„Wer nicht erlebt hat, was uns widerfährt, der wird es nicht glauben.“
Datum: 24.04.2001
autorIn:Karl Reitter
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Dieser Satz, gefallen in einer Diskussion von Langzeitarbeitslosen, war für mich der Auslöser, diesen Bericht zu schreiben. Über Arbeitslosigkeit anhand von Statistiken, Gesetzen und Maßnahmen zu diskutieren ist eine Sache, eine andere, jene Erfahrungen, ja den Terror zur Sprache zu bringen, dem tausende Arbeitslose tagtäglich ausgeliefert sind.
Wer Räume des Arbeitsmarktservices (AMS) betritt, ist von einer Flut von Plakaten und Broschüren umgeben, in denen „Kundenorientiertheit“ und "Problemlösungskompetenz“ signalisiert werden. In wohlwollender, ja salbungsvoller Sprache ist von "Hilfestellung“, "Unterstützung“ und "sinnvollen Maßnahmen“ die Rede. Sobald sich die Türe des Beratungszimmers geschlossen hat, und man dem Betreuer alleine gegenüber sitzt, entpuppt sich die Sprache der offiziellen Verlautbarungen als reiner Zynismus. Was nun verhandelt wird, sind nicht ein paar tausend Schilling im Monat, ist nicht die Suche nach einem sinnvollen Arbeitsplatz, sondern die Durchsetzung eines perfides Kalküls, das man zuerst gar nicht recht glauben kann. Tatsache ist: Das AMS kann keine Arbeitsplätze anbieten, die der Ausbildung, der Berufserfahrung, dem Interesse und der Motivation der Arbeitsuchenden entsprechen - und die Beamten wissen das auch.
Je länger man arbeitslos ist, desto klarer erkennt mensch, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen offenbar einen anderen Zweck erfüllen, als den, den die Hochglanzprospekte suggerieren. Als erster Schritt wird unmissverständlich klar gemacht, dass der Arbeitsplatz nach Wunsch ein sogenannter "frommer“ sei, also eine Illusion, die man sich rasch abzuschminken hätte. Nach und nach zeichnet sich das eigentliche Kalkül der Gespräche, Vorschläge und Maßnahmen ab, die einem unbefangenen Beobachter als nicht zielführend, ja unsinnig erscheinen müssen. Die Arbeitsuchenden sollen dazu gebracht werden, jedes Kriterium für die Arbeitsplatzwahl, jeden Anspruch, jeden Wunsch nach einem bestimmten Arbeitsplatz aufzugeben und dem Credo beipflichten, jeder Arbeitsplatz, sei er noch so miese, schlecht bezahlt und weit vom Wohnort entfernt, sei besser als gar keiner.
Darum kreist die sogenannte "Betreuung“ durch die Beamten des AMS in Wirklichkeit. Widerspruch und Einwände werden nicht geduldet. Wer keine Einsicht zeigt, dem drohen Sanktionen. Ein beliebtes Mittel, Arbeitslose zu schikanieren, sind Kurse. Bei diesen Kursen geht es immer weniger um Vermittlung von beruflichen Qualifikationen, sondern um die Indoktrination marktkonformener Weltanschauungen, schlicht um Gehirnwäsche. Vor dem Hintergrund primitivster neoliberaler Positionen soll dem Arbeitsuchenden eingetrichtert werden, dass sein Schicksal einzig und allein in seinen Händen liegt. Wer zu äußern wagt, dass das Problem der Arbeitslosigkeit auf gesellschaftlicher Ebene bekämpft werden muss, wird automatisch zum Querulant und dokumentiert damit seine heimliche Arbeitsunwilligkeit. Mit subtilen Methoden wird den Arbeitslosen eingehämmert, sie müssten erkennen, dass sie eigentlich von der Gesellschaft durchgefütterte Problemfälle seien. Freilich ertönt auch die frohe Botschaft: "Wichtig ist, den Fuß in der Türe zu haben“. Das heißt im Klartext: Irgend ein Job, sei er noch so übel und miserabel bezahlt, sei besser als gar keiner....
Als besondere Pikanterie am Rande muss erwähnt werden, wer und zu welchen Bedingungen diese Kurse hält. Oft sind es selbst Langzeitarbeitslose, die auf Basis von Wertverträgen Arbeitslosen erklären sollen, wie sie ihrem Schicksal entrinnen können. Ich kenne einige Personen, bei denen es sich im letzten Moment entschieden hat, ob sie den selben Kurs leiten, oder ihn konsumieren müssen.
Ablehnung von Kursen zieht die Streichung des Bezugs für einige Wochen nach sich; damit wird auch ganz offen gedroht. Qualifizierte Personen, die den Berufsschutz verloren haben, werden ohne Debatte an die absurdesten Stellen vermittelt. "Notwendige Dequalifikation um die Chancen am Arbeitsmarkt zu erhöhen“ lautet die offizielle Sprachregelung – praktisch bedeutet dies die völlige Ignoranz gegenüber den Fähigkeiten, Interessen, ja der Persönlichkeit des Arbeitsuchenden. Die Rücksichtslosigkeit und Brutalität des Vorgehens kann am besten an Beispielen demonstriert werden. Einer ausgebildeten und preisgekrönten Musikerin und Komponistin wurde ungerührt die Stelle einer Regalbetreuerin in einem Supermarkt angeboten, einem langjährigen Universitäts-Lektor eine Kellnerstelle in Baden, trotz seines Wohnorts in Wien. Einem ausgebildeten Tischler eine Stelle als Abwäscher, inklusive eines täglichen Arbeitsweges von drei Stunden. Diese Beispiele sind keine Einzelfälle und könnten beliebig verlängert werden. Geäußerte Bedenken, die angebotene Arbeitsstelle würde ja nicht im geringsten der eigenen Person entsprechen, werden zynisch mit dem Hinweis auf zu leistende Flexibilität und der Drohung mit Bezugsstreichung quittiert. Argumente, die Annahme einer besonders unqualifizierten Tätigkeit würde das Resultat jahrelanger Ausbildung in Frage stellen und in weiterer Zukunft das Erreichen einer entsprechenden Tätigkeit nachhaltig gefährden, werden als Widerspenstigkeit und Arbeitsunwilligkeit ausgelegt.
