Die Codes der Global Players
Datum: 04.09.2003
autorIn:Günther Hopfgartner
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Ab 6. September thematisiert das Linzer ars electronica-Festival den "Einfluss digitaler Codes auf Kunst und Gesellschaft". - Der Einfluss des Festivals auf Kunst und Gesellschaft der Donaustadt wäre ein anderes lohnendes Thema.
Pünktlich, wenige Wochen vor Beginn des ars electronica-Festivals, geht üblicherweise eine halböffentliche Erregung durch die freie Linzer Kunstszene. Rituell wird dann in zahlreichen Einzel- und Gruppengesprächen "der ars" der absolute künstlerische und intellektuelle Niedergang bescheinigt.
Zweifellos nicht ganz zu unrecht - und manchmal unterfüttern ja auch Argumente und Fakten, das allgegenwärtige Ressentiment: "Alle Jahre wieder trifft sich in Linz die digitale Elite - und die Ansammlung von Menschen unterschiedlichster Herkunft, die von der Nibelungenbrücke zum Brucknerhaus spazieren oder sich gar manchmal in andern Gassen der Stadt verirren, lassen einen glatt vergessen, dass man sonst in einer ländlichen Provinz beheimatet ist.
Hat die ars electronica im Vorjahr versucht zu erläutern, wer 'unplugged' - also vom angeblich globalen digitalen Dorf abgekoppelt - ist, scheint diese Frage das heurige Festival nicht zu begleiten. Das politische Soll wurde also im letztjährigen Festival abgehandelt und es kann endlich wieder zur 'Tagesordnung' übergegangen werden.
Ist 'CODE the language of our time' also als 'CODE von global players' zu verstehen? Die Liste der TeilnehmerInnen der diesjährigen ars-Symposien legt diese Interpretation jedenfalls nahe: 30 Männern stehen ganze 7 Frauen als Vortragende gegenüber. 37 ReferentInnen aus Europa und Nordamerika werden durch genau 0 Vortragende aus Afrika oder Asien flankiert", verweist etwa Uschi Reiter (prairie) auf das mangelhafte Kurzzeitgedächtnis der ars-MacherInnen.
Nicht der einzige Punkt, an dem sich die Beliebigkeit der aktuellen ars-Konzeption festmachen ließe. Das Thema des heurigen Festivals "Code. The Language of our Time" etwa wird in den Themenstellungen der zahlreichen Projekte des am 6. September beginnenden Festivals kaum fassbar und hat darüberhinaus in diversen Mutationen auf anderen Festivals und Konferenzen auch schon taufrischere Tage gesehen.
Gelassene Missachtung
Entsprechend begegnet man derzeit vor allem ratlosen Gesichtern, wenn man Freunde aus der Linzer Kunst- und Kreativszene auf das bevorstehende Festival anspricht. Die Zeit der großen emotionalen Abgrenzungsrituale scheint zwar mittlerweile vorbei, euphorisch wird beim Thema "ars electronica" allerdings auch kaum jemand. Es herrscht eine gelassene Missachtung vor - große Erregungen scheinen sich nicht mehr zu lohnen.
Zwei der großen Player der freien Kulturszene in Linz, die Stattwerkstatt und das freie Radio FRO, positionieren sich dagegen im Gespräch mit Malmoe durchaus freundlich gegenüber dem allmächtigen Bruder - aber auch ohne übertriebene Avancen. "Radio FRO lässt sich nicht von der ars kaufen - aber wir nutzen die Möglichkeiten, die uns das Festival bietet", erläutert Otto Tremetzberger, Geschäftsführer von Radio FRO, die Politik seines Projekts gegenüber der ars electronica: "Wir verfügen kaum über PR- oder Marketing-Budgets. Die Konferenzen, die wir im Rahmen der ars veranstalten, ermöglichen uns aber einerseits umfassend an Thematiken zu arbeiten, die mit der Entwicklung von Radio FRO zusammenhängen andererseits kommen wir in Kontakt mit einem Publikum, das wir ansonsten nur schwer erreichen würden." Für die ars ergebe sich der Benefit der Zusammenarbeit mit FRO aus dem Imagetransfer wie auch aus der Tatsache, dass die Konferenzen von Radio FRO Sichtweisen in das Festival einbringen, die dem "offiziellen" Symposium fehlen.
