Herbert W. Franke
Datum: 25.10.2001
die Kunst von ihrem hohen Sockel holen
autorIn:Oliver Frommel
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Herbert W. Franke ist einer der Pioniere im Bereich der Computergrafik
und einer der Väter der Ars Electronica. Hier gibt er Einblick in
den Hintergrund seiner Arbeit, den Menschen als musterverbeitendes
Tier und die oft lähmende Wirkung der Kunstinstitutionen
Von der Ausbildung her Physiker
Sie haben eine sehr farbige Biographie. Wie sind
sie dazu gekommen?
Das hat seine bestimmten Gründe. Ich wollte
eigentlich in der Wissenschaft arbeiten. Aber ich habe direkt nach
dem Krieg studiert und als ich mit dem Studium fertig war, gab es
keine Chance, in diesem Beruf was zu machen. Da ich aber auch als
Student schon geschrieben habe und mit Fotoexperimenten begonnen
hatte, hatte ich auch andere Möglichkeiten und ich habe vor
allem gesehen, dass die Leute, die da in einer Hierarchie sitzen, in
einer Bürokratie, schrecklich arm sind. Zuerst dachte ich, das
würde nur für die Staatsbeamten gelten, dann habe ich
bemerkt, dass es bei den Industriebeamten genauso ist und meine
letzte Erkenntnis in dem Bereich war, dass selbst die
Universitätsbeamten auch nicht besser sind. Selbst wenn man bei
mir nur das, was ich nebenbei wissenschaftlich geleistet habe
berücksichtigt, habe ich mehr gemacht als so mancher Professor,
der für seine Forschung bezahlt wird, weil er sich mit
Organisation von Seminaren oder Geldbeschaffung beschäftigen
muss. Das musste ich halt alles nicht machen.
Was ist der Hintergrund ihrer künstlerischen
Arbeit?
Ich bin ja von der Ausbildung her Physiker und war
deswegen nicht von diesem Kunstkontext eingeschränkt,
wo man darauf angewiesen war, irgendwelche Regeln zu
beachten, die einem von dieser Seite vorgegeben waren. In eine
Galerie wurde man sowieso nicht eingeladen, irgendwelche Preise gab
es auch nicht. Da konnte man wirklich machen, was einem Spaß
gemacht hat. Und völlig unabhängig von der zeitgenössischen
Mode, wo der Künstler immer noch sehr stark der Tradition
verhaftet ist, ist da wirklich frei gearbeitet worden. Und das ging
dann 10 Jahre so, bis die Historiker, die Kunstwissenschaftler sich
zu interessieren begannen. Ich erinnere mich, bei der Ars
Electronica, da haben wir auch ungefähr 10 Jahre unbehelligt
gearbeitet, dafür hat sich niemand von den Akademien
interessiert. Dann wurde es auf einmal bekannt, es wurde zu einem
Erfolg, und dann kamen alle und sagten Dinge wie "Ich versteh
nicht, ich bin Kunstprofessor in Linz, warum lädt man mich nicht
ein?"
Wie das in Österreich dann so ist, wurde der
dann eingeladen, und das war dann zugleich ein Rückschritt. Wir
hatten dann solche Leute in der Jury und ich erinnere mich noch wie
einer der bekanntesten österreichischen Künstler, der
damals in der Jury sein musste, weil er es verlangt hatte, zu den
anderen gesagt hat "Das ist ja ein Blödsinn, diese
elektronische Kunst, was die da für ein Zeug machen" und
dann hat er wieder groß geredet bei der Preisverleihung.
Bei meinen eigenen Arbeiten und auch der Arbeiten der
Leute mit denen ich in enger Verbindung stand, das waren in dem Fall
Frieder Nake und Georg Nees und später auch Manfred Mohr und
einige andere, hatten wir das Problem, dass wir nicht wirklich
verstanden wurden. Wir waren uns eigentlich von vornherein darüber
im Klaren, dass die eigentliche Kapazität des Computers nicht
darin liegt, unbewegte Bilder zu machen, sondern dass da unglaublich
interessante Möglichkeiten drin stecken und man einfach in diese
Richtung gehen muss. Es ist damals gar nicht verstanden worden,
wodurch unsere Denkweise sich von anderen unterscheidet und es sind
auch heute nur sehr wenige, die es verstehen.
