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Forum sociali glocali

Datum: 28.03.2002

autorIn:Sabine Treude
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Ist eine andere Zukunft möglich? Selbstverständlich ... meinen die AktivistInnen der italienischen NoGlo-Bewegung. - Anmerkungen zu den Entwicklungen der sozialen Foren in Italien.

Wer in den letzten Monaten, vor allem nach dem G8-Gipfel von Genua, die Möglichkeit hatte, zu verfolgen, was sich in den italienischen politischen Bewegungen, den Movimenti, tat und tut, konnte doch leicht ins Staunen geraten. Auch wenn die bürgerliche Presse Italiens recht wenig und die ausländische Presse noch weniger darüber berichtete, haben sich die unterschiedlichen italienischen Gruppierungen der Noglo-Bewegung ("Antiglobalisierungs"-Bewegung) mit den Erfahrungen aus Genua auseinandergesetzt und konstruktiv für sich umgesetzt. Denn Genua war auch für sie eine Art Pilotprojekt, nämlich der erste große Auftritt einer neuen Form und Organisation des Widerstands: dem "Forum sociale".
Die sozialen Foren sind einerseits aus den autonomen centri sociali, die es in Italien in fast allen größeren Städten gibt, entstanden und andererseits darüber hinausgegangen, sofern sie auch Gruppierungen, die den centri sociali eher fern standen, mit einbezogen. Gemeinsam ist allen in den Foren zusammen kommenden Gruppen die Kritik an oder die Ablehnung der Globalisierung sowie der Kampf gegen die in Europa und den USA gängige Asylpraxis. Diese beiden großen Bereiche sind selbstverständlich nicht losgelöst von diversen anderen Bereichen wie den Arbeitsverhältnissen, den Diskriminierungen, dem Rassismus, dem Umweltschutz und den lokalen Problemen im einzelnen zu sehen, nur muss für diese Zusammenhänge generell noch eine viel stärkere Sensibilisierung geschaffen werden. Daher fließen sie als wesentlicher Bestandteil in die Arbeit der Foren mit ein.

Neue Stufe der Vernetzung

Schon allein aus der Form des Zusammenschlusses wird deutlich, dass mit den sozialen Foren eine neue Stufe der Vernetzung erreicht werden soll, durch die mehr Menschen zukommen und kooperieren können, was wiederum die Effektivität des Widerstands steigert. Doch ginge es nur um die Erhöhung der Anzahl der TeilnehmerInnen, die in demokratischen Ländern schon allein aufgrund des medialen und öffentlichen Interesses von großer Wichtigkeit ist, käme die Bewegung kaum über das tradierte Polarisierungsmodell hinaus. Aber genau darum geht es ihr nicht, zumindest nicht in erster Linie: Die Zusammenschlüsse zu sozialen Foren stellen einen Versuch dar, an den Strukturen der gesellschaftlichen Verhältnisse und den Zusammenhängen zu arbeiten, um sie um Mechanismen und bestimmte Wertigkeiten, die die Funktionalität des zur Zeit repräsentativen Modells Staat, Nation, Volk und desen Hierarchisierungen betreffen, zu erleichtern. Und das ist wiederum insofern ein ebenso schwieriges wie komplexes Unterfangen, als die eigenen Strukturen selbst ständig überdacht und hinterfragt werden müssen, während die westlichen Regierungen, die durchwegs die Globalisierung befürworten, mit militärischen Mitteln nach Außen wie nach Innen auffahren.

Die Möglichkeiten der Demokratie

Die Fragen, die demnach durch die Forum sociali gestellt werden, betreffen auch die Möglichkeiten der Demokratie, die von den Staaten und Regierungen längst durch immer rigoroser werdende interne wie externe Grenzsetzungen für beantwortet und geklärt gehalten werden. Wenn sich bezüglich der Grenzen staatlicherseits noch etwas bewegt, dann lediglich in die Richtung, dass die demokratischen Rechte mehr und mehr eingeschränkt werden. Dagegen wollen die Forum sociali deutlich machen, dass viele Menschen in diesen Ländern an einer anderen demokratischen Alltagspraxis interessiert und dazu bereit sind, sie umzusetzen und zu leben bzw. es bereits tun. Auch wenn es sich vielleicht noch um keine kompakten und statistisch fassbaren Mehrheiten handelt, sind es doch viele. Und die Vielheit unterscheidet sich von der Mehrheit schon allein dadurch, dass man der Vielheit im Einzelnen und inhaltlich nachgehen muss, um zu wissen, worum es sich handelt. Womit ich bei einem weiteren Ansatz der Forum sociali wäre: Es geht ihnen nämlich primär nicht darum, in Mehrheiten zu denken, sondern die Möglichkeiten der Vielheit auszuloten und auf die politische Alltagspraxis zu beziehen. Demokratisches Denken lässt sich in ihrem Sinne nicht darauf beschränken, dank bestimmter Mehrheiten die Vielheiten nicht mehr oder nur mehr marginalisiert zu berücksichtigen, weil das auch stets mit gravierenden Folgen für gerade die Minderheiten verbunden ist, denen in der Regel freiwillig kein einziges öffentliches Forum zur Verfügung gestellt wird.

