Macht Reichsein dumm?
Datum: 14.08.2003
2000 Zeichen aus Burkina Faso
autorIn:Günther Lanier
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Vorlauf:
Ich stieß auf ein Buch: Georges Levesque et al., Von Geschmäckern und Werten. Was die Bewohner des Planeten beschäftigt. Untersuchung zur kulturellen Einheit und Vielfalt, Paris (ed. Charles Léopold Mayer) 1999 . Der Untertitel zeigt das Erkenntnisinteresse – im wesentlichen geht es um die alte Frage Universalität versus Relativität.
Verglichen werden Frankreich, Indien, Brasilien, Burkina Faso/Gambia, China und Japan. Fünf der sieben Länder kenne ich zumindest recht gut – daher unter anderem mein Interesse.
Ich las, daß Herr Levesque, Soziologe und Gründer des Pariser Zentrums für soziologische Studien und Forschungen , mit seinen KollegInnen über Jahre in Frankreich Workshops veranstaltet hatte, deren Anliegen das Herausarbeiten der die Angehörigen verschiedener gesellschaftlicher Schichten bewegenden großen (philosophischen) Themen war. Von den VeranstalterInnen vorgegeben wurde das Zusammenfassen der von den TeilnehmerInnen einzubringenden Probleme zu Obergruppen. Jeder dieser Gruppen sollten dann Gegensatzpaare zugeordnet werden, die die Grundproblematik ausdrückten. Schließlich sollten sich die WorkshopteilnehmerInnen auf ein Gegensatzpaar pro Obergruppe einigen. Es waren starke Übereinstimmungen festgestellt worden: "Einheit/Vielfalt" (bei 21 von 23 veranstalteten Workshops), "Sein/Haben" (20 von 23), "selbst/andere" (20 von 23), "mobil/immobil" (17 von 23) und "erleiden/wählen" (11 von 23) waren von den TeilnehmerInnen zu den repräsentativsten Gegensatzpaaren der jeweiligen Problemgruppen gekürt worden.
Das Buch berichtet nun von den Ergebnissen ebensolcher Workshops in den sechs anderen Ländern und zieht seine Schlußfolgerungen. Kurz zusammengefaßt kam heraus, daß es sehr wohl Universalitäten gibt (teils mußten sich die Forscher große Mühe geben, um diese herauszugraben; es ließe sich auch einwenden, daß kaum so viel Übereinstimmungen festgestellt hätten werden können, wären bei der Auswahl der WorkshopteilnehmerInnen nicht StudentInnen bevorzugt worden). Diese Universalitäten manifestieren sich in den verschiedenen Ländern in jeweils spezifischer Weise und Partikularitäten sind nicht nivellierbar. Die anhand der verschiedenen Kontexte und Kulturen von Herrn Levesque angestellten Überlegungen sind mitunter erhellend, wenn auch nicht immer von Vorurteilen unbelastet. Auf 130 Seiten ist bei einem derart weiten Thema wohl nicht viel Profunderes zu erwarten.
Zur Sache:
Anmerkungen zum afrikanischen Teil der 'Untersuchung'.
Die Ergebnisse aus Burkina Faso sind nicht besonders aufregend. Es waren ausschließlich StudentInnen der Universität von Ouagadougou (die Hauptstadt Burkinas) auserwählt worden. Und die hatten pflichtschuldig ihre Gegensatzpaare abgeliefert und diese waren auch in ausreichendem Maß universell (Herr Levesque findet China von Frankreich unterschiedlicher als Burkina). An Spezifika – für Afrika und nicht für Burkina, diese Vermischung von Ländern und Kontinent wird ja oft, sorg- und übergangslos gemacht, auch von afrikanischen Intellektuellen – wurde in politischer Hinsicht eine "furchtbare Wirklichkeit" (p.56) gefunden: "blutige Konflikte, Folter, Putsche, ethnische Kriege, tyrannische Regime, Korruption der Verantwortlichen, Barbarei, Machtdurst und Größenwahn" (ebd.). Das paßt alles ins Bild und führt als abschließendes Urteil zu dem Satz "Man wechselt nicht jahrhundertealte Mentalitäten mit einer Berührung mit dem Zauberstab." (ebd.)