Worum geht es ihnen denn?
Selbst heute, wenn ich irgendwo eingeladen werde,
werde ich immer nach Bildern gefragt. Da ist jetzt eine Ausstellung
im Deutschen Museum geplant, die wollten von mir
Picture-Processing-Beispiele von Porträts. Und eines der ersten
Picture-Processing-Beispiele, das es überhaupt gibt, habe ich
mit Hilfe einer Apparatur machen können, die in der
elektromedizinischen Abteilung von Siemens in Erlangen entwickelt
wurde, mit dem ich eine Bilderserie gemacht habe. Ich habe ein
S/W-Foto von Einstein gescannt und habe das dann schrittweise
verarbeitet und dadurch auch schrittweise mehr und mehr verfremdet.
Die Idee war, dass man mit einer Überblendungsoptik eine kleine
Serie machen konnte, wo Einstein zuerst real zu sehen war, immer
abstrakter und abstrakter wurde und schließlich dann nur noch
so ein vager Fleck. Ich habe dann Dias gemacht, indem ich den Apparat
vor den Bildschirm gehalten habe, das war damals noch nicht anders
möglich. Da kam dann natürlich irgendein Kunstkritiker und
sagte "Was ist das wieder, eine Spielerei, hat doch überhaupt
keinen Sinn". Dann hab ich gesagt "Sie haben denn Sinn wohl
überhaupt nicht begriffen", sagt er "Ja wieso,
wieso?", darauf ich "Ja sie wissen doch, was der Einstein
geleistet hat. Wie er begonnen hat zu arbeiten, war unsere Welt noch
konkret und am Schluss seiner Arbeiten, da war die Welt abstrakt. Und
alles das drücke ich am Beispiel des Bildes von Einstein aus.
Und wenn sie es konkreter haben wollen, dann können sie sagen,
der Kopf ist zunächst noch mit dem Gesicht sichtbar und was dann
geschieht mit meiner Verfremdungsserie ist dann, dass man dann nur
noch im Umriss das Gehirn sieht."
Das war nur ein Beispiel dafür, dass hier ein
Übergang zur Bewegung da war. Wir dachten immer, wir haben von
der Arbeitsweise des Computers her, wenn wir Bilder mit
mathematischen Formeln beschreiben, die Möglichkeit, die
Parameter zu ändern und zwar in beliebig kleinen Schritten. Und
wenn man das macht, dann hat man das Rohmaterial für eine
Animationsserie. Das war damals im Prinzip schon möglich, nur
sehr aufwendig, und die Umsetzung in Film war dann noch teurer, das
war ja eine brotlose Kunst damals. Das verstehen die Leute heute
überhaupt nicht, die sagen dann immer "Ja, warum haben sie
denn nicht ein großes Bild machen lassen?", sag ich "Ja
wissen sie denn nicht, was ein Ektachrome in der Größe
kostet?". Wir haben einen billigen Kopierapparat genommen, um
ein Bild als Dokumentation zu haben, aber in Wirklichkeit ging es uns
ja gar nicht um das Bild, es ging um die Bewegungsserie und da sind
die Dias viel näher am Original, als die Vergrößerungen,
die wir da machen, die sie unbedingt jetzt da hinhängen wollen.
Und das machen sie es im Deutschen Museum auch so - die waren nicht
mal bereit, Überblendungen zu installieren, die hängen zwei
Bilder an die Wand und das ist es.
Wie war die Entwicklung der technische Geräte,
mit denen sie gearbeitet haben? Gibt es da Unterschiede zwischen
analogen und digitalen Systemen?
Es war natürlich bei der Arbeit immer die
Zielvorstellung, dass man die weichen Übergänge hat,
zunächst in den Farben, später auch in der Bewegung.
Bemerkenswerterweise konnte man mit dem Kathodenstrahloszillographen
diese Wünsche bereits erfüllen. Das war völlig weich
und in der Bewegung absolut glatt und ohne Sprünge. Nur konnte
man mit dem Kathodenstrahloszillographen natürlich bei weitem
nicht soviel machen wie mit einem digitalen System. Deswegen waren
wir überzeugt, dass in der Entwicklung der Computer früher
oder später der Punkt erreicht sein würde, an dem dieser
Wunsch in Erfüllung geht. Und das war natürlich nicht mit
dem Plotter möglich, wenn man jedes Bild dann in einer
20-Minuten-Zeremonie auf einen Karton bringen muss, sondern wenn man
auf dem Monitor blitzschnell erzeugte Bilder hat. Mit der
elektronischen Methode ging es dann. Der Plotter ist ja ein
archaisches System gegenüber der Elektronik mit der wir die
Bilder berechnen.
