Spielzeit:2 x 45 Umdrehungen pro Minute
Datum: 10.06.2002
autorIn:peter hörmanseder
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Anhand der offiziellen Musik, die Fußballverbände anlässlich diverser Großereignisse herausgeben, lässt sich bisweilen schon vorab die sportliche Leistung erahnen. PETER HÖRMANSEDER kramt in seiner peinlich bestückten Plattenkiste.
Als im Jahre 1978 das österreichische Fußballteam dem regierenden Weltmeister ein zumindest in Österreich legendäres Spiel lieferte, und einen Mythos mit dem Namen Cordoba schuf, wurde in kollektiver Freude in weiten Teilen Österreichs ein einfaches Lied angestimmt: "Immer wieder Österreich". Später ließ es sich das österreichische Fernsehen nicht nehmen und unterlegte die Bilder des großartigsten aller möglichen Triumphe mit einem Lied von Udo Jürgens - "Buenos dias, Argentina".
Cordoba - Immer wieder Österreich - Jürgens: der Rätselfreund hätte es in dieser Reihe schwer, den Fehler zu finden. Haben doch alle drei Begriffe mit Österreich zu tun. Stimmt natürlich, wenn man auf die Herkunft des ewig jungen Barden aus dem Kärntnerischen verweist. Jedoch, "Buenos dias, Argentina" war die offizielle Hymne der Fußballnationalmannschaft des regierenden Weltmeisters Deutschland. Im Chor begleitete diese sogar Udo Jürgens, kaum hörbar, jedoch publicitymäßig derartig fulminant, dass Jürgens das erfolgreichste Lied seiner Karriere ablieferte.
Der DFB hatte anlässlich der WM 74 erstmals eine Schallplatte aufgenommen: "Fußball ist unser Leben" war sowohl der Titel der Platte als auch das Motto der singenden Kicker. Es galt im eigenen Land vor eigenem Publikum zu bestehen und zu herrschen: "Ein jeder Gegner will uns natürlich schlagen, er kann´s versuchen, er darf es ruhig wagen. Doch sieht er denn nicht, dass hunderttausend Freunde zusammensteh´n? Ja, Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt ...". Begleitet von Marschmusik erkämpften sich die Deutschen den finalen Sieg und konnten sich vier Jahre lang überlegen, wer sie bei der nächsten WM akustisch begleiten sollte.
Zu jener Zeit, in den mittleren bis späten 70ern, lag der deutsche Fußball wie der gleichnamige Schlager im Zenit. Konservativ im Inhalt, jedoch erfolgreich an der Kassa, oder im Kasten. Nichts lag näher, als die damals Erfolgreichsten zu vereinen - Udo Jürgens und den Weltmeister. Doch während der Kärntner auf der Fußballplatte mit "Er hält den Ball, und sie hält den Daumen!" zu ungewohnter Hochform aufsang, begnügten sich die Sportler mit der bloßen Anwesenheit in Argentinien und wünschten dem politisch straff geführten Land "Buenos Dias".
Die Tatsache, nach jahrelanger Absenz wieder Teil einer Sportbewegung zu sein, formulierte Österreich noch freundlicher. "Grüß Euch, wir sind aus Öst´reich!" erklang es aus den Mündern sprachlich besonders geforderter Herrschaften. Der Chor der österreichischen Sportreporter bestand (schon) damals aus Sigi Bergmann, Peter Elstner, Edi Finger sen., Josef und Hans Huber, Michael Kuhn, Robert Seeger, Erich Weiss und Gerhard Zimmer. Nicht mehr ganz so freundlich der weitere Verlauf des Textes: "Her mit euch aus Argentinien, Spanien, Schweden und Türkei, Ungarn, Deutschland und Brasilien, Malta und der Mongolei. Grüß Euch, wir sind aus Öst´reich, der Gegner ist uns einerlei!" Zwei Erkenntnisse gewinnen wir aus diesem Kleinod österreichischen Kulturerbes:
1. Das österreichische Volk ist ein freundliches und findet leicht Anschluss.
2. Der österreichische Sportreporter (bewusst maskulines Geschlechtsspezifikum) pflanzt sich aus sich selbst fort und bleibt dann sehr sehr sehr sehr lange in und im Betrieb.
Essentiell an "Grüß Euch.... " ist aber auch der Inhalt des Beitrags von Edi Finger. Der gute alte Mann erdichtet ein Finale zwischen Österreich und dem großen Favoriten, das tatsächlich mit 3:2 für Österreich endet.
