"save our sexuality"
Datum: 08.09.2000
Mona Hohn und Oliver Fabel im Gespräch
autorIn:Andi Wahl
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"Das Internet ist ein neuer Raum, der aber nichts am Wesen der Sexualität ändert. Einfach eine neue Spielart. Was aber nicht heisst, dass das Medium Internet keine grundlegenden Auswirkungen auf unsere Sexualität zeitigen wird." Mona Hahn und Oliver Fabel, deren Ars-Beitrag im KUNST RAUM GOETHESTRASSE präsentiert wird, im prairie-Gespräch.
prairie: Mona Hahn, Oliver Fabel euer Beitrag zur heurigen Ars Electronica, den ihr im Kunstraum Goethestraße verwirklichen werdet, trägt den Titel "Gegenverkehr". Um welche Themen dreht sich euer Beitrag, und was darf man sich darunter vorstellen?
Mona: Es dreht sich zunächst ausschließlich um das Thema Sexualität. Und zwar um eine Art neuer Kultur sexuellen Verhaltens, wobei wir die Ausstellung so strukturiert haben, dass wir einen ganz kleinen Vergangenheitsteil haben —— das ist ein S.O.S.-Ruf der Sexualität. S.O.S. steht für "save our sexuality". Der Hauptteil unserer Ausstellung beschäftigt sich mit der Gegenwart. In dem sagen wir: "sexuality saved". Wir tun so, als sei die Sexualität gerettet. Das soll keine Vision sein, aber bei vielen Sachen muss man sie sich erst einmal vorstellen, und so tun als wären sie bereits so, um dann zu sagen "ja das hat stattgefunden". Wir tun einfach so und beanspruchen auch für uns momentan diesen Raum um zu sagen "die Sexualität ist gerettet".
Oliver:Ich kann vielleicht noch sagen, dass wir uns gedacht haben, dass es wenig Sinn macht einen konzeptionellen Zugang zu finden, wo man einen Problembereich aufgreift, weil dieser Diskurs natürlich so breit und kompliziert geführt wird, dass man sich eigentlich sofort in eine wissenschaftliche Analyse verstricken würde. Zum Beispiel die These im Untertitel der ARS könnte natürlich sofort auch zwei Meinungen provozieren, ob denn nun die Reproduktion des Menschen, wenn sie biotechnisch stattfindet, tatsächlich eine Gefahr für die Sexualität wäre, oder nicht, im Gegenteil die Sexualität endlich losgelöst wäre von den Fortpflanzungsmechanismen und womöglich auf ganz anderen Wegen zu sich selber finden könnte. Innerhalb dieser Struktur wäre zu sagen, da hat die Kunst die Aufgabe, mit ästhetischen Mitteln eine Behauptung aufzustellen, anhand der jeder Einzelne überprüfen kann, inwiefern das spontan lebbar ist. Jeder ist angesichts dieser Behauptung, dass die Sexualität nun plötzlich zu sich selber gefunden hätte, aufgefordert, seine eigene Sexualität zu überprüfen. Eigentlich auf Basis des Gedankens, dass Sexualität auch weniger ein gesellschaftliches Projekt ist als ein Projekt, wo jeder Einzelne sehen muss inwiefern er das eigentlich in seiner Biographie drin hat, als einen fixen Punkt: "meine Sexualität". Man könnte auch sagen, dass nach unserem Hilferuf "save our sexuality" die Frage folgt, bin ich eigentlich der Eigner oder die Eignerin meiner eigenen Sexualität, und was bedeutet das?