Neben ihrer künstlerischen Arbeit haben sie
sich auch immer theoretisch mit Kunst auseinandergesetzt und darüber
auch einige Bücher geschrieben. Wie ist hier der Zusammenhang
zwischen praktischer und theoretischer Arbeit?
Mich haben die abstrakten Bilder eigentlich immer
mehr interessiert, als die verfremdeten Realbilder, weil dahinter
auch ein kunsttheoretisches Problem steht. Es ist ja verständlich,
dass sich der Mensch für Abbilder interessiert. Aber für
mich war zu dieser Zeit die Frage noch ungelöst, wieso sich der
Mensch eigentlich für völlig abstrakte Darstellungen
interessiert. Und die Kunsttheoretiker haben damals gesagt, das gibt
es eigentlich gar nicht, in jeder abstrakten Darstellung ist etwas
Konkretes versteckt und das ist dann das was wirkt. Das habe ich
nicht geglaubt und das ist auch in der Tat nicht so. Die Experimente
mit diesen Dingen waren für mich auch zugleich Aktivitäten
einer experimentellen Ästhetik. Meine Idee war, man sollte die
Kunst nicht von der historischen Seite anpacken, sondern man muss sie
naturwissenschaftlich analysieren und fragen, was kann ich für
konkrete Aussagen darüber machen? Da wird man irgendwo zu einer
Grenze kommen, das ist klar, aber ich habe mir gedacht, das müsste
irgendwie gehen. Es hat sich dann erst etwas später
herausgestellt wie das gehen könnte, nämlich durch die
Informationstheorie, wo man sehr deutlich sah, dass Kunst ein
Kommunikationsvorgang ist. Zuständig ist daher die
Kommunikationstheorie und als mathematisches Instrument die
Informationstheorie. Das hat dann wieder einen Bezug zur Wahrnehmung,
denn unsere Gehirn, das wahrnimmt, ist ein datenverarbeitendes
System, ein Analysesystem, ein Interpretationssystem. Da kommt man
direkt in die ganzen Probleme der Neurologie und der Hirnforschung
hinein, aber das braucht man auch, wenn man eine Erklärung für
das Phänomen "Kunst" haben möchte.
Wo kommt dann die Technik ins Spiel?
Die Kreativität kann sich in der Technik äußern,
wieso äußert sie sich auch in der Kunst? Ist es eine
andere, ist es dieselbe? Wir sind hier an einer ganz tiefen Stelle,
wo beides seine Wurzeln hat, wenn wir sagen, der Mensch ist ein
Werkzeugbauer. Es hat seinen Grund, dass der Mensch in einem
bestimmten Stadium diese Fähigkeit als nützlich erkannt hat
und durch den Ausleseprozess ausgebaut hat. Er hat diese Werkzeuge
aber auch nicht zum Spaß gebaut, sondern es sollte ihm etwas
nützen. Und da sind wir an einer Stelle wo er plötzlich
beginnt, auch Kunstmaschinen zu entwickeln. Auf einmal haben wir
beides. Denjenigen, der die Kunstmaschine entwickelt, vielleicht ein
Programm, das würde ich da einbeziehen in die Maschine, und auf
einmal will er auch damit arbeiten. Und es ist außerordentlich
interessant, zu sehen, dass in den ersten fünf Jahren noch keine
Künstler dazu gehört haben, weil sie Programmieren und
Mathematik einfach nicht konnten und auch gar keinen Zugang zu den
Computern hatten. Da waren dann unglaublich viele Programmierer und
Mathematiker, die die Herausforderung dieser Systeme gespürt
haben und begonnen haben, mehr oder weniger gute Sachen zu machen,
ohne dass es einen Anlass dafür gab, ohne dass man es ihnen
gesagt hätte sie sollten es tun. Es gab in USA eine Zeitschrift,
die hieß Computers & Automation und da kam der Glücksfall
zustande, dass der Chefredakteur eine Freundin hatte, die
Kunstprofessorin war, und die haben 1963 einen Wettbewerb
ausgeschrieben. Sie wollten die schönste Computergrafik
prämieren und dachten, da würden ein paar Bildchen kommen.
