zu diesem Entscheid kam es aber vorerst nicht,das Ansuchen der Kapu wurde aber in den letzten Tagen für 2004 erledigt. Das heißt,es wurde zwischenzeitlich der auf Beamtenebene vorgelegte Entwurf auch von politischer Seite gut geheißen. Es gibt jedoch (noch) keine über die Dreijahresförderung hinausgehende Zusage für das nächste Jahr. Soweit ich die KAPU und ihre Arbeit kenne, sind die Forderungen, die sie stellt, aber sehr sehr berechtigt. Auf der Basis der vorhandenen Fakten, der Qualität und des Umfangs der Arbeit ist diese Forderung klar nachvollziehbar. Das ist auch der Förderrahmen,den wir vorgeschlagen haben.

prairie: Linz hat sich jahrzehntelang die Losung „Kultur für alle“ auf die kulturpolitischen Fahnen geschrieben. Nun scheint hier aber ein Wechsel stattgefunden haben. Sehr schön abzulesen ist dies am Beispiel des Lentos – vormals „Neue Galerie“. Diese wurde vor Jahrzehnten ins Lentia, direkt über einen Supermarkt gesetzt, um die Zutrittsschwelle tief zu halten.
Nach der Eröffnung des Lentos, mit seiner vielbeachteten Glasverkleidung, - wo nun die ehemals Neue Galerie untergebracht ist - war man plötzlich überrascht, dass es einige Schmierereien auf den Glastafeln gab. Als ob man vergessen hätte, dass es auch das „gewöhnliche Volk“ gibt, das mit seinen schmutzigen Fingern auf glänzende Fassaden grapscht. Obwohl man das ja auch als eine Art Aneignung bewerten hätte können. Es wurden sogar Stimmen nach Videoüberwachung und verstärktem Einsatz von Sicherheitskräften laut.

Janko: Diese Wahrnehmung kann ich nicht teilen. Erstes war die damalige Entscheidung, die Neue Galerie ins Lentia zu verlegen, eine rein pragmatische Sache. Man hatte für das Erdgeschoss einfach nicht genug Mieter. Dann hat man eine Schule sowie einige andere öffentliche Einrichtungen, und eben auch die Neue Galerie, dort untergebracht. Übrigens auch das Büro der FPÖ. Das war damals eine Partei-Proporz-Geschichte.
Dass diese Lage nachträglich inhaltlich gefüllt und für kultupolitische Zielsetzungen genutzt wurde, dass man damals sagte - Nun gut, jetzt sind wir in einem Haus, wo es eine Schule und Geschäfte gibt, was machen wir daraus? – das ist wieder eine andere Geschichte. Der Direktor der Neuen Galerie war auch nicht immer glücklich mit der Situation,dass vor dem NG-Eingang quasi ein „standlmarkt“ entstanden ist.
Die Übersiedelung ins Lentos war ein Akt der Stadtentwicklung. Die Probleme waren auch nicht die Bemalungen, sondern die Zerstörung von Glastafeln. Diese Vandalenakte mussten unterbunden werden. (Zwischenzeitlich funktioniert das Nebeneinander der jungen Leute an der Donaulände und des Lentos aus meiner Sicht auch recht gut.) Daraus aber eine Änderung des Grundsatzes „Kultur für alle“ abzuleiten, ist nicht legitim und schlicht weg falsch. Dies bleibt weiter ein Schwerpunkt, der im Kulturentwicklungsplan festgeschrieben ist. Allerdings muss ich manchmal mit „Verwunderung“ feststellen, dass oft in Kultur- und KünstlerInnenkreisen die Position vertreten wird, dass dieser Begriff – und auch der Anspruch – mittlerweile obsolet geworden wären. Ich aber meine, dass über „Kultur für alle“ neu nachgedacht werden muss, um noch immer bestehende Barrieren abzubauen. Noch immer werden klassische Kultureinrichtungen, wie etwa Galerien, nur von maximal 20 Prozent der Bevölkerung besucht. Da bin ich eben - immer noch – ganz bei Brecht,und habe halte an dem kulturpolitischen Ziel fest „aus dem kleinen Kreis der Kenner, einen großen Kreis der Kenner“ zu machen. Und hier kommt uns die Attraktivität des Lentos sehr entgegen. Ich glaube, es gibt in Linz ein breites Bewusstsein, dass dieses Haus für alle da ist. Das Lentos macht da auch viele Vermittlungsangebote, und es gibt zahlreiche andere Bemühungen wie den verbilligten Eintritt beim Linzfest. Das wird sehr gut angenommen.

prairie: In der Freien Szene rumort es derzeit heftiger als sonst. Unzufriedenheit herrscht vor allem mit der Diskrepanz zwischen der Absichtserklärung, dass die Förderung der Freien Szene einer der kulturpolitischen Schwerpunkte ist, und der tatsächlichen finanziellen Ausstattung dieses Bereiches. Nur 2,4 Prozent des Kulturbudgets stehen für die Freie Szene bereit. Davon wird auch noch die Hälfte von nur einer Einrichtung (Theater Phönix) verbraucht. Eigentlich, so wird gesagt, sollte man einen Schwerpunkt auch an der finanziellen Ausstattung erkennen.

