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Hacken für die Gleichberechtigung?

Datum: 09.01.2003

Frauen in der Informationstechnologie

autorIn:Vali Djordjevic / Uschi Reiter
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Interview mit Lisa Talheim (19) über den Zugang von Mädchen zur Technik, Hacker, Privacy und die Lust an Spielereien und abgehobener Technik. Sie ist Mitglied im Chaos Computer Club, arbeitet als Systemprogrammiererin und studiert Informatik.

Wie bist Du dazugekommen mit Computer zu arbeiten?

Ich bin faktisch mit Computern aufgewachsen. Mein großer Bruder hat nach den anfänglichen Spielen begonnen, Programme zu schreiben, und mir das dann gezeigt. Ich fand das damals so toll, dass ich das auch machen wollte. Meinen ersten eigenen Computer hatte ich mit zehn oder elf und dann hab ich angefangen zu programmieren. Erst mal in Basic, später in anderen Sprachen. Mit 15 hab ich zum erstenmal Linux angeguckt und festgestellt, dass es zum Programmieren sehr viel cooler ist und bin dabei geblieben.

Es ist ja durchaus ungewöhnlich, dass Du dich als Mädchen so für Computer interessierst. Wieso glaubst du, dass es so wenige Mädchen gibt, die sich damit beschäftigen?

Das habe ich noch nicht so richtig herausgefunden. Ich habe oft in Gesprächen mit anderen Mädchen mitgekriegt, dass sie Computer theoretisch schon interessant finden, aber die Vorstellung haben, dass sie sich als Mädchen für etwas anderes interessieren müssten. Das ganze Feld ist mystisch belegt. Wer das kann, wird ziemlich bewundert. Dann sagen die Mädchen oft: „Nee, das kann ich nicht, dazu bin ich zu doof.“ Weil Mädchen so was nicht machen.

Das gilt nicht nur für Computer, sondern allgemein für naturwissenschaftliche oder technische Sachen. Einige Mädchen erzählten mir, dass sie zu ihren Eltern sagten: „Ich will Biologie-Leistungskurs machen“ oder „Ich will Physik-Leistungskurs machen“ und die Eltern darauf antworteten: „Ach, mach mal lieber Deutsch!“

Man ist auf jeden Fall Außenseiter, wenn man sich mit Computern beschäftigt. Man kann mit den anderen Mädchen nicht mehr so viel anfangen. Man unterhält sich zwar schon noch über manche Sachen, aber so richtig auf der gleichen Wellenlänge ist man nicht. Und auch mit den „normalen“ Jungs wird es schwierig, weil sie ziemlich empfindlich sind, wenn man besser mit dem Rechner umgehen kann als sie. Für Mädchen ist es schlimmer als Außenseiter zu gelten als für Jungs. Wenn Jungen sich extrem mit einer Sache beschäftigen, dann sind sie vielleicht exzentrisch und selbstbewusst. Mädchen haben eher das Bedürfnis zu kommunizieren.

Was ist denn der Chaos Computer Club, wo Du auch mitmachst?

Der CCC ist im wesentlichen eine Austauschplattform, wo sich treffen, die sich mit Computern beschäftigen. Daraus entwickeln sich dann Projekte. In Berlin gibt es etwa 40 Leute, die sich regelmäßig treffen, darunter vier oder fünf Frauen.

Was machst Du da?

Verschiedene Sachen: Mein letztes Projekt waren Programme, um drahtlose Netze zu entdecken – sogenannte "war driving tools". Funkwellen kann man schlecht irgendwo aufheben, die fliegen durch die Gegend. Mit der entsprechenden Soft- und Hardware kann man sich in Netze anderer Leute einbuchen, auch wenn die das nicht unbedingt wollen. Man kann so zu interessanten Daten kommen.

Sonst beschäftige ich mich gerade mit Privacy-Netzen, um diesen ganzen Bewachungsbestrebungen entgegenzuwirken. Zur Zeit ist das ganze ein Rechercheaufwand und der Versuch diverse Lösungen zu finden. Das eigentliche Programmieren ist dann ja nur noch Übersetzungsarbeit.

Was machst du konkret?

Im Rahmen der Hacktivsmo-Gruppe gab es vor einem Jahr ein internationales Treffen. Es geht darum, eine benutzerfreundliche Software zu entwickeln, mit der jeder User sich sicher und anonym im Netz bewegen kann. In vielen Staaten haben die Bürger nur Zugang zu gefiltertem Internet oder bekommen sehr schnell Ärger, wenn sie sich Sachen angucken, die politisch nicht genehm sind. Anonymer Zugang zum Internet wird auch in westlichen Staaten immer dringlicher.

Der Begriff „Hacker“ hatte vor einiger Zeit im Medienkultur- und Kunstumfeld eine Konjunktur unter dem Motto „Alles ist hacken“ oder Social Hacking ... Würdest du dich als Hackerin bezeichnen?

Der Begriff ist so überstrapaziert, dass er keine besondere Bedeutung mehr trägt. Wir haben uns spaßeshalber öfter darauf geeinigt, dass wir uns nicht mehr als Hacker bezeichnen, sondern als "Technik interessierte Individualisten". Vor allem nach dem 11. September ist noch dazugekommen, dass Hacker total negativ besetzt und mit Terrorist gleichgesetzt wird. Unter dem Motto "wir müssen jetzt Hacker als Terroristen definieren" und höhere Strafen aussetzen.