Demokratie und Alltag

Von der Vielheit als wesentlichem demokratischen Faktor auszugehen, durch den die inhaltliche politische Beweglichkeit gewährleistet wird, bedeutet auch eine anderes Verständnis von der Souveränität des Volkes zu haben, die sich damit nicht automatisch durch die Wahl für die nächsten vier Jahre vollzogen hat und für den Rest dieser Zeit auf die Berichterstattung der Medien angewiesen ist. Im Gegenteil: die politischen Inhalte werden im einzelnen und ganzen wieder zu einem festen Bestandteil des Alltags und die Relevanz der individuellen Entscheidung nimmt zu. Die globalisiert praktizierten Demokratien würden um ein unberechenbares Moment erweitert, das zu den wesentlichen Beweglichkeiten des demokratischen Denkens zu zählen ist. In der Unberechenbarkeit liegt die große Stärke der Vielheit, aber auch die Gefahr für den Staat, der sie heute mehr denn je zu kriminalisieren trachtet, und zwar ungeachtet dessen, ob das nun der Wirklichkeit entspricht oder nicht.
Das bedeutet für die sozialen Foren, dass sie einen Rückhalt in der Bevölkerung finden müssen, durch den die Diffamierungs- und Kriminalisierungsversuche entkräftet werden. Und das wiederum lässt sich nur erreichen, indem man die jeweiligen alltagsrelevanten Praktiken politisch mit einbezieht und aufwertet.
Auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist, sind die italienischen Forum sociali gemessen an anderen europäischen Ländern in nur kurzer Zeit schon erstaunlich weit gekommen. Wobei in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen ist, dass eineN politisches Engagement in Italien sehr schnell für Jahre hinter Gitter bringen kann, dass das Vorgehen der italienischen Exekutive, nicht erst seit Berlusconi und nicht erst seit Genua, gegen linken DemonstrantInnen äußerst brutal ist und dass die italienische Justiz auch die seltsamsten Kurzschlüsse mitunter nicht einmal irritieren.Andererseits können die italienischen linken und links-autonomen Gruppierungen auf eine politische Infrastruktur zurückgreifen, die in anderen europäischen Ländern weitest gehend fehlt.

Die Organisation der Forum sociali

Das inzwischen wohl bekannteste Forum sociale ist das Genoa Social Forum, das während des G8-Gipfels in Genua eine entscheidende Rolle spielte. In diesem Forum setzten sich bereits ein Jahr vor dem Gipfel die verschiedenen Noglo-Gruppen zusammen, um gemeinsam ein möglichst wenig riskantes Konzept für die geplante Demonstration zu erstellen und die Demo entsprechend zu organisieren. Von den Frauennetzen bis zu den Tute bianche, von den katholischen Gruppen bis zu den jungen KommunistInnen, vom Rete Lilliput bis zur FIOM, Gruppen aus anderen Ländern wie die lokalen centri sociali. All diese „Noglos“ waren inklusive all ihrer mitunter sehr unterschiedlichen Auffassungen vertreten und begannen ein gemeinsames Konzept zu erarbeiten, nach dem möglichst keine Gruppe benachteiligt werden sollte und keiner, außer dem GSF selbst, das ja die Vielheit zum Ausdruck bringen sollte, eine Vorrangstellung zukam. Für die Tute bianche etwa hatte das zur Folge, dass sie ihre weißen Overalls ablegten und bis heute nicht wieder angelegt haben. Dabei standen vor allem das Maß der Risikobereitschaft und die abgesperrte „rote Zone“ im Mittelpunkt der Diskussionen. Alle geplanten Aktionen wurden vorher öffentlich bekannt gegeben. Lediglich die Regierungs- und Stadtratsabgeordneten und die Exekutive hielten sich an keine der von ihnen zuvor getroffenen Abmachungen und versuchten damit u.a., die gesamte Organisation zunichte zu machen.
Die Regierung wie die bürgerliche Presse wähnten sich in den Wochen nach Genua schon in dem Glauben, die Idee der Forum sociali zerschlagen zu haben – da der Ablauf der Aktionen in Genua anschließend auch in den Foren zu heftigen Diskussionen führte –, und freute sich schon darauf Luca Casarini, den Sprecher der Tute bianche, endlich festnehmen zu können, aber sie sollten sich täuschen. Erstens gab es bereits vor Genua auch andere Forum sociali, etwa in Bologna und anderen Städten, die sich umgehend solidarisierten, und zweitens schlossen alle existierenden Foren aus den Erfahrungen von Genua, dass ihre Arbeit und ihre Verbreitung nötiger denn je seien.