Janko: Dem stimme ich grundsätzlich zu. Nur muss man die Entwicklung längerfrisdtigbetrachten und beurteilen. Der erste Punkt ist, dass das Kulturbudget in den letzten zehn Jahren verdoppelt wurde. Auch das Budget der Freien Szene. Das Problem ist aber, dass sich derzeit - durch verschiedene Ereignisse und Entwicklungen – Kommunen allgemein in schweren Finanznöten befinden. Das ist nun leider zeitlich mit dem Beschluss des KEP, die Freie Szene stärker zu fördern, zusammen gefallen.
Faktum ist auch, dass Linz – ich lasse da Wien jetzt einmal weg – die einzige Landeshauptstadt ist, in der das Kulturbudget nicht gekürzt wurde und in der es keine Kreditsperre gibt. Es ist aber in den letzten beiden Jahren auch nicht mehr geworden. Mit Hinblick auf die Kulturhauptstadt 2009 kann man aber für die nächsten Jahre mit einer Steigerung der Kulturausgaben rechnen. Schon deswegen weil es hier zusätzliche Budgets geben wird.

Aber man muss sicher in den nächsten Jahren auf eine bessere Dotierung der im KEP festgelegten Schwerpunkte – und die Freie Szene ist so ein Schwerpunkt – achten. Vor allem angesichts der ja sehr erfreulichen Entwicklung, dass eine ganze Reihe neuer Gruppen hinzugekommen ist. Aber das macht natürlich die budgetären Spielräume noch enger.

prairie: Würde Linz bereits im kommenden Jahr Kulturhauptstadt werden, so könnte man meiner Einschätzung nach mit der derzeitigen Freien Szene EU-weit nicht reüssieren. Und eine Freie Szene kann man auch nicht hopp für ein Jahr einkaufen. So etwas muss entstehen. Gibt es eine Art „Aufbauprogramm“?

Janko: Es muss und wird ein Aufbauprogramm geben. Punkto Kulturhauptstadt muss man jetzt natürlich abwarten, bis die Intendanz besetzt ist. Natürlich wird es auch kulturpolitische Vorgaben geben müssen , aber grundsätzlich wird es Aufgabe der Intendanz sein, hier Schwerpiunkte zu setzen und die „richtigen“ Größenverhältnisse herzustellen.
Aus dem regulären Budget muss aber die notwendige Basisfinanzierung gewährleistet sein. Vor allem für neuere Gruppen wie etwa Fiftitu%,qioche,Social Impact ua., die sehr gute Arbeit leisten,aber jetzt im Budget noch nicht ausreichend abgedeckt sind. Es gibt die nächsten Dreijahresverträgeab 2007. Die jetzigen laufen 2004, 5 und 6. Das müssen wirklich Verträge sein,die die Freie Szeneabsichern denn die laufen dann 2007, 8 und 9. Und sie müssen auch schon berücksichtigen, was nach der Kulturhauptstadt sein soll. Ich will hier nicht vertrösten, es muss schon nächstes Jahr auch etwas passieren – aber es müssen die Förderkonzepte langfristig angelegt und evaluiert werden.

prairie: Linz wird ja zusammen mit Vilnius Kulturhauptstadt werden, und es gab ja auch schon Kontakte. In den hiesigen Zeitungen stand nach einem Besuch in Vilnius, dass man dort noch nicht recht wisse, was man machen werde. Was schrieben litauische Zeitungen denn, was man in Linz machen wird?

Janko: Man muss sagen, dass in diesen neuen EU-Ländern die Probleme ganz anders liegen als bei uns. Vor allem finanzielle Probleme, aber nicht nur. Unser Besuch hat, so mein Eindruck, dazu beigetragen, dass den Verantwortlichen in der Stadt und in den Kultureinrichtungen durch unser Bewerbungspapier klarer wurde, dass die Stadt selbst sehr viel tun muss, und nicht alles der litauischen Regierung, oder dem Kulturminister überlassen kann.Vor unserem Beusch hat in Vilnius die Meinmung vorgeherrscht,dass die Kulturhauptstdt eine Aufgabe des Kultuministeriums wäre.
Übrigens muss ich sagen, dass unser Besuch auf eine Initiative des österreichischen Botschafters in Litauen zurück geht. Dieser engagiert sich wirklich sehr und hat uns – schon in Hinblick auf die EU-Kulturhauptstadt 2009 - anlässlich der Feierlichkeiten zum österreichischen Nationalfeiertag – eingeladen.

prairie: Wird einer der Aufträge an die Intendanz auch eine Zusammenarbeit mit Vilnius sein?

Janko: Das ist sicherlich eine Erwartung und Forderung der EU, dass es da Kontakte und gemeinsame Projekte gibt. Aber es wird auch noch eine ganze Reihe anderer internationaler Partner geben müssen. Etwa unsere Partnerstädte. Aber auch die geopolitischen und historischen Achsen, an denen Linz liegt. Einerseits die Donau und andererseits die Nordsüdachse – Triest – Krumau – Budweis – Prag (und dann in der Verlängerung auch Vilnius) wird eine wesentliche Rolle spielen müssen.
Hier wollen wir in die Zukunft denken. Die EU hat heuer eine große Erweiterung vollzogen. Diese Länder sind aber noch nicht wirklich in der EU angekommen. 2009 wird dieser Integrationsprozess aber schon wesentlich weiter fortgeschritten sein. Hoffe ich zumindest. Vilnius wird die erste Stadt aus den neuen Beitrittsländern sein, die EU-Kulturhauptstadt sein wird. Das ist auch ein Signal der EU, dass man sich bis dahin ein geistiges und kulturelles Zusammenwachsen erwartet oder zumindest wünscht. Und das muss sich natürlich auch im Konzept „Linz 2009“widerspiegeln.

prairie: Danke für das Gespräch.



hier kannst du Kommentare zum artikel abgeben


 musik
 literatur
film
 theater
 neue medien

  top

 






Copyright © prairie // info@prairie.at