"Die Stattwerkstatt hat in den letzten zwei Jahre keine wirklich eigenständigen Projekte für die ars electronica eingereicht - durchaus bewusst, vor allem um nicht in eine Routine zu verfallen, die übermäßig Kräfte bindet und verbraucht, wenn man monatelang an aufwendigen Produktionen für die ars arbeitet. Dementsprechend ist es für die Stattwerkstatt auch kein Problem, einmal nicht auf der ars präsent zu sein", gibt sich Gabi Kepplinger, Obfrau der Stattwerkstatt, eines traditionsreichens lokalen Kunstkonglomerats mit eigenem Haus an der Donau, gelassen.
Die ars lege aber durchaus Wert auf die Stattwerkstatt - als Standort für das Festival und vor allem auch als Ort fürs "After-Hours-Socialising". Eine Funktion, der Kepplinger durchaus Positives abgewinnen kann. Darüberhinaus belebe und internationalisiere die ars das Leben in Linz regelmäßig für einige Tage.
Für die ars electronica sei die Stattwerkstatt zudem - als ein Ort, wo die "subkulturelle Szene" sich trifft - ein Raum, in dem die Kommandobrücke des Festivals zumindest für ein paar Tage im Jahr mit der "freien Kulturszene" intensiv in Kontakt und damit in Austausch treten kann.
Übers Jahr hinweg vermissen die meisten Linzer KulturaktivistInnen dagegen den ars-Leiter, Gerfried Stocker, bei diversen einschlägigen Veranstaltungen oder auch im sozialen Leben der Szene. "Üblicherweise taucht Stocker nur bei offiziösen Anlässen auf, ansonsten sieht man ihn in der Stadt kaum", ist die häufigste Antwort von Leuten aus der Linzer Off-Szene auf die Frage nach der Qualität der Kommunikation und des Austauschs zwischen ars electronica und der durchaus lebendigen freien Kulturszene der Stadt.
Kreativer Austausch
Das heißt aber andererseits nicht, dass die feie Linzer Kunstszene nicht in das Festival eingebunden wäre. Zum einen realisieren viele freie Gruppen immer wieder einmal Projekte im Rahmen der ars und andererseits verdient sich ein Großteil der Studierenden der Linzer Kunstuni auf der ars electronica ein Taschengeld oder auch die Studiengebühren. Ein Hinweis auf regen Austausch des Festivals mit den kreativen Köpfen der Stadt, sollte man meinen. Die Projekte der freien Gruppen dienen allerdings zumeist nur dem Imagetransfer, inhaltlicher Austausch bzw. eine gegenseitige kreative "Anreicherung" findet, nach Meinung der allermeisten Beteiligten, kaum statt und die Kreativität der zahlreichen Kunststudierenden fließt gleich gar nicht in die inhaltliche Arbeit des Festivals ein: in überwiegendem Maße erarbeiten sie sich ihr Geld mit handwerklichen Hilfsarbeiten - keine Schande aber aus Sicht der ars auch nicht unbedingt ein bewusstes Investment in kreative und intellektuelle Kapazitäten.
Dementsprechend ist man sich in der Linzer Kunst-Szene weitgehend einig, dass die ars electronica-Leitung ein hermetisch abgeschottetes und bemüht vor sich hin werkelndes Kollektiv darstellt, krampfhaft bemüht, sich Jahr für Jahr ein interessantes Thema aus den Fingern zu saugen. Und dabei zusehends den Eindruck vermittle, intellektuell ausgebrannt zu sein.
Ergebnis dieser Bemühungen: Ein Festival, das mittlerweile bestenfalls durch mitunter interessante Beliebigkeit überrascht. - Zu wenig, um Impulse zu setzen - im kulturellen und ökonomischen Leben der Stadt.
Komerzieller Sündenfall
Letzteres dürfte die ars-Führung ganz besonders schmerzen, war das Festival doch unter der Leitung von Gerfried Stocker von einem irgendwie fröhlich-schrägem Kunstfestival konsequent zu einer kreativen Leistungsschau an der Schnittstelle von Wirtschaft, Gesellschaft und Kunst umgestaltet worden.
