Der Versuch, die gesamte Bewegung zu zerschlagen

Datum: 09.09.2001

autorIn:Benedetto Vecchi
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"Die Phase des zivilen Ungehorsams hat sich erschöpft. Jetzt ist es nötig, zu einem sozialen Ungehorsam überzugehen." Luca Casarini, einer der Sprecher der Tute bianche (1) im Gespräch mit Benedetto Vecchi über die Perspektiven der Bewegung gegen neoliberale Globalisierung nach Genua.

„Wenn du die gepanzerten Polizisten auf dich zukommen siehst, läufst du weg oder reagierst; auf die gleiche Weise reagierst du, wenn du eine Waffe auf dich gerichtet siehst. In der Via Tolemaide in Genua, haben wir Barrikaden errichtet, um unsere Unversehrtheit zu bewahren. Drei Stunden haben wir auf die Angriffe der Polizei reagiert, indem wir uns verteidigten. Gemeinsam mit vielen anderen. Carlo Guliani ist gestorben, während er sich gegen die Angriffe der Polizei verteidigte. Er war dort, zusammen mit Tausenden Männern und Frauen, um zu zeigen, dass eine andere Welt möglich ist.“
Luca Casarini, Sprecher des Zusammenschluss der autonomen sozialen Zentren (Centri Sociali)(2) nord-ost, charismatische Figur der Tute bianche, eines der treibenden Zentren des Genoa Social Forums (3), reflektiert die Tage von Genua: „Es gibt einen abgrundtiefen Unterschied zwischen denen, die eine Barrikade errichten, um sich zu verteidigen, und jenen, die sich entscheiden, eine breite Bewegung, wie sie sich in der Bewegung gegen die ökonomische Globalisierung zeigt, militärisch zu brechen. Erstere bejaht das Recht, eine Realität zu verändern, die Elend und Ausbeutung produziert, zweitere verteidigt die G8, das heißt ein illegitimes Gebilde, das über das Schicksal der Welt entscheiden möchte, während es die Wünsche und Hoffnungen auf ein besseres Leben von Seiten derer, die in ihr wohnen, ignoriert.“

Vecchi: In Genua hat man das Ende der politischen Vermittlung zwischen den Bewegungen und den Institutionen gesehen. Ich denke an den Monat, in dem das Genoa Social Forum direkt mit der Regierung verhandelt hat, ohne dass die parlamentarische Opposition des linken Zentrums irgend etwas von Bedeutung gesagt hätte. Oder an die Implosion einer Partei wie der DS (aus der ehemaligen KPI hervorgegangene sozialdemokratische Partei, stärkste Kraft des derzeit oppositionellen Mitte-Links-Bündnisses Ulivo, Anm.) ....

Casarini: Über das Ende oder den Tod zu reden, ist traurig nach Carlo. Ja, in Genua ist die linke Politik gestorben. Man denke an die Verlegenheit des linken Zentrums (Ulivo), das den G8-Gipfel vorbereitet hat und sich dann den Bildern der bestialischen Schlägereien und des auf dem Asphalt gestorbenen Carlo gegenüber sah. Gestammel, obwohl die Vorbereitung des G8 ihre Sache war. Sie beeilten sich, die Erklärungen von Luciano Violante (Fraktionschef der DS im Parlament, Anm.) vorzulesen, der darin, fordert, dass das GSF die Gewalttätigen und die graue Zone, das heißt uns, die Tute bianche, ausschließen müsse, während er an einer Lösung im Rahmen einer parlamentarischen Diskussion über Genua und die Folgen arbeitet.
Wir haben in Genua eine spezifische "Lesart der Weltregierung" versucht. Wir haben über die Weltregierung oder besser die imperiale Weltregierung gesprochen. Sie bedeutet eine Erosion der nationalen Souveränität. Nicht ihr Ende, aber eine Erosion und die Verbreiterung einer globalen Logik, und zwar imperial. In Genua haben wir das Szenario des Krieges erlebt, das diese Logik mit sich bringt. Wie sich der imperialen Logik zu widersetzen ist, bleibt eine stetige Aufgabe, die uns in Genua alle unvorbereitet getroffen hat.

Vecchi: Mir scheint, dass auch die Tute bianche am Ende sind...

Casarini: Ende? Ein großes Wort. Erschöpft vielleicht, der Abschluss einer Phase sicher. Die Tute bianche machten ein Experiment, dessen Wert darin lag, auf eine neue legitime Weise die Idee des Konflikts auszutragen. Man denke an das GSF. Dort sind KatholikInnen und wir, dort versammeln sich das „Rete Lilliput“ (pazifistische Widerstandsbewegung, Anm.) und „drop the debt“ (globale Schuldenstreichung) und die „FIOM“ (militante Gewerkschaft). Eine starke Mischung.
Wir haben uns darin wie ein treibendes und pulsierendes Zentrum bewegt, das nicht versuchte die Hegemonie zu erreichen, sondern allenfalls Prioritäten auf zu zeigen. Als Tute bianche haben wir einen langen Weg zurückgelegt, im Gehen stetig das hinterfragend, was wir tun. Eine positive Erfahrung, die mir aber jetzt unangemessen zu sein scheint, angesichts einer derartigen Konfrontation mit einer imperialen Logik, in der die Politik die Fortsetzung des Krieges ist und nicht umgekehrt, wie von Clausewitz schrieb. Man denke an den Balkan, an Palästina, an Afrika.