Sie haben schließlich Waschkörbe mit Einsendungen
bekommen, aus der ganzen Welt.
Wie weit hat die Technologie ihre Arbeitsweise
beeinflusst?
Wenn man heute üblicherweise Grafik
programmiert, dann hat man die Reihenfolge, in der die Elemente
aufgetragen werden, nicht mehr in der Hand. Das war damals nicht
unbedingt nicht nötig, sondern man konnte eine ganz andere
Methode verwenden, die ich selbst immer wieder eingesetzt habe. Wenn
man nämlich Elemente aufgetragen hat und ein später
aufgerufenes Element kam dann über ein früher aufgerufenes
Element zu liegen, dann wurde das verdeckt. Ich konnte also durch
eine Schleife beliebig viele Elemente auftragen und das Bild änderte
sich ununterbrochen und wenn ich da einen Zufallsgenerator einbaue,
der die Bildparameter bestimmt, dann hatte ich Endlosläufe von
bewegten Bildern. Das habe ich sehr oft gemacht mit allen möglichen
Hintergedanken ....
Spielte die Interaktion mit den ZuschauerInnen
eine große Rolle für sie?
Die Idee, dass man die Kunst von ihrem hohen Sockel
herunterholt und greifbar und manipulierbar macht, war von Anfang an
dabei. Und wenn ich das mal ein wenig überzogen ausdrücken
darf, auf diese Weise ist die Vision oder der Wunsch, dass jeder von
uns ein Künstler ist, immerhin ein bisschen leichter zu
erreichen. Weil man sich nämlich erspart, manuelle
Geschicklichkeit einzuüben und so konzentriert man sich viel
mehr auf den Gestaltungsprozess. Das finde ich gut. Das ist bei der
bildenden Kunst vielleicht nicht ganz so deutlich, aber wenn ich die
armen Musikstudenten beobachte, da war von Musik gar keine Rede mehr,
sondern das zielt voll darauf ab, dass sich die Finger noch ein
bisschen schneller bewegen. Da frage ich wirklich, wo bleibt die
Kunst? Und wenn man sich das ersparen kann, dann kommt man in
Bereiche wo die Leute gar nicht mehr mitreden können, weil sie
es eben nicht gelernt haben. Ich bin zum Beispiel sehr für Jazz
eingenommen und interessiere mich auch für die Harmoniefolgen,
die sich von denen unserer Musik unterscheiden. Wenn ich dann mit so
jemandem darüber reden will, hat der keine Ahnung. Und das ist
doch das Interessante und Wesentliche, die Dinge, die die Komposition
betreffen, die Struktur dieser Musik. Das heißt also wir machen
durch unsere technischen Hilfsmittel den Weg dafür frei, dass
man sich mit der eigentlichen, kreativen Gestaltung beschäftigen
kann. Dass man also nicht ausgeschlossen wird, weil man mit den
Händen zu langsam ist oder weil man zu ungeschickt mit dem
Pinsel ist. Die geistigen Fähigkeiten sind nicht mehr gefesselt
durch die Unfähigkeiten, die leider bei uns da und dort
auftreten.
Hat sich durch die Weiterentwicklung der Technik
auch die Kunst selbst oder der Zugang dazu geändert?
Es hat sich insofern verändert, dass nun auch
von der Künstlerseite ein relativ großes Interesse an den
Medien angemeldet wird. In der Übergangszeit, wo also die ersten
Künstler kamen und gesagt haben "Was muss ich denn tun,
damit ich dieses Instrument auch verwenden kann?" da hat man
damals gesagt "Ja, mein Lieber, da musst du programmieren
lernen" - "Oh, um Gottes willen." Da kam also dieser
Wunsch von Künstlerseite nach möglichst einfachem Gebrauch
dieser Systeme und die Konsequenz davon waren die Pen-Systeme. Das
heißt wir haben heute neben der Methode, das Bild mit einer
Formel zu beschreiben noch eine zweite und zwar simuliert man mit
einem Pen-System den klassischen Kunst-Vorgang. Andererseits haben
wir durch eine völlig neue Methode der Beschreibung - nämlich
durch Programme - gewissermaßen eine Notenschrift für
Bilder. Diese übertrifft die Notenschrift der Musik allerdings
noch bei weitem, weil das generative Prinzip in den Programmen
enthalten ist - was in der Musiknotenschrift nicht der Fall ist -
das heißt sie ersehen in diesem Programm das Ordnungsprinzip,
das dieses bestimmte Kunstwerk, das programmiert wurde, in sich trägt
und das ist natürlich etwas, wo man an der Wurzel etwas ändert
und auch etwas völlig Neues machen kann. Während derjenige,
der mit einem Induktionsstift auf einem Tableau etwas schreibt,
wahrscheinlich nicht viel mehr herausbringt als früher jemand
mit einem Stift.