Mona: Es sind eigentlich zwei verschiedenen Problematiken. Der Fortpflanzungszwang und die Sexualität. Es ist eigentlich schade, dass die in eine Art Wechselwirkung getreten sind. Was wäre aber wenn man sagt: man trennt diese Faktoren? Technisch ist es möglich. Wir brauchen keine Sexualität mehr, um uns fortzupflanzen —— das könnte man auch anders verstehen und sagen: jetzt kann die Sexualität endlich ohne diesen Fortpflanzungsgedanken existieren und nur um ihrer selbst Willen funktionieren. Das ist ein Faktor, den wir erst einmal großartig feiern, dass die Sexualität von dem befreit ist, und dann gibt es noch andere Faktoren, die in diesen S.O.S. vorkommen: falsch verstandene Ehrlichkeiten, die Institution Ehe — davon befreien wir die Sexualität, von der falsch verstandenen Authentizität, von Versorgungsstrategien, weil wir sagen: Sex ist Versorgungsstrategie an sich genug.
Oliver: Ich weiß jetzt nicht genau, ob es daran liegt, dass dieser Diskurs schon so breit ist, oder daran, dass wir uns im Jahr 2000 befinden und so und soviele Menschen auf so und so einer Kulturstufe stehen, wir eigentlich auch nicht mehr beurteilen können, welche Art der Sexualität tatsächlich einen Glückszustand erzeugt. Oder wie unterschiedliche Arten der Sexualität einzuschätzen wären —— sei es jetzt moralisch oder unter irgendwelchen anderen Gesichtspunkten. Das betrifft auch die Frage der Sexualität im Netz. Wo ich spontan beide Positionen problemlos einnehmen könnte...
Mona: Was heisst beide Positionen?
Oliver: Pro und Kontra. Auf der einen Seite, dass es eine absolute Folgerichtigkeit hat, was dort im Netz passiert, und es auch wieder eine Kultivierung von Sexualität ist, in bestimmter Beziehung, die ihrer eigenen Spezifika hat, auf der anderen Seite aber auch eine Gefahr darstellt, oder zumindest Implikationen hat, die überhaupt nicht abzusehen sind, aber auch nicht gesehen werden. Zumindest seh' ich das so.
Mona: Wo soll da die Bereicherung liegen? Es ist immer so. Ein neues Medium taucht auf, und man denkt, jetzt ändert sich ganz ganz Vieles. Es werden Hoffnungen damit verknüpft. Im Bezug auf das Netz hieß es etwa, jetzt wäre Gender-crossing möglich —— diese ganzen Sachen wurden ja zunächst als Freiheit verstanden. Meine Erfahrung mit Netz-Sex ist einfach: Niemals fühlen sich die Leute zu mehr Ehrlichkeit verpflichtet als wenn man im Sex-chat ist. Da kommen ganz ausgefallene nicknames, und dann im dritten Satz sagt dir jemand, übrigens ich heiss Peter, wohne dort und dort und mache dies und das. Also, dass komischerweise die Möglichkeit der Freiheit sich umdreht. Gerade weil du ihnen vielleicht nicht glauben könntest, legen die Leute wahnsinnigen Wert darauf, dass man ihnen glaubt.
Oliver: Ja das stimmt sicher. Da merkt man auch, dass die Errungenschaft des Netzes anhand der falschen Punkte hochgejubelt werden. Ich glaube aber ganz naiv, dass eventuell auf einer anderen Ebene dort die Möglichkeiten einer Kultivierung bestehen. Denn es ist ja absurderweise so, dass man sich im Netz, sei es jetzt bei Kommunikation, oder sei es tatsächlich bei Sex-Kommunikation, mit ungeheuer spartanischen Mitteln begnügt. Wodurch man die Vorstellungskraft entwickeln muss. Was eigentlich das genaue Gegenteil dessen ist, was durch neue Kommunikationstechnologien erreicht werden soll. Du musst dich mit Schriftsprache verständlich machen, dich charakterlich in irgendeiner Weise positionieren, ausschließlich in Schriftsprache. Das ist schon eine fast absurde Situation, wenn man sonst schaut, wie man irgendwie die Bildungspolitik einzuschätzen hätte, oder ...
Mona: Orthographie als Hauptbegegnungsstruktur!
