Eine italienische Reise

Datum: 28.03.2002

autorIn:Sabine Treude
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Forza ciao bella Italia? – Die italienische Linke, der Gemeinschaftskörper und die Vielheit. Eine Rundreise durch ungewöhnliche Verhältnisse.

„Immaterielle Arbeit ist nicht einfach mit geistiger Arbeit gleichzusetzen. Von geistiger Arbeit als körperlicher Arbeit zu sprechen, heißt, dass sie natürlich den Geist beinhaltet, aber sie wird hinsichtlich ihrer Plastizität, ihrer Formbarkeit und ihrer Fähigkeit, sich in jede beliebige Situation einzufügen, betrachtet.“ (Antonio Negri)

1. Route

Wende ich meine Gedanken und Blicke nach Italien, so erwachen nicht nur ein fernes Heimweh und ein nahes Fernweh in mir, sondern auch Gefühle der Faszination, des Entsetzens und des Erstaunens. Zunächst sind es die Bilder der alten Stadtzentren, der plaudernden Leute auf den Straßen und der zum Innehalten und Beobachten einladenden Plätze, derer Italien so viele hat. Das gute Essen, der Vino, die Gastlichkeit, kurzum all das, was mich wahrscheinlich mit vielen anderen TouristInnen verbindet und einen fixen Konsens in Europa darstellt. Es dauert während meiner gedanklichen Italienreisen mitunter eine Weile, bis ich mich an mein eher alltägliches Leben in Italien erinnere, an die Zeit, in der ich dort lebte, studierte und arbeitete. Der Touri-Blick auf Italien überdeckt also oftmals den Alltagsblick, und zwar mit folgenden Konsequenzen: Wenn ich als Reisende zurückschaue, nehme ich einen als Ganzheit imaginierten Gemeinschaftskörper namens Italien wahr, ohne zu sehen, dass es diesen Gemeinschaftskörper gar nicht gibt. Doch aufgrund des fixen Konsens und der ähnlichen Wahrnehmung, die ich mit anderen Reisenden teile, ist das Konstrukt von Bestand und wird auch von der italienischen Regierung, und zwar im Grunde unabhängig von welcher, nur jetzt mit einer kräftigen nationalistischen Würzung so repräsentiert. Demnach müsste es also stimmen – das Bild. Und tut es auch, solange ich mich darauf beschränke, die entdeckten Plastizitäten, Formbarkeiten und Fähigkeiten so in die Situation des Blicks einzufügen, dass der Blick einen sicheren und den gewünschten Rahmen bildet.
Italien zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass es anhand seiner historischen Gebäude eine stringente Chronologie, die auf ein großes Identifikationsmoment und abendländische Errungenschaften schließen lässt, aufweist, sondern vor allem dadurch, dass die Menschen, die dort leben, es nicht alle und unter allen Umständen teilen. Jede und jeder sieht das anders und es wird ununterbrochen auf der Piazza darüber diskutiert und gestritten. Selbst die gemeinsame Regierung kann in Italien nicht darüber hinweg täuschen, dass sie, kaum gewählt, schon wieder dem Niedergang entgegensieht, denn mit der Ganzheitsvorstellung will es in Italien einfach nicht so richtig klappen. Wenn es gelingt, dann lediglich durch ein rigoros repressives und gewaltsames Vorgehen der Exekutive gegenüber der Bevölkerung. Italien steht in dem Dilemma, einen Staatsapparat im Allgemeinen verkörpern und repräsentieren zu wollen, ohne die Allgemeinheit vertreten zu können, denn die lebt recht bewegt und skeptisch gegenüber dem, der sie in einen oder auch in zwei Körper stopfen will. Daher hielt und hält kaum eine Regierung seit ‘45 eine Legislaturperiode stand, was wiederum nichts über die Personen, die die Regierung bilden, aussagt, denn die kommen unverhohlen wieder, gleichgültig, welcher Verbrechen sie in der Zwischenzeit verdächtigt wurden.