Sehen sie also die Entwicklung der Technik als
Fortschritt?
Ich muss es ein bisschen relativieren. Man hat heute
Pen-Systeme zur Verfügung. Es werden sehr raffinierte
Möglichkeiten angeboten, zur Vervielfältigung,
Auffächerung, Bildstrukturveränderungen, man kann das heute
abrufen und einfügen auch ohne Mathematik zu können. Heute
ist das Angebot von Pen-Systemen und Programmen, die solche Effekte
anbieten, so weit gefächert, dass auch ich mich nicht hinsetze
und da eine neue Struktur erfinde, außer ich habe eine Idee,
die ich machen möchte und die ich nirgends finde. Dann muss ich
mich schon hinsetzen, kann ich es aber dann auch.
Man findet heute sehr viele und sehr interessante
Möglichkeiten. Ich muss sagen, man kann heute mit Pen-Systemen
absolut kreativ arbeiten. Aber ich bin trotzdem noch der Meinung dass
dort , wo man auf einer tieferen Ebene arbeitet, wo man also wirklich
über die Ordnung nachdenken muss, die ich jetzt initiiere und in
das Bild hineinbringe, dass man da ein bisschen unter die Oberfläche
gekommen ist, während, wenn man mit einem Pen-System arbeitet
ist bleibt man noch sehr an der Oberfläche. Es sind die
prinzipiellen Möglichkeiten, die durch die Anregung erschlossen
werden, die aus dieser Art kommt, sich mit Programmen
auseinanderzusetzen, oder auf einer mathematischen Grundlage zu
arbeiten.
Sehen sie bei der technischen Entwicklung einen
Abschluss erreicht? In welche Richtung könnte es weitergehen?
Ich könnte mir vorstellen, dass mit dem
Auftauchen dreidimensionaler Bildschirme, also Ausgabegeräten,
in denen man wirklich dreidimensional sieht und auch in drei
Dimensionen gestaltet, dass man da auch ganz andere Pen-Systeme
braucht. Und es ist auch dem gar nicht mehr angemessen, das sind dann
Architektur-Systeme, wenn man sich mit Bauwerken beschäftigt.
Man könnte auch genetische Programme verwenden um organisch
anmutende Dinge wachsen zu lassen. Ich glaube, dass wir da noch große
Möglichkeiten vor uns haben. Aber da sind wir schon wieder etwas
in den Nebenbereich gekommen. Wir brauchen uns da nicht über
ganz bestimmte grundlegende mathematische Dinge zu kümmern,
aber wir müssen Wachstumsprinzipien, wir müssen die
Strukturierungsmöglichkeiten, beispielsweise im organischen,
kennenlernen. Denken sie an Prusinkiewicz, der wohl der erste war,
der versucht hat, Wachstumsvorgänge zu simulieren. Carls Sims
hat das dann aufgegriffen, das ist jetzt noch Avantgarde, würde
ich sagen, aber das wird in einigen Jahren natürlich auch jedem
zur Verfügung stehen und wenn sie sich zusätzlich dazu noch
eine dreidimensionale Gestaltung vorstellen, da kann man sich
natürlich alles mögliche ausmalen. Ich male mir zum
Beispiel aus, dass ich in einem kleinen Planetarium sitze, nur so
groß wie ein Iglu, aber wenn das von den
Darstellungsmöglichkeiten her gut gemacht ist, sehe ich die
Grenze ja nicht und ich sehe beliebig weit in den Raum hinein, bin
von dem Bildschirm umgeben, so wie das CAVE-System, aber ohne die
Kanten, da kann ich durchwandern, da kann ich zugleich gestaltend
tätig sein, wie ein Gärtner, der sagt, da möchte ich
jetzt Pflanzen, oder ein Architekt, der möchte sich da ein
Bauwerk bauen. Man könnte sich ganze Planetensysteme schaffen,
da gibt es noch immense Möglichkeiten, das ist aber nur der eine
Sektor. Der andere schmilzt wahrscheinlich dann auch mit solchen
Dingen zusammen. Denn die sind dann nicht mehr so unproblematisch.