Vecchi: Für den Herbst sehen in Italien viele eine brisante Phase mit Zusammenstößen in den Bereichen des Sozialen voraus. Etwa für die Metallarbeiter, die die Unterschrift diverser Gewerkschaften auf einem demütigenden Vertrag gesehen haben, und dagegen die „FIOM“, die zum Generalstreik aufruft. Im Herbst werden aber auch die Schulen zu Unternehmen umfunktioniert, desgleichen die Spitäler, die dann die Gesundheit wie eine Ware behandeln ...

Casarini: Das sind die weiteren Faktoren, die mich dazu bringen zu sagen, dass sich die Phase des zivilen Ungehorsams erschöpft hat. Jetzt ist es nötig, zu einem sozialen Ungehorsam überzugehen. Es ist nötig, den Status der Krise in all seinen Komponenten vom Blickpunkt des GSF zu bestimmen. (...) Wenn sich in jeder Stadt soziale Foren bilden, ist das positiv; dass sie sich durch Allianzen gegenseitig stabilisieren, ist fundamental. Auch wenn ich es vorziehe, nicht in Allianzen zu denken, wäre es ein sozialer Prozess, durch welchen die Bewegung ein attraktiver Pol für die Leute und die soziale Realität würde. Man denke an das, was in Genua mit den JuristInnen und freiwilligen SanitäterInnen passiert ist. AdvokatInnen, sicher demokratisch gesinnt, aber weit entfernt vom GSF, diskutierten unter sich und entschieden, sich Hemden mit der Aufschrift „juristische demokratische Assoziation“ anzuziehen und auf die Straße zu gehen. Sie stritten mit anderen AdvokatInnen, erhielten nach den Schlägereien enormen Zulauf und verfassten schließlich ein hartes Schreiben gegen die Vorgehensweise der Regierung, das sie an die Union der Strafkammer schickten. Oder man schaue auf die Erfahrungen der KrankenpflegerInnen und ÄrztInnen, die denjenigen, die verprügelt worden waren, helfen wollten und ihrerseits selbst von den Ordnungskräften geschlagen wurden. Zwei positive Beispiele für Netze, die sich gebildet haben aufgrund der fesselnden Themen der Bewegung. Sie wurde ein Teil ihrer spezifischen Arbeit, sie setzen ihre Arbeit nun in einen Zusammenhang mit der Bewegung.
Das bedeutet nicht, dass alles ganz leicht ginge - im Gegenteil. Wir sehen uns einer schwierigen und harten Realität gegenüber, die neu mit einbezogen und analysiert werden muss. Wir sind nicht im Faschismus, erleben aber eine Umwandlung der Staatsform, die eine tiefe Veränderung in der Art und Weise, wie Reichtum und Subjektivität produziert wird, mit sich bringt. All das geschieht in einem globalisierten Rahmen. Man denke nur an die Anwort der Straße in Genua: Es schien wie ein Aufstand (Riot), nicht wie ein der oppositionellen Kräfte auf der Straße. Das wird mit einbezogen und analysiert werden. Ich spreche nicht vom „schwarzen Block“, klarer Weise, sondern von denjenigen, die Widerstand leisteten. Die sogenannten „Tute nere“ sind allerdings ein Phänomen, das nicht kriminalisiert wird. Es sind Personen, die glauben, dass es ausreichen würde, die Schaufenster einer Bank einzuschlagen, um den Kapitalismus zu schlagen. Ihr „smash capitalism“ ist alles. Wir denken anders darüber. Wir denken an einen sozialen Prozess der Transformation, in der das „Netz der Netze“ der fesselnde und spannende Pol wird, der sich verbreitert und die Entstehung anderer sozialer Netze voran treibt.

Vecchi: Ich denke, dass es richtig ist, zu behaupten, nach Genua „sei nichts mehr so wie vorher". Aber was hat sich für dich verändert?

Casarini: Ich schlage vor, wir kehren zu den Tagen des 20. und 21. Juli zurück. Oder besser zu einem Photo, das die Wochenzeitung „Carta“ und dann „il Manifesto“ veröffentlicht haben. Es ist von Tano D’Amico und zeigt, wie schon vorher, das heißt, bevor Carlo umgebracht worden ist, die Polizisten ihre Pistolen aus den Taschen gezogen hatten, um sie gegen uns zu richten. Es bezeugt die militärische Logik in der Konfrontation mit der Bewegung gegen den G8 von Seiten der Regierung. Die Polizisten griffen gewalttätig an. Wir haben Widerstand geleistet, und ich beanspruche diesen Widerstand als einen politischen Akt. Trotzdem wäre es ein Wahnsinn und ein politischer Selbstmord, diese militärische Logik zu akzeptieren. In Genua waren alle Ordnungskräfte, Streitkräfte, Geheimdienste der - ökonomisch wie militärisch - acht mächtigsten Länder des Planeten vertreten. Unsere Bewegung kann sich nicht mit einer derartigen militärischen Macht messen. Wir wären in drei Monaten zerquetscht. Also müssen wir einen dritten Weg finden - zwischen dem, der die Ablehnung der ökonomischen Globalisierung bezeugt, und dem, der sich für eine symbolische Geste, wie etwa der Demolierung einer Bank, entschieden hat.