Tute blu

Mitte Oktober fand schließlich eine große Versammlung der Foren in Florenz statt und inzwischen ist die Zahl der Forum sociali von ungefähr 60 nach Genua auf 140 gestiegen. Alle Foren sind gut vernetzt, setzen sich aus verschiedenen Gruppierungen zusammen, haben unterschiedliche Schwerpunkte, die sich jeweils auch an den lokalen Verhältnissen orientieren, und sind nun flächendeckend in ganz Italien präsent. Da auch Gewerkschaften wie die Fiom, die Cobas oder die CGIL scuola in den sozialen Foren mitarbeiten, sind die bevorstehenden bzw. schon begonnenen Arbeitskämpfe der nächsten Wochen auch in andere Zusammenhänge eingebunden, was wiederum zu einer tiefgreifenderen Politisierung des Alltags führte. Ältere in der Rifondazione comunista organisierte ArbeiterInnen stellen etwa seit Wochen überrascht und erfreut fest, dass und wie sich jüngere ArbeiterInnen plötzlich engagieren. Die Fiom verzeichnet z.B. einen regen Zulauf von jungen Metallarbeitern, die inzwischen schon die „Tute blu“ genannt werden. Ihr Streik begann am 9. November. Der letzte Woche begonnene Streik der SchülerInnen, LehrerInnen, StudentInnen und ProfessorInnen hat zudem in ganz Italien enorme Dimensionen angenommen. Auf ihn reagierte die Exekutive, dem Beispiel Genua folgend, indem sie am Freitag der Vorwoche die an der Versammlung im großen Saal der Uni Mailand beteiligten Menschen einkesselte und zusammen schlug. Dabei beschränken sich die Erklärungen der jeweils Streikenden nicht nur auf ihre unmittelbaren Forderungen hinsichtlich ihrer Arbeitsbedingungen, sondern gehen auch auf andere Zusammenhänge wie den Krieg in Afghanistan, den WTO-Gipfel usw. ein.
Am 10.November organisierte schließlich die "Bewegung" in Rom eine Großemonstration gegen den WTO-Gipfel in Doha, zu der die Forum sociali, die centri sociali und die einzelnen Noglo-Gruppe 100.000 Menschen mobiliisren konnnten. Und auch dort stand der Widerstand des (lokal auf das Globale bezogen handelnden) „Glocalen“ gegen den Krieg und die ökonomische Globalisierung im Vordergrund. Berlusconi selbst hatte noch dagegen halten wollen, indem er zu einer Demonstration der Kriegsbefürworter zur selben Zeit, am selben Ort aufrief. Doch die Glocalen waren viele, sehr viele – einfach mehr. Und die Demo verlief friedlich, lediglich die Exekutive war wieder mal schwer bewaffnet.

Vorbildfunktion

Die Einzelheiten, die Details, die regionalen oder lokalen oder individuellen Besonderheiten sollen so die SprecherInnen der Forum sociali auch auf Perspektive in der „Glocalität“ als Vielheit bewahrt und beweglich gelassen werden, ohne zugunsten einer Gemeinschaft, die als ein Gemeinschaftskörper gedacht wird und alles andere ausschließt, aufgehoben zu werden. Jedes der einzelnen Foren kommt zu Wort und ihre jeweiligen Erklärungen geben das wieder, was die einzelnen Gruppen, die wiederum aus einzelnen und wechselnden Leuten bestehen, zusammen erstellt haben. Dank der starken Kritik, die die verschiedenen Frauengruppen in die Noglo-Bewegung eingebracht haben, gibt es in den meisten Foren keine fixen SprecherInnen mehr, sondern auch sie wechseln von mal zu mal.
Die Forum sociali sind binnen kürzester Zeit aber auch für andere europäischen globalisierungskritische Bewegungen so interessant geworden, dass unlängst in Bologna ein großes Treffen organisiert wurde, auf dem sich u.a. Gruppen wie die englischen „Wombles“ (englische Tute bianche), die deutsche Gruppe „Fels“, die französischen Gruppen „la mirioterie“ und „squat“ oder die spanische „los invisibles“ einfanden, um sich auszutauschen und Anregungen hinsichtlich der Vernetzung und der Öffentlichkeitsarbeit zu holen.

Links:
Carta (Monatsmagazin der Sozialen Foren)

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