Selbst wenn sie mit einem so simplen System wie Bryce arbeiten, dann
werden sie bemerken, dass sie da im Bereich der Optik
Wahlmöglichkeiten haben, wo sie gar nicht mehr wissen, was sie
da eigentlich tun, wenn sie nicht physikalische Optik betrieben
haben.
Welche beiden Arten künstlerischer Tätigkeit,
die sie eben beschrieben haben, sehen sie als wertvoller an?
Ich glaube, dass man heute beides respektieren muss,
auch als eine kreative Betätigung. Es kann jemand die Vorarbeit
seiner Vorgänger benutzen und ohne das kommt man heute nicht
mehr aus. Wenn sie eine Programmiersprache verwenden stecken da viele
Ideen drin, die sie dann nur zum Leben erwecken. Aber natürlich
auch in konkreterem Sinn, wenn sie also Pen-Systeme verwenden, sind
die Möglichkeiten, die da drin stecken so vielfältig, dass
die noch keiner völlig überblicken konnte. Das heißt
sie haben ein Instrumentarium vor sich, das es ihnen ermöglicht,
Innovation zu erzeugen, etwas völlig Neues, was noch niemand vor
ihnen gemacht hat. Das ist ein sehr schönes System und in jeder
Weise akzeptabel. Aber das Interessante an der Computer- und
Medienkunst ist ja, dass das Instrumentarium noch gar nicht
ausgereift ist. Da gibt es immense Möglichkeiten, die erst dann
überhaupt angegangen werden können, wenn die Systeme soweit
sind. Das ist die einzigartige Chance, die wir haben, dass wir in
dieser Zeit leben. Jemand, der mit dem Hammer in Stein gemeißelt
hat wird diese Chance vielleicht nicht mehr haben. Es wird in dem
Bereich der Steine nicht mehr viel zu finden geben, was von dem
Rohmaterial her neue Möglichkeiten eröffnet, das ist
erschöpft. Aber wir arbeiten mit unreifen Systemen. Das ärgert
uns oft, weil man gerne etwas machen will und man weiß, im
Prinzip geht es, aber wir haben das Instrument noch nicht, wir können
es nicht bezahlen, oder selbst wenn wir es bezahlen könnten,
gibt es das noch nicht, weil man einen Quantencomputer bräuchte
und so weiter. Das ist etwas Wunderbares aber auch Frustrierendes.
Und in diesem Zwischenraum sind wir aktiv.
Sind sie ein Experte?
Experte ist jeder, für das was ihn interessiert
und ihn betrifft. In dem Sinn bin ich auch ein Experte. Aber ich bin
natürlich insbesondere ein Experte für die Dinge, mit denen
ich mich besonders intensiv beschäftigt habe, vielleicht mehr
als andere. Das ist zum Beispiel diese Entwicklung in den ersten
Jahren. Da wird es nicht allzuviele geben, die das so verfolgt haben
wie ich. Ich war ja damals schon freiberuflich tätig und konnte
doch ein bisschen das machen was mich interessiert hat. Fast alle der
Kollegen, Hacke, Nees oder Noll und alle anderen waren fest in
irgendeiner Anstellung und konnten das nicht machen, was ich gemacht
habe, nämlich systematisch auf dem Laufenden zu bleiben, was da
eigentlich passiert. Und ich konnte natürlich an vielen
Diskussionen teilzunehmen, ich habe ein paar Bücher geschrieben,
was wieder zu neuen Kontakten führte. Das hat mich also schon
auch dazu gebracht, dass ich mit vielen Leuten bekannt wurde, dass
ich reisen konnte, also in dem Bereich bin ich natürlich ein
Experte. Es gibt in diesem Bereich viele Details, wo man sich sehr
intensiv beschäftigt hat, aber das sind oft winzige Ausschnitte.
