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Von Seattle nach Winterpalais

Datum: 13.12.2001

autorIn:Günther Hopfgartner
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Löst die sogenannte Antiglobalisierungsbewegung die Arbeiterklasse als "revolutionäres Subjekt" ab – oder ist das nicht schon die falsche Frage?

Es brauchte schon die massenmörderischen Anschläge vom 11.September, um die neuen globalen Polit-Shootingstars wieder aus den Medien zu kippen - seit Seattle, Prag, Nizza und Göteborg hatten die AktivistInnen der sogenannten Antiglobalisierungsbewegung sich und ihre Anliegen weltweit nachdrücklich in den öffentlichen Diskurs eingeschrieben. Nach dem G8-Gipfel von Genua beherrschten sie wochenlang unangefochten die Schlagzeilen. Und wie auch immer man diese Bewegung einschätzen mag, bzw. welche Kritik man aus welcher Position formuliert, ganz offensichtlich hat sie dafür gesorgt, dass jener Prozess, der unter dem Begriff (kapitalistische) "Globalisierung" firmiert, nicht mehr unwidersprochen hingenommen wird. Ganz im Gegenteil: mehrere zehntausend Menschen demonstrieren regelmäßig gegen die Treffen der Welthandelsorganisation (WTO), die Jahrestagungen von IWF und Weltbank, die Treffen der G7/G8 oder auch gegen die halbjährlich stattfindenden Regierungsgipfel der EU. Die Bandbreite, der an den entsprechenden Protest- und Widerstandsaktionen beteiligten Menschen und Gruppierungen reicht von linksradikalen Freunden des zapatistischen Aufstandes über kommunistische Gewerkschaften bis hin zu liberalen Ökolobbys.

Entsprechend breit gestreut sind natürlich nicht nur die Kampf- und Aktionsformen bzw. die Organisationskulturen, sondern auch die Forderungen der Bewegung, die sich sowohl auf eine globale Makroebene wie auch auf regionale, nationale bzw. auch lokale Auseinandersetzungen beziehen.
Der gemeinsame kleinste (bzw. größte) Nenner der Bewegung gibt sich - wenn man die Bewegung in ihrer Gesamtheit betrachtet, und das sollte man, wie ich später ausführen möchte – dementsprechend reichlich unbescheiden: es ist die schlichte Forderung nach einer "Neuen Welt Ordnung" – die der größte Teil der Bewegung wohl zunächst im Rahmen eines gezähmten kapitalistischen Systems verorten würde.
Allen Differenzen zum Trotz schält sich ein weitgehender Konsens über einige aktuelle Forderungen heraus, die in diversen Zusammenhängen immer wieder vorgebracht werden: Schuldenerlass für sogenannte Entwicklungsländer, Einführung der Tobintax (Steuer auf grenzüberschreitende Finanztransaktionen), Abschaffung der inoffiziellen Weltregierung aus IWF/Weltbank, WTO und G7/G8.

So wie die Forderungen sind natürlich auch die Ziele der Bewegung vielfältig und von der jeweiligen ideologischen Positionierung der einzelnen Gruppen und AktivistInnen abhängig und reichen von "Weltrevolution sofort" über die "Zerschlagung der Bretton Woods-Institutionen" bis zur Einbeziehung von NGOs in die oben erwähnte inoffizielle Weltregierung.
Auffallend ist allerdings, dass anfänglich durchaus präsente rechte nationalistische Gruppierungen in den Strukturen und anlässlich der Veranstaltungen der Bewegung mittlerweile kaum bis gar keine Repräsentanz mehr finden.