In Gambia scheiterte Herr Levesque mit seinem Team. Die Ausgewählten waren hier DorfbewohnerInnen. "Die Teilnehmer haben sich nicht offenbart/ausgeliefert " (p.51) – unerhört: sie faßten die Probleme nicht zu Gruppen zusammen und definierten keine Dualitäten. Dafür wurden sie aus der Auswertung ausgeschlossen und im Buch bis auf wenige Sätze ignoriert. Die wenigen Sätze sind diesem Artikel der hauptsächliche Anlaß.
"Was dominiert ist die Frage des Habens, aber nicht des Habens als Gegenteil des Seins, vielmehr das Haben als dem Nicht-Haben, ganz einfach Mangel und Not gegenüberstehend. Das Geld, das grausam fehlt, wird, scheint's, als einziger Schlüssel beschworen, der alle Türen öffnen könnte. Mit (...) Beharrlichkeit zählen die Teilnehmer auf, an welchen Mitteln es mangelt: Werkzeuge, Geräte, Maschinen für die Landwirtschaft, zum Nähen, zum Gerben, zum Schreiben. Man kann sich nur auf sehr rudimentäre Art und Weise ernähren, pflegen, bilden. Schwer bis unmöglich, vom Platz zu kommen. Schwer bis unmöglich, Handel zu treiben." (p.59)
Für meinen Teil finde ich die Analyse der DorfbewohnerInnen bestechend. Überzeugender als viele dicke Bücher, die über Entwicklungsökonomie, -hilfe, -politik geschrieben wurden. Was fehlt? Geld. Ohne das geht heutzutage wenig. Den fast ubiquitären materiellen Mangel muß wohl jede ernstzunehmende "Entwicklungs"arbeit als ihren allerobersten Maßstab nehmen. Fachlicher Rat und assistance technique schön und gut - wenn sich's die Reichen einbilden, spielen die Armen schon mit. Aber am Herzen des Problems geht das vorbei.
Und die DorfbewohnerInnen in Gambia insistierten auf ihrem Grundwiderspruch 'Haben versus NichtHaben', ließen sich von den WorkshopleiterInnen nichts Genehmeres, in deren Denkschemata Passenderes einreden. Es fehlt ihnen nicht am Sein – davon haben sie genug. In meinen eigenen Alltagsbegegnungen nötigt es mir – wenn der Moment der Irritation verklungen ist – immer wieder Respekt ab, wenn ich bemerke, wie im kleinen widerständisch das Leben hier in mancherlei Hinsicht organisiert ist: nur weil wer reich ist, tanzen die anderen noch lange nicht alle nach ihrer oder seiner Pfeife. Im hoch"entwickelten" Norden ist das nicht so, da ist die Allmacht der Geldbörse viel weitgehender durchgesetzt. Mit unseren Erwartungen diesbezüglich – ausgedrückt zum Beispiel im "Der Kunde ist König"-Slogan – bleiben wir hier aber immer wieder über. Da ist dann Zeit für einen Wutanfall, ein abfälliges Urteil oder einen Lernschritt. Herr Levesque entschied sich für zweiteres: "Ein Minimum materieller Befriedigung ist nötig für ein Minimum an Analyse und Reflexion" (p.59). Mit diesem kleinen Satz hat er einem großen Teil der Menschheit die intellektuelle Relevanz abgesprochen.
Wenn wir jetzt aber von der Stimmigkeit der Analyse und Reflexion der DorfbewohnerInnen ausgehen (und da brauchen wir ihr Insistieren auf ihrer "Wahrheit" gar nicht bewundern), dann bleibt eigentlich nichts anderes über, als den kleinen Satz umzudrehen und zu fragen: Macht Reichtum dumm und blind?
Die Frage ist in erster Linie an Herrn Levesque gerichtet.
In zweiter an uns Reiche alle.
Günther Lanier, Ouagadougou, 8.7.2003
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