Wer kann schon gegen die Gene
Datum: 08.09.2000
Der Soziobiologe und ARS ELECRTONICA-Gast Randy Thornhill betrachtet Vergewaltigung als evolutionsbedingte Fortpflanzungsstrategie
autorIn:Eva Rossmann
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Vergewaltigung ist eigentlich ganz normal, sagt Randy Thornhill. Das gibt es im Tierreich, das gibt es auch bei den Menschen. Es hat mit dem Drang nach Fortpflanzung zu tun. Gemeinsam mit Craig T. Palmer hat er darüber ein Buch geschrieben: „Naturgeschichte der Vergewaltigung“. Da trifft es sich natürlich prächtig, dass die heurige Ars Electronica unter dem Motto „next sex“ steht. Sex sells, das wissen nicht nur die Werbeleute. Und provokante Thesen verkaufen sich bekanntlich auch gut. Die einen empören sich, die anderen freuen sich. Und jedenfalls: Man ist schick und neu und endlich so politisch unkorrekt wie es die FPÖ schon lange postuliert.
Menschenrechte? Frauenrechte? Aufarbeitung nicht nur der Nazi-Vergangenheit sondern auch ihrer Auswirkungen auf unsere Gegenwart? Respekt vor anderen? Wenig witzig, man wird so schnell in ein moralisierendes Eck gestellt. Also besser ganz cool alles in Frage stellen und dann auch noch stolz behaupten, man habe Tabus gebrochen.
Ich höre die VeranstalterInnen der Ars Electronica schon erwidern, sie wollten ja nichts anderes als Diskussion und das müsse doch zulässig sein. Jede und jeder könne ohnehin anderer Meinung sein als Herr Thornhill.
Übrig bleibt: er bekommt eine Plattform für seine Thesen. Übrig bleibt, dass irgendwelche Männchen finden könnten, Vergewaltigung sei eben wirklich etwas natürliches und wenn’s eh gar keine so arge Vergewaltigung ist, wie die einer fremden Frau in der Parkgarage, sondern ohnehin bloß ein bisserl Nachdruck bei der „eigenen“ Frau, dann gilt das ja wohl erst recht.
Thornhill ist ein Wissenschaftler, ein sogenannter Soziobiologe. Das ist zwar innerhalb der Wissenschaft eine sehr umstrittene Richtung und seine Thesen sind es im besonderen, aber: Forscht ein Wissenschaftler nicht objektiv? Kommt er nicht der hehren Wissenschaft willen auf seine Ergebnisse (- ganz anders nämlich als Feministinnen, als AnhängerInnen von individueller Freiheit und ihrem Schutz durch Menschenrechte, bisweilen auch durchs Strafrecht, als irgendwelche fehlgeleiteten Weicheier, die ja bloß ihre Weltanschauung durchsetzen wollen)?
Es ist jetzt also wissenschaftlich belegt, dass Vergewaltigung etwas natürliches ist. Objektiv.
Wissenschaft ist nie objektiv. Sie wird von Menschen betrieben. Die können zwar Daten sammeln und Ergebnisse messen, aber letztlich haben sie alle die eine oder andere Zielrichtung. Sie wollen mit ihren Ergebnissen etwas erreichen, etwas beweisen. Sorgfältige Wissenschaft arbeitet wenigstens nicht gegen die Fakten, gegen die Daten. Doch: Auch Wissenschaft muss – und das ist keineswegs eine Abwertung – im gesellschaftspolitischen Kontext wahr genommen werden.
Schlechte Wissenschaftler haben zuerst ein Ergebnis und suchen dann einen Weg, auf dem sie zu ihm gelangen können. Das fällt Soziobiologen natürlich deutlich leichter als Astrophysikern. Weil bei ihnen reichen ein paar Hypothesen, ein paar Ableitungen, und schon darf munter drauf los publiziert werden. Der Applaus ihrer Klientel wird ihnen sicher sein. Und ist das ganze wie bei Thornhill provokant genug, ist auch für Riesenauflagen und Megadiskussionen gesorgt.
Thornhill ist – auch – ein schlechter Wissenschaftler. Seine Abhandlung über die Vergewaltigung als angebliche Folge des Fortpflanzungsdrucks der Männer stützt sich vor allem auf eine seltene Fliegenart, die er (wer kann selbst da nachweisen, wie gut?) studiert hat. Männer haben eben die biologische Veranlagung, sich möglichst intensiv fortpflanzen zu wollen. Und wenn’s eben nicht genug freiwillige Partnerinnen gibt, dann eben mit Gewalt. Frauen hingegen seien wählerischer, sie hätten pro Monat ja nur ein Ei zur Verfügung und das solle schon ein besonderer Mann befruchten dürfen und nicht irgendeiner. Das ist seine Hauptthese. Sex, so lernen wir, dient also ausschließlich der Fortpflanzung. Das sagt der Papst auch immer. Unter Sex, so wird klar, darf immer nur Penetration verstanden werden. Rein in die Frau. Dabei gestehen selbst fortschrittliche KatholikInnen schon zu, dass die Sache auch Spaß machen darf und dass es dafür sogar eine Reihe von Möglichkeiten gibt. Dass es nicht jedes Mal um Nachwuchs, sondern auch um Lust und Liebe geht. Manchmal vielleicht auch bloß um eines von beidem.