Ich habe mich zum Beispiel in den letzen zwei Jahren damit
beschäftigt, mit dem Programmiersystem Mathematica Animationen
zu machen. Ich habe dann einfach aus meinen eigenen Erfahrungen ein
Buch zusammengestellt, also könnte ich sagen, ich bin ein
Experte für Animationen mit dem System Mathematica. Aber wenn
dann einer kommt und mich fragt, wie verwenden sie das System zur
Lösung von Differentialgleichungen, dann muss ich sagen, um
Gottes willen, fragen sie mich nicht, keine Ahnung.
Das Mathematica ist ja auch bei aller Brauchbarkeit
merkwürdig strukturiert, da muss man so etwas sein wie ein
chinesischer Schriftgelehrter, wo man sagt, es gibt nur etwas fünf
Leute, die wirklich alle Schriftzeichen kennen und alle anderen die
benützen halt einige wenige und kommen damit auch aus. Die aber,
die alle kennen, kommen sonst zu nichts, weil sie ununterbrochen
dabei sein müssen, auf dem Laufenden zu bleiben oder zu
ergänzen.
Ich bin also kein Experte für Mathematica
sondern für einen winzigen Ausschnitt daraus. Und in vielen
anderen Bereichen geht es mir genauso, wo man sagen kann, da ist ein
merkwürdiges Nicht-Wissen benachbart mit Experten-Wissen.
Sind sie sozusagen ein Experte dafür, sich in
die unterschiedlichsten Bereiche einzuarbeiten?
Ich könnte auch sagen, ich bin Experte für
übergreifende Zusammenhänge zwischen verschiedenen
Wissenschaften, für den Überblick, der sich ergibt. Ich
habe das bei vielen Diskussionen bemerkt. Wenn man über Kunst
diskutiert, kommt man einfach in sehr viele verschiedene Bereiche,
ich weiß ja bei einer solchen Diskussion nicht von vorneherein,
was ich gefragt werde. Da will einer etwas über die
Farbgestaltung bei einem bestimmten Bild wissen, mit einem bestimmten
Computerprogramm und der nächste fragt mich, ob etwas Göttliches
in Ölbildern zu finden ist. Ich habe bei vielen Leuten bemerkt,
die durchaus auch Experten für Kunst oder Kybernetik sind, dass
sie auf in dem Bereich großartig sind und alles wissen. Aber
man muss eben nicht nur die eine Sache berücksichtigen, da
spielt eine andere noch mit hinein und dann hört es bei ihnen
plötzlich auf. Und ich bin in der angenehmen Lage, dass ich da
sehr vieles miteinander verbinden kann. Mit Informationstheorie, die
mathematisch sehr anspruchsvoll ist, habe ich mich sehr intensiv
beschäftigen müssen, mit Automatentheorie, zellularen
Automaten, dann natürlich Programmieren, was dahinter steckt,
die prinzipiellen Möglichkeiten. Ich habe mich aber auch damit
beschäftigt in den ersten Jahren Computer aus kleinsten
Schaltelementen selbst zusammenzubauen.
Ich bin durch meine Arbeit als Schriftsteller, als
Publizist, wo ich auch mit Science Fiction beschäftigt war, oder
mit physikalischen Problemen in der Höhlenforschung. Bei der
Science Fiction musste ich auch, bevor ich etwas hingeschrieben
habe, mich sehr genau informieren, ob ich das so vertreten kann und
ich denke, ich habe wenige Fehler gemacht. Dieser Überblick ist
da, aber da darf man natürlich nicht immer das Detail von mir
verlangen.
Namen im Text:
Bryce neuartige Software zum Generieren von Landschaften und
anderen Strukturen, von Grafik-Genie Kai Krause. Jetzt Eigentum von Corel
Mathematica Software-Paket für symbolische Mathematik und
Visualisierung von Computer-Mathe-Experte Stephen Wolfram: www.stephenwolfram.com
CAVE Virtual Reality System mit 3D-Rückprojektionen
Carl Sims: arbeitet mit genetischen Algorithme zur Erzeugung
von Computerkreationen, die lebenden Wesen ähneln
Przemyslaw Prusinkiewicz: benutzt rekursive Algorithmen zur Simulation
von wachsenden Pflanzen
dieses Interview wurde im Rahmen der Ausstellung "the artist
as an expert" beim make-world Festival
gemacht.
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