2. Route

Auf der Reise sind solche wirren Verhältnisse natürlich nicht gerade förderlich für die lang ersehnte Gemütsverfassung. Und da man sie wahrscheinlich eh nicht versteht, denkt man lieber gar nicht erst darüber nach, sondern widmet sich den schönen Seiten dieses politisch chaotischen Landes. Aber die Art und Weise, auf was und mit welcher Häufigkeit sich der Blick europäischer Linker angesichts dessen, was und wie dort gelebt wird, richtet, ist schon frappant. Man zieht sich in die ehemaligen Sommerfrische- Paläste der einst Mächtigen in der Toskana zurück, genießt den Ausblick und lässt sich von der Brise des rebellischen frischen Windes, der von weniger ruhigen und weniger schönen Plätzen her vorbei weht, inspirieren, ja man fühlt sich rundum behaglich. Am nächsten Morgen klopft man dem Gemüse- oder Weinhändler, der gerade mit anderen die gestrigen Demoerfahrungen austauscht, dann anerkennend auf die Schulter, freut sich und fühlt sich fast schon heimisch. Dass dieses Gefühl exakt jener vorturteilsbeladenen Gefühlsduselei und manipulativen Strategie entspricht, mit der die Lega Nord und Berlusconi auf Stimmenfang gingen, bleibt in all der Heimeligkeit völlig unbemerkt. Und so verbinden sich Vorurteil mit Vorurteil und stimmen zum Forza ciao bella Italia an.

3. Route

Worauf gründet nun das Problem, einerseits ein großes Land mit vielen Menschen zu sein, in dem sich auch ziemlich viel tut und bewegt, und andererseits keine längerfristig staatstragende Regierung zu haben, die diese Situation ohne die maßgebliche Hilfe der Exekutive repräsentieren könnte? Passen Volk und Staat nicht zusammen? Mangelt es an Nationalgefühl?
Die letzte Frage ist ganz klar mit nein zu beantworten. Es gibt in ganz Europa wohl kaum ein Land, das ungeachtet seiner faschistischen Vergangenheit, mit einem derartigen Nationalgefühl auffährt. Fast jede Italienerin und jeder Italiener ist stolz darauf, Italienerin und Italiener zu sein. Nur ist Italien eben nicht Italien. Für Leute aus Bozen beginnt Afrika bereits in Mailand, für Leute aus Bologna in Florenz, für Leute aus Siena in Neapel usw. Die einzige Ausnahme stellt die Hauptstadt Rom dar, zu der dann die anderen Städte und Regionen in einer Art Hassliebe stehen. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Situation, dass Italien schon ohne Fremde aus anderen Ländern aus vielen Fremden besteht, die sich wiederum niemals als Fremde fühlen und die anderen für eben solche halten.
Ich habe kein anderes Land in Europa erlebt, das so stark von einem inneren rassistischem Denken durchsetzt ist wie Italien. Der Rassismus ist ein fixer Bestandteil des Alltags und er durchzieht ihn bis in die letzten Winkel hinein. Selbst dann, wenn die freundliche Süditalienerin, die gerade den Cappuccino brachte, mir von Molise, der Region, aus der sie kommt, erzählt, sagt sie wenig über ihre Lebensverhältnisse in Mailand, in der sie gemeinsam mit sieben anderen Frauen ein Zimmer teilt, um sich das Studium leisten zu können. Aber sie lobt die Raffinessen der SüditalienerInnen, die im Laufe von Jahren in den Städten durch Zusammenhalt eine Infrastruktur geschaffen haben, die es der nächsten Generation ermöglichte, dort bzw. überhaupt zu studieren. Die Menschen in Italien verstehen es durchaus, sich den sie betreffenden Ausschlussverfahren zu widersetzen und die Kehrseite der immateriellen Lebens- und Arbeitsverhältnisse konstruktiv für sich umzusetzen. Was nichts anderes heißt, als dass sich Süditalien und Norditalien, wo immer es auch jeweils beginnen mag, gegenüberstehen und ihre Rechte einfordern und nehmen, und das lässt sich wiederum schlecht in einem Gemeinschaftskörper abbilden, zumal keiner bereit ist, still zu halten. Nichtsdestotrotz ist Italien ein Land, das wir kennen und schätzen, zumindest auf der Reise.

