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Das Imperium und seine Rückschläge

Datum: 28.03.2002

autorIn:Pinguin/MALMOE
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Der Plan durchs Gestrüpp der globalen Netzwerke ist soeben auf Deutsch erschienen: „Empire“ von Antonio Negri und Michael Hardt.

Wer sucht es nicht - das Buch über "die Fragen der Welt". Antonio Negri und Michael Hardt haben versucht, es zu schreiben. "Empire" heißt es und meint damit die herrschende Weltordnung. Mitte März ist die deutsche Übersetzung erschienen.

Die Herrschaft des Wirtschaftssystems namens Kapitalismus hat sich universalisiert und dezentralisiert. Aus den Bausteinen theoretischer Ansätze wie italienischem Post-Operaismus, Foucault, Deleuze und Guattari, Postkolonialismus sowie der aktuellen Globalisierungsdiskussion basteln Negri/Hardt ein Gebäude, das die aktuelle globale Weltordnung mit den aktuellen Formen der Produktion in Zusammenhang bringt.

Negri, der einem zeitgenössischen deutschsprachigen Publikum in den letzten Jahren durch drei Übersetzungen ("Die Arbeit des Dionysos", "Umherschweifende Produzenten", "Ready Mix") nähergebracht wurde, wartet gegenüber seinen StammleserInnen mit den bekannten Thesen auf: Es gibt kein "Außen" des Kapitalismus mehr, alles - auch die Kämpfe und Auseinandersetzungen - spielen sich innerhalb des Systems ab, die Zeit transzendenter Ideale ist endgültig vorbei. Produktion und Reproduktion verschwimmen, immaterielle Arbeit wird zum Bestandteil aller gesellschaftlichen Tätigkeiten, sprich Kommunikationsfähigkeit, Affekte und konzeptionelles Tun werden im Arbeitsprozess nicht mehr von wenigen Personen, sondern von breiten gesellschaftlichen Gruppen eingesetzt und erwartet - womit die Grenzen zwischen Politik und Ökonomie neu gezogen werden bzw. verschwimmen. Eine emanzipatorische Perspektive ergibt sich aus den Potentialen der wachsenden Selbststeuerungsfähigkeiten der ProduzentInnen. Dieser bekannte Ausgangspunkt wird in dem vorliegenden Band mit Strukturmerkmalen der Weltpolitik und -geschichte verknüpft. Wie bisherige Darstellungen bei Negri und Co. die Auseinandersetzungen zwischen ProduzentInnen und dem Kapital als treibendes Moment für die Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie und ihrer sich wandelnden Organisationsformen beschrieben, geht es jetzt darum, die weltgeschichtliche Dimension dieser Kämpfe zu beleuchten. Politische Herrschaft und ihr historisch wechselndes Gesicht angesichts sich ändernder Kräfteverhältnisse und Produktionsbedingungen steht im Zentrum der Untersuchung.

Slavoj Zizek hat sich im Klappentext dazu verstiegen, Empire als "kommunistisches Manifest für die heutige Zeit" zu titulieren. Manifestartig sind tatsächlich viele Elemente des Bandes, und wie es sich für ein Manifest gehört, gibt es auch ein politisches Programm für die Multitude, die vielgestaltige Masse der Menschen auf diesem Globus. Globale BürgerInnenschaft - das Recht auf freie Bewegung ist die erste Forderung. Ein Soziallohn und garantiertes Einkommen für alle ist die zweite. Das Recht auf Wiederaneignung der Produktionsmittel sowie freien Zugang zu und Kontrolle über Wissen, Information, Kommunikation und Affekte bildet die dritte Forderung.

Mit großen Linien und gehörigen Forderungen wird im Buch durchgängig nicht gespart. Ebensowenig wie mit Begriffsschöpfungen, deren Bezug nicht immer hundertprozentig klar wird. Ein sehr spezielles Verständnis von Wissenschaft und Stil, das manche Fachmenschen die Stirn runzeln läßt (vgl. die kritische Auseinandersetzung mit Negri in der Sommer-Ausgabe der deutschen Zeitschrift "Das Argument"), aber dem politischen Denken jedenfalls kräftig Anstöße gibt. Und das kann heutzutage wohl nicht vieles von sich behaupten.

Michael Hardt/Antonio Negri: Empire, Campus 2002

Glossar

Empire
So nennt Negri die neue, dezentrale und grenzenlose Form der Souveränität, die aus dem heutigen Weltmarkt und seiner politische Absicherung (durch ein "weltpolizeiliches" Militär, selbst legitimiert durch die Berufung auf universale Menschenrechte; von internationalen Finanzorganisationen weltweit durchgesetzte Wirtschaftspolitik; kulturelle Globalisierung einer Dominanzkultur etc.) besteht - die "neue Weltordnung".

Biopolitik
Die zeitgemäße Form der Herrschaftsausübung, in der es darauf ankommt, produktive Subjekte herzustellen - das soziale Leben und die schöpferischen Menschen so anzuordnen, dass sich aus ihrer Selbstorganisation in den miteinander verschwimmenden Bereichen Ökonomie, Politik und Kultur (kein Lebensbereich steht mehr außerhalb) Nutzen ziehen und Herrschaft stabilisieren lässt, ohne als von einem "Oben" diktiert zu wirken.

Multitude

Die aktuelle Produktionsweise ist durch Verbreitung von Kooperation, Kreativität, Autonomie und Intellektualität in fast allen Arbeitsbereichen gekennzeichnet. Hierarchien werden abgebaut, um die produktiven Kräfte der neuen Arbeitenden freizusetzen. Und die Arbeit umfasst heute alles - kein Lebensbereich ist mehr ausgespart. Diese schöpferische Menschenansammlung, die sich und ihre produktive Tätigkeit weitgehend unhierarchisch selbst organisiert (wenn auch noch zum Nutzen des Kapitals), wird in Anlehnung an Spinoza Multitude genannt. Die kreativen Kräfte der Multitude sind das potentielle Subjekt des Widerstands gegenüber dem Imperium.

Informationen und Originaltexte zu und von Negri/Hardt: in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift MALMOE.

Links:
Online-Textarchiv mit Negri/Hardt
MALMOE (mit Negri/Hardt)

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