2000 zeichen aus     kapital + arbeit     kultur + barbarei     politik + verbrechen     stadt + land     zentrum + prairie    


Stroh zu Gold spinnen

Datum: 28.10.2002

autorIn:Vali Djordjevic
++++++++++

Bald ist jeder ein Künstler: Arbeitsabläufe werden immer kreativer, doch die soziale Sicherheit bleibt auf der Strecke

In der gegenwärtigen Mediendebatte um Arbeit, die eigentlich eine um die Verringerung der Arbeitslosigkeit ist, werden immer wieder Begriffe wie Selbstständigkeit, Kreativität und Eigenverantwortung in den Ring geworfen. Die Umwandlung der "Industriegesellschaft‚ in eine "Kommunikationsgesellschaft‚" orientiere sich an der aus dem Kultursektor hervorgegangenen Wertebildung„, schreiben die Kuratorinnen Corinna Koch und Christiane Mennicke der Werkleitz-Biennale 2000 zum Thema real[work] Künstler und Kulturarbeiter sind die Vorreiter des deregulierten Arbeitsbegriffs .

In Grafik-Agenturen wird schon mal 18 durch gearbeitet, wenn eine Deadline droht, und von sozialer Absicherung können die meisten Designer nur träumen die Zukunft auch der restlichen Arbeitswelt? Die kreative Arbeit in Grafikagenturen bildet seit Ende der 90er Jahre das Modell für Neustrukturierungen auch in Fabriken und Werkstätten. Kreativität und Eigenverantwortung werden auch von den Arbeitern am Fließband bei VW verlangt und Identifikation mit der Firma in den Warenhäusern von Berlin und Los Angelos in Morgenritualen bekundet.

Der Umbau geht dabei auch über die Neu-Definition von Begriffen vonstatten: Der Begriff Ich-AG kursierte vor einigen Jahren als Negativbegriff in der kritischen linken Debatte,"erinnert sich Annette Weisser, Künstlerin aus Berlin. Jetzt plötzlich wird er von Regierungsstrategen und Imageberatern umdefiniert und als Lösung verkauft. Das ist wie Orwells Neusprech." Weisser arbeite zusammen mit dem Künstler Ingo Vetter schon seit einigen Jahren am Thema flexibilisierte Arbeitsverhältnisse. Bildende Künstler, meinen Vetter und Weisser, dokumentieren diese Veränderungen zweifach: Zum einen ist das Arbeitsleben eines Künstlers immer schon von Unsicherheit und unternehmerischem Risiko bestimmt gewesen. Zum anderen können die wenigsten von ihrer künstlerischen Arbeit leben und arbeiten nebenher in Grafik- oder Multimedia-Agenturen. Dort schlagen sie sich von Projekt zu Projekt durch. Arbeitszeitbegrenzungen, soziale Absicherungen oder Garantien auf Weiterbeschäftigung gibt es nicht. Die meisten Arbeitgeber verfahren dabei nach dem Grundsatz Gewinne privatisieren, Verluste vergesellschaften"und setzen ihre freien Mitarbeiter bei Auftragsmangel auf die Straße.

Die Finanzierung über den Verkauf ist mit der Veränderung des Kunstbegriffs in den letzten 30 Jahren schwieriger geworden. Der Schwerpunkt künstlerischer Arbeit hat sich von der Produktion von Kunstwerken zur Konzeption und Visualisierung von Ideen verschoben. Viele Künstler stellen nichts her, was sich verkaufen ließe. So veranstalten Annette Weisser und Ingo Vetter Workshops, führen Interviews und drehen Videofilme. In einer neuen Arbeit, die im November in der Halle für Kunst in Lüneburg gezeigt wird, suchen sie nach Möglichkeiten, wie man mit unbefriedigenden freien Arbeitsverhältnissen umgehen kann. In einem zweitägigen Workshop im Vorfeld der Ausstellungen tauschen sich zehn Personen über die Gemeinsamkeiten des Lebens als freier Mitarbeiter aus und entwickeln gemeinsam neue Handlungsmöglichkeiten, die man den ökonomischen Gegebenheiten entgegenstellen könnte. Dabei suchen Vetter und Weisser nach spielerischen Ausdrucksformen. Wir verwenden diesmal eine marxistische Interpretation des Märchens vom Rumpelstilzchen.

Dieser Geist, Rumpelstilzchen, kommt zur Müllerstochter und bietet ihr eine absurde Mehrwertproduktion an, indem er Stroh zu Gold spinnt."Das erinnert an die verstiegenen Träumen von stetigem Wachstum, mit denen die "New Economy‚ vor gerade mal drei Jahren lockte. Aller Politik zum Trotz bestehen Weisser und Vetter auf einen speziellen künstlerischen Anspruch: Gerade in der Ambivalenz eines künstlerischen Produkts liegt mehr Aussage als in einer klassischen Dokumentation oder Analyse."In der Benennung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse, so die Hoffnung, verliert der postfordistische Kapitalismus seinen Schrecken: Rumpelstilzchen verschwindet, nachdem man es beim Namen nennt. Wenn der Einzelne weiß, dass er als Ich-AG nicht alleine dasteht, wird gemeinsames Handeln wieder leichter.

Links:
NameGame / Forum Stadtpark
Eine Ausstellung von Annette Weisser & Ingo Vetter

Files:
NameGame / info




hier kannst du Kommentare zum artikel abgeben


 musik
 literatur
film
 theater
 neue medien

  top

 






Copyright © prairie // info@prairie.at