Auffallend an den unzähligen akustischen Publikationen, die österreichische Musikanten im Jahre 1978 zum Thema Fußball herausgaben, ist vor allem die kinderaugengroße Freude. W-I-R-S-I-N-D-B-E-I-D-E-R-W-M! Richard Österreicher und der Stadionchor ("Immer wieder Österreich"), Die Altspatzen und die ÖBB-Werkskapelle der Hauptwerkstätte Floridsdorf ("Wir fahren zur WM"), Mundl Karl Merkatz und Hans Puschi Pusch ("Tango Argentina - Brunos Gedanken zur WM78"), die ihre Freude veröffentlichen wollten. Unvergessen auch der janusköpfige Charly Kriechbaum mit seiner Single "Wir kennan Wödmasta wer'n!" auf deren B-Seite sich bezeichnender Weise das Lied "Immahin mia woan dabei... " findet. Zugleich wollten sie an dieser kollektiven Euphorie natürlich auch den einen oder anderen Schilling (alte österreichische Währung) verdienen. Alles war möglich für das Land an der Donau anno 1978. Vielleicht war die WM 78 gerade deswegen so erfolgreich für Österreich verlaufen, weil es einfach alle so haben wollten. Alle bis auf Max Merkel natürlich, aber dies ist eine andere Geschichte.
Das deutsche Fuß(ball)volk hatte für derlei Sentimentalitäten natürlich keinen Platz. Das Team dient dem Volk, und so musste auch das gesamte Team nach den Pfeifen des millionenköpfigen Teamchefs tanzen. Der deutsche Spieler muss singen, als Sinnbild des Teamgeists, des guten Tons, der Launigkeit und der Völkerverbindung. Die Mannschaft ist der Star; und selbst dieser Star hat sich noch in den Schatten eines musikalischen Idols zu stellen, quasi als Symbol für die gülden glänzende Trophäe. 1978 glänzte Udo Jürgens ("Buenos Dias, Argentina"), 1982 Michael Schanze ("Ole, Espana"), 1986 Peter Alexander ("Mexico, mi amor"). 1990 verriet Udo Jürgens ("Sempre Roma") den finalen Triumphort: "Der Wind im Colosseum singt Lieder aus vergangener Zeit. Und durch den Titusbogen weht leise die Unendlichkeit". 1994 waren Village People ("Far Away in America") dran. Danach war Schluss mit lustig Singen, da wider Erwarten der vielleicht auch schon ein bisserl aus der Mode gekommenen Funktionäre das Lied mit Village People kein Erfolg geworden war. Was früher patriotisch bis zumindest kurios gesehen wurde, hing später den meisten schon zum Hals heraus.
Nicht jedoch in Österreich, der Heimat unendlicher Peinlichkeit im Umgang mit untoten Legenden. "Was der Herr Jürgens kann, kann ich schon lang!", dachte sich Toni Polster vor Jahren und quälte, mit einem enormen Gesangs-Untalent ausgestattet, seine weiteste Umgebung. Der peinliche Versuch des ÖFB, anlässlich der WM 98 in Frankreich den großen Sohn Österreichs, Udo Jürgens, endlich mit dem Team seines Mutterlandes zusammenzuspannen und damit den deutschen Weg zu gehen, musste aus mehreren Gründen scheitern.
Zum Einen gab es im österreichischen Team zwei Tonis (Pfeffer und Polster), die beide von sich glaubten, singen zu können, und so von vornherein keinen stimmigen Chor zuließen. Mit Freude entsinne ich mich des Videos zum Lied, in dem Polster immer eine Sekunde nach Udo Jürgens die Hand zum rhythmischen Dirigieren erhob. Zum anderen war Udo Jürgens selten so unambitioniert wie bei der Komposition seines Heulers "Wunderknaben". Ein zauderhaftes "Allez, allez" gepaart mit selbstverliebten Anknüpfungen an das Schlamperte à la "ein Teil Filou, ein Teil Genie" waren ein Hauch von einem Zeichen der später geprägten Defensiveinstellung des knäbischen Wunderteams. Wobei gerade das österreichische Team anno 1998 mit seinem Durchschnittsalter rund um die 30 hauptsächlich Knaben gebraucht hätte. Wenn es zumindest 33 1/3 gewesen wäre - dann wäre dies die ideale Abspielgeschwindigkeit für eine Langspielplatte gewesen. Aber auch schon egal, in einer Zeit von CD und MiniDisc.
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