Komplexe Struktur

Dementsprechend präsentiert sich die "Bewegung von Seattle" (bzw. "Genua") als eine sehr vielfältige komplexe Struktur. Nicht nur darin unterscheidet sich die "Antiglobalisierungs"-Bewegung von der antiimperialistischen Bewegung der 70er Jahre deutlich. War für gestandene Antiimps das politische Ziel und der Gegner – samt seiner Einordnung in die Blockkonfrontation – überdeutlich, agiert die "Seattle-Bewegung" auf unzähligen Ebenen, die zudem von diversen Querfronten durchzogen sind, die sich allerdings zumeist auch aufeinander beziehen und ergänzen und die zunehmend gemeinsam wahrgenommen und vernetzt werden: So agieren AktivistInnen der Bewegung sowohl auf einer globalen, wie auch auf regionalen, nationalen und lokalen Ebenen, in unterschiedlichsten Bündnissen. Quer dazu finden sich aber auch unterschiedliche Adressaten, die von lokal verankerten Betrieben und Institutionen über nationale Regierungen und transnationale Konzerne bis zu den globalen Agenturen und Institutionen der "neoliberalen Globalisierung" (WEF, IWF, WTO ...) reichen.
Dagegen steht wie erwähnt eine heterogene Schar von AktivistInnen und Gruppierungen, mit teilweise durchaus differierenden Orientierungen und Zielen – darunter zahlreiche NGOs, die zunächst wesentlichen Anteil am Aufbau der Bewegung hatten, dann aber zunehmend wegen ihrer Nähe zum Gegner in die Kritik gerieten oder auch traditionelle politische Akteure wie Parteien oder soziale Bewegungen –, die sich sowohl als umfassend politisierende transnationale Netzwerke, als auch als lokale single issue-Gruppen organisieren.
Diese unterschiedlichen Aktions-Ebenen und die Organisation in relativ offenen Netzwerken statt in traditionellen starren Organisationen spiegeln einerseits wider, dass es sich bei der sogenannten Seattle-Bewegung um eine weitgehend alle politischen, sozialen und kulturellen Bereiche adressierende Bewegung handelt, die etwa lokale soziale Kämpfe, als mit globalen ökonomischen Verhältnissen zusammenhängend erfahrbar und begreifbar macht, die aber auch – gegen traditionelle linke oder auch gegen eurozentristische Ansätze – darauf besteht, dass das globale System sich nicht wirklich um die Lohnkämpfe in den Metropolen dreht.

Konflikt salonfähig machen

Was aber ist darüber hinaus derart neu und aufregend an der "Antiglobalisierungs"-Bewegung, dass sie über Monate hinweg die Medienberichterstattung beherrschen und praktisch die gesamte westliche Polit-Elite gegen sich aufbringen kann?
Zunächst einmal hat die Bewegung nach Jahren der unumschränkten Herrschaft des Thatcheristischen ‘There is no alternative’-Diktums die Idee des Konfliktes wieder in den öffentlichen und medialen politischen Diskurs eingeführt bzw. "salonfähig" gemacht: "‘Seattle’, ‘Genua’ und die anderen Demonstrationen sind internationale Kristallisationspunkte sozialer Bewegungen nach Jahren politischer Lähmung. Waren während der 80er Jahre die Proteste der metropolitanen Solidaritätsbewegung gegen Weltbank und IWF noch eher einer klassischen – und keineswegs falschen – Imperialismuskritik verbunden, so agieren die Initiativen heute gegen einen wirklich globalen Kapitalismus. Deutlich wird auch, dass immer mehr NGOs mit ihrer Fokussierung auf Expertise und das Appellieren an die aufgeklärten Eigeninteressen der Herrschenden derart nicht weiter kommen. Ihre Expertise wird in einem gesellschaftlichen Klima aufgenommen, in dem die Rezipienten – Regierungen, Unternehmen, Medien – es sich leisten können, die ihnen genehmen Aspekte heraus zu picken und gleich noch die Legitimation dazu: Denn wenn die „Zivilgesellschaft“ mitredet, dann scheint es ja in Ordnung zu gehen. Substantielle Veränderungen folgen allerdings kaum. (Kritische NGOs haben längst erkannt, dass soziale Bewegungen für sie wichtig sind.) Hier liegt ein Kern vieler Proteste, nämlich zunächst einmal den Unmut über die dominanten Entwicklungen zu äußern, ohne gleich einen „konstruktiven“ bzw. „politikfähigen“ Vorschlag“ parat zu haben. Führte ein wütendes „es reicht!“ vor einigen Jahren noch zu mildem Lächeln der Expertokraten, so ist das heute anders. Protest, so scheint es, erfährt in einigen Bereichen eine Rehabilitation – insbesondere die Form des Massenprotests." (Ulrich Brand in Volksstimme 39/01).
Damit scheint es plötzlich wieder möglich auch grundsätzliche Alternativen zur neoliberalen Verfasstheit des globalen Kapitalismus, ja – in Ansätzen – zum Kapitalismus selbst zu denken. Alternativen, die zudem nicht auf dem Reißbrett der Meisterdenker entworfen, sondern aus der Praxis und der Reflektion zahlloser Mikropolitiken Vorort entwickelt und miteinander in Beziehung gesetzt bzw. vernetzt werden.