4. Route

Zu dem gespannten Verhältnis zwischen Nord und Süd, zwischen den reichen und den armen Regionen in Italien kommt noch ein weiteres und ausschlaggebendes, nämlich das zwischen den linken Bewegungen und dem Staat. Kein europäischer Staat ist in den letzten 30 Jahren so repressiv und undemokratisch gegen linke Gruppierung vorgegangen wie Italien. Unter der Anklage der „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ sind hunderte von Menschen, darunter auch die gesamte soziologische Fakultät Paduas, verhaftet worden und sitzen zum Teil noch heute im Knast. Doch trotzdem scheiterte jedweder Versuch der Spaltung der autonomen Linken von Seiten des Staates, denn die unterschiedlichen Bewegungen fanden immer wieder neue Möglichkeiten, sich zu sammeln und zu agieren.
Das verdankt sich nun weniger den intellektuellen Kräften oder den linken Parteien, als den autonomen ArbeiterInnenbewegungen. Viele Menschen zogen nach dem Krieg und in den 60er Jahren vom Süden in Richtung Norden, um in den entstehenden Industriekomplexen Arbeit zu finden. Viele arbeiteten zunächst bei den großen Autokonzernen in Turin oder auch in Wolfsburg. Nachdem immer mehr Industriegebiete vor allem in den nördlichen Regionen aufgebaut wurden, ließen sie sich dort nieder und begannen sich zu organisieren. Denn erstens galten sie im Norden als Fremde und hatten den Status wieder abschiebbarer GastarbeiterInnen, und zweitens hatten sie in den vorherigen Betrieben gesehen, wie wichtig es ist, ihre Rechte einzufordern und dafür zu kämpfen. Sie organisierten sich gewerkschaftlich oder autonom, und das hatte wiederum eine Politisierung des Alltags zur Folge, zumal sie sich ihre eigene politische und antirassistische Infrastruktur erst schaffen mussten.
In den 70er Jahren kam es zu massenhaften Kündigungen und also zu drastischen Arbeitskämpfen, die letztendlich dank der rechtlichen Absicherungen und dem, was die ArbeiterInnen sonst noch erkämpft hatten, zu satten Abfindungen führten. Mit ihnen gründeten die ArbeterInnen sofort Kooperativen und machten sich in derselben Region selbständig. Schon damals hatten sie einen großen Rückhalt in der regionalen Bevölkerung, so dass sie durchaus konkurrenzfähig wurden und für längere Zeit blieben. Zum gleichen Zeitpunkt spielten sich in den Städten die Häuserkämpfe und Straßenschlachten ab, aus denen schließlich die Centri sociali hervorgehen sollten, die bis heute eine wesentliche Stütze linker Organisationen und Gruppierungen bilden.
Da es in all diesen Auseinandersetzungen immer auch um den Status der Marginalisierten ging, dem die ArbeiterInnen nicht nur als ArbeiterInnen, sondern auch als SüditalienerInnen zugeordnet wurden, brachten die autonomen Bewegungen eine enorme Politisierung des Alltags mit sich und signalisierten zugleich den Beginn eines anderen Verständnisses von Volk, was wiederum für das Verständnis von Staat nicht ohne Folgen blieb.
Sollten wir also mal demnächst irgendwo in Italien stehen und auf einen Zug warten, der nicht kommt, weil gestreikt wird, dann finden wir vielleicht einmal ein wenig Zeit, darüber nachzudenken, was der inzwischen schon durch ganz Europa geisternde Begriff der „Multitude“ bedeutet. Vielheit, heißt er einfach übersetzt, und in den verschiedenen staatsphilosophischen Diskursen ist er immer eng mit dem Begriff „Volk“ verbunden. Etwa bei Hobbes wird darunter verstanden, dass es sich um den vorsozialen Plebs handelt, um direkt daran anzuschließen. „den es zu beherrschen gilt“. Kant machte es sich gleich ganz einfach, indem er ihn mit „wilde Bestie“ übersetzte. Lediglich Spinoza las ihn positiv und als größtmögliche Steigerung schöpferischer Tätigkeit, die der demokratischen Staatsform bedarf.
Viele italienische Arbeiterinnen und Arbeiter benötigten weder Kant noch Spinoza, sondern sie begannen es einfach zu leben, und zwar so, dass in Italien die Multitude bereits beginnt, Früchte zu tragen. Und wir werden nachstehend sehen, inwiefern.

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