Wir leben nicht mehr in Höhlen. Ich halte das trotz allem für einen gewissen Fortschritt an Bequemlichkeit. Wir haben uns gewisse Regeln geschaffen, die Menschen als Individuen schützen sollen. Die werden zwar immer wieder gebrochen und es ist noch immer so, dass da manche (weiß, männlich, in der sogenannten „ersten Welt“ lebend, gesund, erfolgreich) viel gleicher sind als andere, aber immerhin: Ansätze dafür gibt es, dass der Stärkere der Schwächeren nicht einfach mit der Keule über den Kopf hauen darf.
Aber wenn es um Sex geht, sollen wir in der Steinzeit oder auch auf dem Niveau irgendwelcher exotischer Fliegen stehen geblieben sein? Wildgewordene Männchen folgen eben bloß ihrem Fortpflanzungsinstinkt, wenn sie vergewaltigen? Thornhill behauptet das und versucht es auch mit der These zu belegen, dass sich die meisten Vergewaltiger an geschlechtsreifen Frauen vergehen würden. Allein das entlarvt dieses Buch als gefährlichen Unsinn. Studien beweisen nämlich das Gegenteil. Nicht nur, dass rund ein Drittel der Vergewaltigungen an Männern und Buben begangen werden: Auch Mädchen unter 11 Jahren werden bekanntlich immer wieder vergewaltigt. Sie haben sogar ein doppelt so hohes Risiko vergewaltigt zu werden als sogenannte geschlechtsreife Frauen.
Worum es dem Buch und allen, die zu seiner Propagierung beitragen, wirklich geht, ist einfach: Über primitiv-biologistische Thesen sollen Frauen an den Platz verwiesen werden, den sie zumindest hier und dort zu verlassen drohen. Über dieselben Thesen soll auch Männern wieder „artgerechtes“ sprich: dominantes Verhalten bis hin zur Gewaltausübung selbstverständlich gemacht werden. Wer kann schon gegen die Gene? Oder bist Du etwa kein Mann? Kein „richtiger“ Mann?
Angsterfüllte Männchen finden sich in einer Welt nicht mehr zurecht, in der es die Pille zumindest einem Teil der Frauen erlaubt (abgesehen von anderen, nicht eben geringen gesellschaftlichen Druckfaktoren) über ihre Fortpflanzung zu entscheiden. Noch weniger finden sie sich aber damit zurecht, dass es immerhin schon einige Chefinnen gibt, dass Frauen zu Konkurrentinnen werden, dass Frauen mehr wollen, als für Küche, Kinder und natürlich ihren „Gatten“ zu leben. Es geht letztlich also wieder einmal um die Machtfrage. Frauen beginnen, sich als Subjekte zu gebärden. Sich nicht länger als Rippe des Mannes, als abhängig und vom Mann abgeleitet zu begreifen. Dem ist etwas entgegen zu setzen. Schleunigst. Zum Beispiel Vergewaltigung. Da kann der Mann noch zeigen, dass er der Herr im Haus ist. Er bestimmt, was geschieht. Da ist er stark. Keine Angst mehr vor dem Alleinsein, weil man nicht gelernt hat, zu kommunizieren. Keine Furcht mehr vor Prestigeverlust durch Arbeitslosigkeit, durch ein zu kleines Auto, kein Konkurrenzdruck mehr: Da ist ein Objekt und da schlägt er zu. Holt sich seine Überlegenheit. Zwingt es zu tun, was er will. Ist er der Herr. Der Herrscher. Im Recht, weil er das Recht ist. Der Übermensch. Endlich.
Vergewaltigung und Faschismus haben dieselben Wurzeln. Es geht um Unterwerfung, um Entmenschlichung, um das absolute Recht von Herrenmenschen über alle anderen zu verfügen. Interessant ist, dass nun immer offenkundiger wird, wie ähnlich ihre biologistischen Argumente sind: Der Faschismus, indem er „unwerte Rassen“ und „Herrenrassen“ kennt, in dem er sogenannte „Vermischung“ verschiedener ethnischer Gemeinschaften ablehnt und das als biologisch notwendige Reaktion für die Stärke der eigenen Gruppe bezeichnet. Es geht um die Fortpflanzung einer geschlossenen Gemeinschaft.
Die These von der „natürlichen“ Vergewaltigung, indem sie den privaten Fortpflanzungstrieb absolut stellt und damit auch den Trieb der Männchen, so viele Nachkommen wie möglich zu haben, und sei es mit Gewalt. Diejenigen, die dazu herhalten müssen, wehren sich zwar, aber ansonsten sollen sie den Mund halten.
Die Natur will es so, dass die Stärkeren siegen.
„Next Sex“ ist das Thema der heurigen ars electronica. Eine schicke Sache, dazu auch Herrn Thornhill einzuladen. Angstmännchen hüpfen vor Freude und sehen sich endlich wieder als Machtmännchen. Weiber sind eben dazu geschaffen, die Beine breit zu machen. Natürlich.
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