Eine Entwicklung, die freilich keineswegs den "kommerziellen Sündenfall" bedeutet, den enttäuschte NetzaktivistInnen der frühen Jahre in Hinblick auf die ars gerne beschwören - die ars electronica war immer schon in einer fast ausschließlich ökonomischen Perspektive konzipiert. Was dabei an kreativen Möglichkeiten und Freiräumen abfiel, waren Glücksfälle, die zugelassen aber keineswegs entschieden gefördert wurden.
Als es darum ging, die dröge "Stahlstadt Linz" zu einem High-Tech-Cluster umzubauen, kam dem Festival, neben der Imagewerbung im Bereich des Citymarketing, zunächst einmal die Aufgabe zu, diskursiv den Boden zu bereiten, für die Akzeptanz neuer Technologien, innovativer Dienstleistungen, neuer Konzepte der Arbeitsorganisation, ein postfordistisches Menschen- und Gesellschaftsbild etc. etc. Und da eignen sich bekanntlich Kunst und Kultur wie kaum etwas anderes als Katalysatoren wie auch als Trägermedien. Und wer eignete sich wiederum als Conferencier einer deratigen Veranstaltungen besser als Peter Weibel. Seine Stakkato-Dampfplaudereien zogen in der Anfangszeit der ars die intellektuellen Nebelwände hoch, hinter denen der Mythos des innovativen Entrepreneurs zum neuen regionalen Leitbild hochgepäppelt wurde.
Als Gerfried Stocker die ars übernahm war die Zeit der Umsetzung der innovativen Konzepte gekommen, entsprechend war rasch Schluss mit verhuschten virtuellen Kunstdiskursen. Die Calls der ars electronica lasen sich fortan weitgehend wie Werbefolder der Interessensgemeinschaft für Kreativwirtschaft.
Palo Alto an der Donau?
Ein neuer Zyklus begann, der feilich bereits an seine Grenzen stößt. In Zeiten, in denen die Verteilung von Fördermitteln für die als "zukunftsfähig" angesehenen "Creative Industries" zunehmend von der Kunst- in die Agenden der Wirtschaftsförderung übergeht (vgl. dazu den Schwerpunkt auf den Seiten 5-7), bleibt dem Kunstbereich in diesem Feld maximal noch eine Nische im Citymarketing und das bedeutet auf Perspektive eine Kürzung von Mitteln. Noch fließen in Linz Budgets über die ars auch in Richtung freie kreative Szene, die großen Budgets, die etwa die Stattwerkstatt einst mit ihrem TV-Projekt im Rahmen der ars beansprucht hatte, sind derzeit aber, so die übereinstimmende Meinung zahlreicher VertreterInnen der freien Kunstszene in Linz, nicht mehr zu bekommen. Für viele auch ein Hinweis darauf, dass für die ars insgesamt die Mitteln knapper werden.
Zudem hält sich in der Szene hartnäckig das - bisher unbestätigte - Gerücht, der ORF plane seinen Ausstieg aus der Trägerschaft der ars electronica, was wohl endgültig zumindest eine Redimensionierung des Festivals auf die "Netzkunst-Kernkompetenz" nötig machen würde. Dafür hat die ars allerdings in den vergangenen Jahren schon fast zu viel credibility im Kunstbereich und unter NetzaktivistInnen verspielt.
Andererseits taugt die ars electronica offensichtlich auch nicht als Kompetenzzentrum und Katalysator für die Entfaltung einer regionalen "New Economy", gestützt auf den Hochtechnologie/IT-Bereich. Die Träume von einem Klein-Palo-Alto, das sich rund um das ars electronica center (aec) und dessen Futurelab gruppiert, haben sich weitgehend an der harten Realität einer platzenden "New Economy-Blase" blamiert. Die Entwicklung des High-Tech-Clusters im Großraum Linz wird jedenfalls von anderen "Center" aus vorangetrieben. Die Arbeit des aec wird dagegen in der Bevölkerung und der Geschäftswelt der Donaustadt weitgehend ignoriert und bleibt - so die Ergebnisse einer Studie - selbst den örtlichen Medienmenschen ein Rätsel.
Was also tun mit dem traditionsreichen Netzkultur-Festival - und was wird die Linzer Kunstszene tun, wenn das bevorzugte Objekt ihrer Erregung droht, abhanden zu kommen?
Vom 6. bis 11. September gibts die Gelegenheit, erste Antworten darauf Vorort einzuholen.
Links:
ars electronica
MALMOE
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