Prag - 2 Monate danach
Datum: 04.11.2002
autorIn:Thomas Kreiseder
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Die Hochwasserkatastrophe im August 2002 hat auch in der tschechischen Hauptstadt verwüstete Stadtteile hinterlassen. 2 Monate danach kann für die Bewohner noch keine Rede von der Rückkehr zur Normalität sein.
Prag wird Anfang November 2002 seinem Ruf, eine der schönsten Städte der Welt zu sein, schon wieder einigermaßen gerecht. Nach dem verheerendsten Hochwasser seit Generationen, das die Stadt für einige Zeit beinahe lahm gelegt hat, sind – wohl aus ökonomischen Notwendigkeit - die Sehenswürdigkeiten und Straßen in der Altstadt der tschechischen Hauptstadt schon wieder recht ansehnlich. Auch die U-Bahn, die infolge von Schäden im Millionenhöhe teilweise gesperrt wurde, sieht ihrer Wiedereröffnung mit Ende 2002 entgegen. Macht man sich jedoch die Mühe und begibt sich auf einen Spaziergang abseits der touristischen Einbahn bietet sich weiterhin ein schockierendes Bild.
Der gleich an der Moldau gelegene 8. Bezirk – Karlin - wurde nach dem Hochwasser als „devastated district“ bezeichnet. Nomen est omen - „was dem Großteil der Stadt widerfahren ist war zwar schlimm, jedoch nur kosmetischer Schaden im Vergleich zu den Verwüstungen in Karlìn“. Bis zum ersten Stock soll das Wasser gestanden haben und obwohl bereits seit Ende August, also 2 Monaten, Presslufthammer und Wasserpumpe den Lebensrhythmus der Einwohner bestimmen, ist in diesem Stadtteil noch immer keine Rede von Alltag.
Alles kaputt. Wundern muss man sich angesichts dieser Zustände, warum überhaupt noch jemand die Energie und vor allem das Geld aufbringt, das weggeschwemmte Inventar, die Einrichtungsgegenstände und Immobilien zu ersetzen. Wiederaufbau passiert jedoch, denn beim Schlendern durch die Straßen herrscht reges Treiben. Zwar sind es nicht wie sonst die Touristen und Bewohner, die den durch die Autos und Trams vorgegebenen Geräuschpegel verstärken, sondern die Menschen, denen die Wiederherstellung des „pre-flood-Zustandes“ am Herzen oder an der Geldtasche liegt. Doch was bleibt ihnen auch anderes? Bemerkenswert ist nur die Ruhe – der bemerkenswerteste Charakterzug dieser Stadt - mit der die Menschen hier ans Werk gehen.
Die wenigen Lebensmittelgeschäfte, welche die Restaurierungsarbeiten bereits hinter sich gebracht haben und wieder geöffnet sind, erfreuen sich eines Wettbewerbsvorteils, der für sie möglicherweise eine gesicherte Zukunft bedeutet. Für Tausende anderer Einwohner, die unglücklicherweise im Erdgeschoss wohnten oder dort ihre Geschäfte betrieben, bleibt nur die Hoffnung auf finanzielle Unterstützung. Diese ist für viele eine Überlebensfrage, denn beim Flanieren entlang der Sokolovskà, der Hauptstraße durch Karlìn, fühlt man sich wie auf einer überdimensionalen Baustelle. Jeder Hauseingang, durch den der/die neugierige BeobachterIn einen Blick wirft, bietet das gleiche Bild: verwüstete, leergeräumte und noch nimmer nur mit dem notdürftigsten ausgestattete Räume. Keiner macht sich hier die Mühe, die Türen zu versperren, denn zu stehlen gibt es ohnehin nichts mehr. Bei einigen Geschäften hat man den Eindruck, als ob die Besitzer auch gar kein Interesse mehr zeigen würden, in näherer Zukunft wieder zu öffnen: vom Schlamm und Staub als Opfer der Wassermassen gebrandmarkt, machen die Auslagen der diversen 2nd Hand Shops, Lokale und Hotels Karlìn endgültig zur Geisterstadt.
Seit dem Beginn der Aufräumarbeiten sind hier auch Bus, Straßenbahn oder Metro gesperrt. Damit verwehren weiterhin weder die öffentlichen Verkehrsmittel noch der Individualverkehr den Fußgängern den „ungestörten“ Gang durch die ehemals stark befahrene Hauptstraße. Mit einigem Galgenhumor kann man das wohl noch als einzige positive Auswirkung des Hochwassers betrachten. Im Angesicht dieser Zustände wird es wohl noch Monate dauern, diesem toten Viertel wieder Leben einzuhauchen und auch dann werden die Leute – als Erbe dieser Naturkatastrophe - die ständige Angst mit sich tragen, dem nächsten Hochwasser genau so wehrlos ausgesetzt zu sein.
Links:
Photo Gallery der Überschwemmungen in Prag
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