Oliver: Ja im Grunde genommen. Und man könnte annehmen, dass das eine ästhetische Implikation wäre, wo man sich erhoffen könnte, dass auf diesem Wege Kultur Einzug hält.Eine Hoffnung, die allerdings auch schnell wieder zerstört wird, wenn man sich die einschlägigen Chat-rooms ansieht.
Mona: Das wollte ich gerade sagen. Also du mit deiner Kultivierungsidee —— die Praxis scheint mir dann doch eine andere. Da ist von Kultivierung nicht ganz so viel zu spüren.
Oliver: Ja ich denke nur, vielleicht wird ja tatsächlich etwas beschützt. Man könnte ja den Gedanken haben, es wird im Netz tatsächlich etwas konserviert — von der Sexualität.
Mona: Glaubst du, dass jemand, der mehr Sex im virtuellen Raum hat, weniger Sex in der Realität hat? Oder sind diese beiden Ebenen eigentlich völlig getrennt?
Oliver: Ich bin mir nicht sicher, ob man im Netz überhaupt Sex hat. Das ist die Frage. Irgendwo habe ich davon gelesen, dass die sexuelle Befriedigung abgelöst wird von bestimmten Ereignissstrukturen, die man durchläuft. Also, dass da eine Substitution stattfindet von Sexualität.
Mona: Das glaube ich zum Beispiel überhaupt nicht. Ich glaube, dass das völlig unabhängig läuft, dass, selbst wenn man annimmt, es mache einem Spaß, in Sex-Chats zu sein, dadurch nicht die sogenannte physische Sexualität ersetzt wird, oder sich beide Ebenen in irgendeiner Form überlappen.
prairie: Ist es ein neuer Bereich für Sexualität? Erobert sich Sexualität hier ein neues Feld?
Mona: Glaub ich auch nicht. Ich glaube, das ist eine typische Überschätzung eines Mediums. Im Grunde genommen passiert dort das Gleiche, mit allen Vor- und Nachteilen. Es ist keine neue Kultur. Es ist eine Art mit einem neuen Medium umzugehen. Es gibt auch Telefonsex. Hat Telefonsex wirklich generell die Sexualität als solche verändert? Heute, wo wir solange mit Telefon und Telefonsex konfrontiert sind, wissen wir: nein, es hat nichts verändert. Ich glaube, dass jedes neue Medium vielleicht ein paar Dinge ändert, aber nicht das Wesen der Sexualität. Aber es ist ein neuer Raum. Man kann es ja auf zwei Arten betreiben. Man kann aktiv chaten, oder passiv surfen. Es gibt ja eine Menge Anbieter. Es ist garantiert ein großer Raum für sexuelle Informationsverbreiterung.
Es ist also ein neuer Raum, der aber nichts am Wesen der Sexualität ändert. Einfach eine neue Spielart. Was jetzt nicht heisst, dass ich generell glaube, dass das Medium Internet keine grundlegenden Auswirkungen zeitigen wird. Das wäre eine Verharmlosung dessen, was uns noch blühen wird, mit diesem Medium. Das betrifft jetzt nur den Bereich Sexualität. Ich glaube eher, dass die Sexualität natürlich eine gute Strategie ist, gewisse Prozesse, jetzt auch rein marktwirtschaftlicher Natur, zu etablieren.
Das Internet ist für mich jedenfalls nicht dieses community-Wesen,wo wir alle gleich sind, sondern ich begreife das Internet als Ausschlußmedium, das generell Öffentlichkeiten zerstört. Und diesbezüglich war die Sexualität fatalerweise eine Art Erfüllungsgehilfin, um dieses Medium flächendeckend zu etablieren.
Der KUNST RAUM GOETHESTRASSE ist von 1. bis 10. September geöffnet.
Mo. - Fr. 12.00-18.00
Sa. 10.00-15.00
Goethestraße 22, Linz
homepage: http://www.kunstraum.at
email: kunstraum@servus.at
Links:
Hompage des Kunstraum Goethestraße
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