Entsprechend wendet sich die "Bewegung von Seattle" natürlich keineswegs gegen eine soziale und politische Globalisierung, sondern gegen eine von transnationalen Konzernen georderte – undvon nationalen und supranationalen Institutionen und Regierungen umgesetzte – Entwicklungsrichtung der sogenannten Globalisierung – im Sinne einer Verallgemeinerung eines globalen Konkurrenzsystems, in dem jedes Land, jede Region, jede Stadt, ja jedes Individuum ausschließlich als Marktsubjekt definiert wird, das sich gegen andere Marktsubjekte durchzusetzen hat.
Der wesentliche Unterschied zu postmodernen Politik-Vorstellungen der 80er Jahre besteht – auf Seiten der "globalisierungskritischen Bewegung" – in der Aufhebung der kulturalistischen Verengung der Weltsicht einerseits und in der aktiven Vernetzung und Bezugnahme der einzelnen Praxis und Theorie-Ansätze auf einander.
Wobei "die Vernetzung" nicht als Metastruktur fungiert, die die lokalen, regionalen oder nationalen Ansätze ersetzt oder dominiert, die Netzwerke stellen vielmehr Zusammenhänge zwischen bisher weitgehend isoliert bearbeiteten Widersprüchen her und schaffen (u.a. auch durch Großevents anlässlich von Veranstaltungen der neoliberalen Globalisierungs-Eliten) einen Resonanzboden und Kristallisationspunkte für zahllose soziale Kämpfe weltweit. Der wesentlichste Teil der "Arbeit" wird aber nach wie vor Vorort "unter der Woche" geleistet.

Revolutionäre Aufklärung

Und wo bleibt DAS revolutionäre Subjekt? – Die traditionelle linke Antwort auf diese Frage nach der Relevanz der "Antiglobalisierungs"-Bewegung für eine systemüberwindende Politik wäre wohl (derzeit nach zu lesen in zahllosen Flugblättern und Positionspapieren): die bewusstesten Teile der Bewegung – womit man/frau zu allermeist sich selbst meint – hätten eben das entsprechende revolutionäre (Klassen-)Bewusstsein in die Bewegung zu tragen, diese womöglich gar mit "dem Bewusstsein ihrer Lage" zu erfüllen.
Eine andere denkbare Antwort wäre dagegen, dass die von mir oben beschriebene Vernetzung diversester, sich an unterschiedlichen Widersprüchen kapitalistischer Realität abarbeitenden Mikropolitiken in ihrer gesamten Breite (von Tierschutz bis Rassismus) und Tiefe (von Mitregier-Fantasien bis zu Umsturzplänen) "den Kapitalismus" in seiner Totalität erfasst und mit Widerspruch – und da und dort sogar mit Alternativen – konfrontiert. Und aus dieser Konfrontation erwächst die antikapitalistische Sprengkraft der sogenannten Antiglobalisierungs-Bewegung.
Welcher Interpretation die Bewegung selbst zuneigt bzw. ob sie überhaupt in der Lage sein wird, sich über sich selbst, ihre Bedingungen und ihre Perspektiven auf zu klären, werden die kommenden Monate zeigen. Vor allem in Hinblick auf das World Social Forum in Porto Alegre im Januar 2002 (so etwas wie die Generalversammlung der Bewegung) stehen inhaltliche und strategische Klärungsprozesse an, die derzeit in kontinentalen Vorbereitungstreffen in Gang gesetzt werden.



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