Vecchi: Könnte die Via Tolemaide, in der es zu heftigsten Auseinandersetzungen und zum Tod von Carlo Guliani kam, nicht auch eine Falle gewesen sein, auf welche ihr hinein gefallen seid?

Casarini: Es soll von unserer Seite aus Naivität gewesen sein? Vielleicht. Ich sehe das aber unter einem anderen Aspekt. Als Tute bianche haben wir einen Pakt mit dem Genoa Social Forum unterschrieben, und den haben wir respektiert. In den vorbereitenden Zusammenkünften am Tag des „Ungehorsams“ (Freitag, den 20.) haben wir unsere Intention, die rote Zone zu brechen, nicht zurückgehalten. Wir hatten auch geklärt, welche Instrumente wir benutzen würden. Wir haben also keine Knüppel und keine offensiven Mittel benutzt. Wir haben nicht einmal den weißen Overall (Tuta biancha) getragen; eine Entscheidung, die wir lange unter uns im Stadion Carlini diskutiert haben. Ich denke, dass es richtig war, so zu handeln, denn wenn man sich in eine vernetzte Realität wie die der Bewegung vertieft, ist das wichtige Element nicht mehr der Anspruch auf eine bestimmte Zugehörigkeit, sondern die Berührung zwischen den Unterschieden, die sich auf ein allgemeines Ziel richten. Wenn wir in Genua naiv gewesen sind, dann äußert sich unsere Naivität darin, dass wir uns an die Vereinbarungen gehalten haben, dass wir diejenigen, die anders denken, respektiert haben, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. War es eine Falle? Ja, es war der Versuch, die gesamte Bewegung zu zerschlagen.

Vecchi: Es gibt Leute, darunter auch ich, die glauben, dass die spezifische Aktionsform der Tute bianche in Genua in Stücke gerissen wurde ...

Casarini: In der Vergangenheit, gab es Leute, die geschrieben haben, dass die Tute bianche nur Widerstand vortäuschen würden, dass der Widerstand gegenüber der Polizei nur eine Burleske sei. Es gab sogar solche, die behaupteten, wir würden im Einverständnis mit den Ordnungskräften agieren. Es ist nie so gewesen. Vor zwei, drei Jahren haben wir lange darüber nachgedacht, wie wir einen Konflikt austragen können, ohne je destruktiv zu werden. Und unsere Vorgehensweise war folgende: Wir kündigten öffentlich an, was wir vorhatten, wir warnten immer davor, dass wir uns, wenn die Polizei angreift, nur mit den Schildern und durch die Polsterungen verteidigen werden. Es war unsere Regel, weil es für uns essentiell war, auf den Konflikt einzugehen, weil es im Einklang mit den Zielen stand, die wir uns setzten. Für Genua erwarteten wir, dass mehr oder weniger dasselbe geschehen würde. Wir hatten uns aber geirrt. Man versuche nur, sich an die Treffen zwischen dem Genoa social Forum und dem (italienischen) Innenminister Scajola oder Außenminister Ruggiero zu erinnern: Keine der Verbindlichkeiten ihrerseits wurde eingehalten. Die Ordnungskräfte haben Feuerwaffen benutzt, während Ruggiero uns versicherte, es nicht zu tun.

Aus: Il Manifesto übersetzt von Sabine Treude

Anmerkungen:
(1) Tute bianche: Von den in den Centri Sociali verwurzelten Ya Basta-Gruppen entwickelte Aktionsform, die vor allem durch ihre weißen Overalls auffällt und sich als militant versteht aber nur mit (in Italien legaler) "Defensiv-Bewaffnung" (Schilder, Helme, Körperpolsterung ...) ausgerüstet ist. Zu Tute bianche vgl. auch das prairie-Dossier "Eine andere Welt ist möglich".
(2) In manchen Fällen schon seit den 70er Jahren besetzte, autonom verwaltete Zentren, die in vielen Städten, vor allem Norditaliens, das Zentrum der jeweiligen radikalen Linken darstellen ... oftmals in Zusammenhang mit Freien Radios etc.
(3) Das Genoa Social Forum (GSF) war der Dachverband für über 800 Organisationen und Bewegungen, die sich zur Vorbereitung der Proteste gegen den G8-Gipfel von Genua zusammen gefunden haben. Das GSF wurde in der Folge der brutalen Polizeiaktionen mittlerweile zum Italian Social Forum erweitert, das sich als Teil des World Social Forums von Porto Alegre (vgl. prairie-Dossier "Eine andere Welt ist möglich") begreift. Das ISF plant für Otober/November diesen Jahres erneut Massenmobilisierungen in ganz Italien.

Links:
Il Manifesto




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