Es gibt die Vorstellung, dass ein Häcker die ganze Gesellschaft runterfahren kann. Das ist natürlich totaler Quatsch. Aber viele Leute glauben das. Das Schlimme ist, dass einige Hacker das selbst verbreiten. Die fühlen die allgemeine Ohnmacht, dass man doch nichts machen kann und konstruieren sich dann eine Welt, in der sie mit ihren technischen Fähigkeiten abenteuerliche Dinge tun können.

Die Hamburger Künstlerin Cornelia Sollfrank hat in einem Interview erzählt, sie hätte jahrelang recherchiert keine weiblichen Hacker gefunden - auch keine technisch versierten Frauen.

Dann hat sie schlecht recherchiert, würde ich sagen. Vielleicht hat sie auch den Begriff Hacker mit Script Kiddies [Teenager, die mit Hilfe von vorgefertigten Programmen, die man im Internet runterlädt, Angriffe auf Rechner starten, um in sie einzudringen - Anm.] belegt. Dass sie da keine findet, kann ich mir vorstellen. Script Kiddies kenne ich auch nur Jungs, das machen keine Mädels. Dazu gehört auch immer viel Angeberei und da sind die Jungs ja besser als Mädchen. Ich hab kürzlich von einer Virusschreiberin in Belgien gehört, aber Mädchen, die richtig in Computer einbrechen, kenne ich nicht.

Aber dass es keine technisch versierten Frauen gibt, ist schlichtweg Quatsch.


Ganz naiv gefragt: Im CCC brecht ihr also nicht in Computer ein?

Reihenweise in Computer einzubrechen ist eher verpönt - um mal den Forschungsdrang zu befriedigen, wenn grad eine neue Technik bekannt geworden ist, passiert das schon. Eindringen in andere Rechner wird mit den Script Kiddies assoziiert und die werden eher ein bisschen ausgelacht. Bei den älteren Hacker geht es nicht darum, stur in irgendwelche Systeme einzubrechen, sondern neue interessante Ideen umzusetzen und eventuell auch Sicherheitslücken aufzuspüren und dies zu demonstrieren.

Wie ist die Stellung der wenigen Frauen im CCC? Es sind ja nicht allzu viele.


Die meisten Mädels im Chaos Club werden von ihrem Freund mitgebracht oder sind Hacker-Groupies. Deshalb müssen sie erst mal gegen das Vorurteil ankämpfen, dass sie wirklich interessiert sind, und beweisen, dass sie was lernen können und wollen.

Was ist ein Hacker-Groupie?

Ein Hackergroupie ist anlog dem Groupie in der Rockszene ein Mädel, das Hacker toll findet und ihnen hinterherläuft. Natürlich nur den Ranghöchsten, den Alpha-Hackern. Ein bisschen technisch versiert sind sie meist schon, aber bei den meisten habe ich das Gefühl gehabt, das sie immer das lernen wollten, was ihr Macker grad gut fand. Und sobald der weg war, hat sie das nicht mehr interessiert.

Die Grenze ist jedoch oft schwer zu ziehen. Ich habe die Vermutung, dass Mädchen zu Groupies gemacht werden. Sie kommen erst mal in den CCC und haben Lust, was zu lernen und finden das natürlich auch toll, dass sie soviel Aufmerksamkeit bekommen, weil es so wenig Mädels gibt. Und wie das so ist, wenn Jungs und Mädels zusammenkommen, finden sich da auch welche. Es ist ja auch ein reichliches Angebot da, das man abgrasen kann.

Von da an geht es dann meistens schief, weil sie sich dann mehr an die Jungs hängen und nicht mehr für die Technik interessieren. Dann sehen die Jungs die Mädels als Groupies, die entsprechend behandelt werden. Dann haben die Mädchen keine Lust mehr, was zu lernen, weil sie immer ausgelacht werden. Das ist verschiedenen Mädels, die ich kenne, so gegangen, wo ich mir durchaus vorstellen kann, dass es anders hätte laufen können. Die Hacker sind teilweise sehr gehässig. wenn sie einen erst mal als Groupie identifiziert haben. Die können dann echt gemein sein.

Wie war das bei Dir? Hattest du Leistungsdruck? Musstest Du Dich erst durchsetzen?

Ich fand das nie besonderes anstrengend, weil ich von Anfang einiges konnte und nicht so ganz blauäugig hingekommen bin. Bei mir hat das ganz stressfrei geklappt. Nur wenn ich zu neuen Leuten komme, die mich noch nicht kennen, merke ich, dass es gelegentlich etwas anstrengend ist. Wenn man dann erst mal redet und zeigt, dass man was kann, wird man auch schnell akzeptiert, aber die grundsätzliche erste Annahme ist, dass man als Begleitung da ist.

Verfolgst du eine politische Intension, mit dem was tu tust?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin kein besonders politischer Mensch, aber ich sehe diese Technikversiertheit als mögliches Instrument, um die Gesellschaft zu verbessern. Man kann ja zu mindestens einen Teil dazu beitragen und der Bedarf besteht auf jeden Fall.

Traditionelle NGOs wie zum Beispiel Greenpeace mit Technik auszurüsten und eine Einführung in Verschlüsselung zu geben, das sind Betätigungsfelder. Ich bin eher auf Spielerei und abgehobene Technik aus - ein bisschen Politik als Alibi ist ja nicht schlecht, auch um sich selbst zu motivieren bestimmte Dinge fertig zu stellen.

Links:
CCC (Chaos Computer Club)

Files:
.rtf




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