Det hamwa uns verdi.ent
Datum: 24.01.2002
autorIn:Andrea Sieder
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Berliner Linke versuchen sich an einem italienischen Erfolgsrezept: In einem Haus der Dienstleistungsgewerkschaft ver:di soll nach dem Vorbild der ‘Centri sociali’ ein ‘Soziales Zentrum’ Berlin entstehen - als Anlaufstelle für ein breites linkes Spektrum.
Berlin am 15. Dezember 2001 um zirka 16.00 Uhr. Ein leerstehendes Haus der deutschen Dienstleistungs-Gewerkschaft Ver.di in Berlin-Mitte wird von einem guten Dutzend „radikaler Linker“ besetzt, ein Transparent mit dem Spruch "Det hamwa uns verdi.ent" entrollt und am Dach platziert, Das Haus wird prompt drei Stunden später wieder geräumt.
„Es war wohl eine der kürzesten Besetzungen der letzten Zeit.“ Soweit das lakonische Einleitungskommentar auf umbruch-bildarchiv.de zur Aktion, nichtsdestoweniger dokumentiert mit einem dreieinhalbminütigen Video vom Schauplatz des Geschehens.
Für die BesetzerInnen stellt die zugegebenermassen kurzanberaumte Einnahme des Hauses keinen Misserfolg dar, denn sie wollen es als „symbolischen Akt“ verstanden wissen, als Auftakt zu einer Kampagne, in Folge deren ein Soziales Zentrum in Berlin entstehen soll. Ziel und Zweck war, mit der Besetzung „ihren Anspruch auf das Haus anzumelden“ und gleichzeitig etwaige andere „Interessenten abzuschrecken“.
Die Vorgeschichte
Im Sommer des Vorjahres wurde von einzelnen Personen aus den verschiedensten Gruppierungen und Initiativen die Planung des Projekts „Soziales Zentrum“ Berlin in Angriff genommen. Das Spektrum der daran Beteiligten reicht von VertreterInnen der Erwerbslosen-, Umwelt-, Antiatom-Initiativen bis hin zu GentechnikkritikerInnen, Autonomen und Antifas. Was da konzeptionell ausgetüfftelt wurde an hehren Ansprüchen, politischen Utopien und realen Vorstellungen für das Projekt, landete - unautorisierterweise - auf indymedia.de und verweist dezidiert auf den aktuellen Status der Unternehmung: „Soziales Zentrum Berlin“ - under construction.
Insofern betreibt mensch die Politik der überschaubaren Schritte und (ver)schafft einmal vorrangig Raum, im wörtlichen Sinn. Das Ver.di-Gebäude am Michaelkirchplatz Nr. 4 würde sich nach Ansicht der InitiatorInnen des Projekts hervorragend eignen, da es einen „neutralen Ort“ darstelle, um „neue Geschichte zu schreiben“. Es gelte nun, weiter Druck auf die Gewerkschaft auszuüben, um Ver.di an den Verhandlungstisch zu bringen.
Die Legende
Die Notwendigkeit für die Errichtung eines Sozialen Zentrums in Berlin stellt sich nach Angaben eines Sprechers der Gruppe aufgrund der Ereignisse rund um Seattle, Prag und vor allem Genua. Es haben sich gerade mit der Situation rund um den G8-Gipfel strukturelle, räumliche und logistische Mängel aufgetan, die zu der Idee führte, eine Anlaufstelle für linke Gruppen und Einzelpersonen in Berlin bereitzustellen - zur Herstellung der bislang fehlenden Vernetzung innerhalb der linken Szene.
Natürlich wären die italienischen Centri Sociali gewissermassen die Vorreiter und Vorbilder für das geplante Berliner Projekt, so einer der Sprecher weiter, aber Berlin sei eben nicht Italien bzw. Genua und so müsse auf die lokalen, bestehenden Gegebenheiten eingegangen werden.
Berlin hat seine eigene linke Geschichte und kritische Politik-Tradition, und diese gilt es zu aktivieren und mit der Bewegung der GlobalisierungskritikerInnen zusammenzubringen, soweit sie nicht personell de facto aus dem selben Pool schöpft.
Das geplante Projekt „Soziales Zentrum“ in Berlin will vor allem eines sein: eine offene Zulauf- und Sammelstelle für ein breites linkes Spektrum, ein Raum zum Auf- und Ausbau formaler und informeller Netzwerke, eine Informations- und Beratungseinrichtung und ein sichtbares Zeichen für eine ernstzunehmende linke Opposition in Berlin. Und es soll eine Ergänzung zu bereits bestehenden Einrichtungen, wie das Köpi in Kreuzberg, und mittlerweile gefährdeten, wie die Rigaer 94 in Friedrichshain, darstellen, ohne diese obsolet werden zu lassen.
Nebenbei wird in der Debatte rund ums Soziale Zentrum auch der mehr oder weniger offen ausgesprochenen Hoffnung Ausdruck verliehen, das linke Szeneumfeld zu bündeln und zu mobilisieren. Denn die reale Situation in Berlin ist erdrückend: den sozialen Einrichtungen fehlt es an Geld, den bestehenden Projekten wird das Wasser abgegraben, sprich der Geldhahn zugedreht, die 16prozentige Arbeitslosenrate und das katastrophale Haushaltsbudget der Stadt Berlin lassen auch für die Zukunft nichts Gutes erahnen.
Dementsprechend ist die Forderung, den Alltag und die Existenz an sich zu repolitisieren zwar nicht spektakulär neu, aber immer noch gültig und verweist auf die prekäre soziale Situation vieler.
Über die konkreten Strukturen und weiteren Schritte wird noch verhandelt. Das Projekt befinde sich noch in der Phase des Diskussionsprozesses, so einer der Initiatoren, es gäbe noch kein politisches Grundsatzprogramm, auch das Feld der einzubeziehenden Gruppen sei noch nicht abgesteckt. Klar ist, das Soziale Zentrum soll „fraktionsübergreifend“ werden, klar ist auch, dass eine Grenzziehung für das zu beteiligende linke Spektrum Konflikte vorprogrammiert, wenn die Basis breiter angedacht ist und unter anderem auch Gewerkschaftslinke ihren Platz finden sollen.
Dynamik der Linken?
Von einer Aufbruchstimmung innerhalb der reanimierten Linken kann dennoch nicht gesprochen werden. Vorrangig müsse daran gearbeitet werden, die „Kleinstzirkel aufzubrechen“, um „Auseinandersetzungen neu zu initiieren“, so eine Sprecherin der Gruppe, die am 15. Jänner im Berliner Lokal ‘Kato’ zu einer Infoveranstaltung zur aktuellen Situation des geplanten Sozialen Zentrums geladen haben.
Zu zersplittert sind die verschiedenen Fraktionen, noch zu wenig konkrete Pläne für eine gemeinsame Zielsetzung existent, die sich nach aussen richten, und nicht sich selbst genügsames Zentrum für neue, alte Mikroentwürfe gesellschaftlichen Zusammenlebens bildet, zu unklar die konzeptionelle Ausrichtung, zu sehr bemüht, die Quadratur des Kreises zu vollziehen.
Oder, um es auf den Punkt zu bringen, die Schwierigkeit fängt da an, wo die Besetzung aufhört. Bis dahin herrscht Einigkeit, alles weitere lässt sich mit einem Ausspruch eines österreichischen Expolitikers zur Realpolitik treffend bemerken: „Es ist alles sehr kompliziert.“
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