Unmissverständlich wird das Aufgeben seiner eigenen Geschichte, seiner Fähigkeiten, seiner sozialen Identität gefordert. Diese gängige Praxis betrifft Arbeitslose aller sozialen Gruppen. Indem blindwütig Menschen an offene Stellen vermittelt werden, die auf sie passen wie die berühmte Faust auf das Auge, muss bei den potentiellen Arbeitgebern und in Folge in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, Arbeitslose seien an Anstellungen gar nicht interessiert. Das wiederum hat zur Folge, dass Arbeitgeber, die engagierte und interessierte Personen suchen, offene Stellen den Arbeitsämtern nicht melden. Zur objektiven Knappheit an menschenwürdigen Arbeitsplätzen kommt noch die subjektive Komponente hinzu. Durch die Vermittlungspraxis des AMS finden sich letztlich nur Jobs im Angebot, die, höflich ausgedrückt, nicht wirklich arbeitsmarktfähig sind. Nur wer diesen Mechanismus kennt, weiß, warum die Zuweisung von Vorstellungsterminen de facto konterproduktiv, und als Schikane zu werten ist.
Es wäre naiv zu glauben, das AMS wüßte das alles nicht. Ebenso ist die praktische Erfolglosigkeit diverser Kursmaßnahmen bekannt. Die in der Öffentlichkeit immer wieder geäußerte Meinung, die Kurse sein dazu da, die Statistik zu beschönigen, ist eben nur die halbe Wahrheit. Auch wenn die Maßnahmen keineswegs dazu führen, Personen an sinnvolle Arbeitsplätze zu vermitteln, sie haben durchaus einen Sinn. Nämlich das Individuum so lange weich zu klopfen, bis es bereit ist, wirklich jede Arbeit zu allen Bedingungen anzunehmen. Wirtschaft, was wünscht du dir mehr! Der Sinn dieser an sich sinnlosen Befehle ist es, die Arbeitslosen ständig auf Trab zu halten mit dem Kalkül, irgendwann wird sich der Arbeitslose vom Bezug abmelden und nicht mehr in der Statistik aufscheinen, egal wie, egal welchen Job er irgendwo organisiert. Beliebt ist auch die Ermunterung, sich „selbständig“ zu machen, das heißt fast immer ohne notwendiges Kapital und Erfahrung, freier Unternehmer zu spielen. Auch dafür gibt es Kurse.
Ohnmacht und Angst
Sicher treffen die in diesem Bericht festgehaltenen Erfahrungen nicht auf alle in gleichem Maße zu. Die gründlich geschulten Beamten gehen sehr differenziert vor. Jüngere Personen, die nur wenige Wochen arbeitslos sind und als leicht vermittelbar eingeschätzt werden, werden andere Erfahrungen machen, als jene, die als Problemfälle gebrandmarkt werden. Und Problemfall ist man leicht, die „falsche“ Ausbildung, sogenannte Überqualifikation, längere Arbeitslosigkeit, ältere Menschen, alleinstehende Frauen mit Kindern - schon bekommt man Macht und Willkür zu spüren. Über Ohnmacht und Angst spricht mensch nicht gerne. Aber es soll auch einmal gesagt werden: Aus zahlreichen Gesprächen und auch aus eigener Erfahrung weiß ich, welch psychischen Druck es bedeutet, dem sogenannten Betreuer ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Man wird zu Aktionen gezwungen, die man aus tiefster Überzeugung für sinnlos, ja konterproduktiv hält. Man wird gezwungen, sich für Jobs zu bewerben, obwohl man selbst weiß – und zumeist auch der potentielle Arbeitgeber, so er über einen Funken Menschenkenntnis verfügt – , dass man für diese Tätigkeit einfach nicht geeignet ist. Das hinterläßt Spuren, den Stachel des Befehls. Die Rücksichtslosigkeit und Verständnislosigkeit, die man auszuhalten hat, spottet jeder Beschreibung. Selbst wenn man von sich aus erklärt: „O.K., in meinem derzeitigen Beruf A sehe ich wirklich wenig Chancen, wie wär´s mit einer Ausbildung in Richtung B?“ wird in der Regel dieser Wunsch als illusionär vom Tisch gewischt, bestenfalls für einige Wochen geduldet. Überhaupt Kriterien für seinen möglichen Arbeitsplatz zu entwickeln, gilt als lächerlich, ja Arbeitsunwilligkeit. Das Bedrückende ist die Ausweglosigkeit, in der sich die Arbeitslosen befinden.
Im gesellschaftlichen Normalfall befindet sich das Individuum in einer Situation, die es aus freier Entscheidung beenden kann. Hält man seinen Arbeitsplatz nicht aus, besteht die Option der Kündigung. Wird die Beziehung zur Hölle, ist Trennung immer noch möglich. Solange man jedoch ohne Arbeit und Einkommen ist, kann man diesen Institution nicht entfliehen. „Eigentlich sind wir Leibeigene des Staates“ formulierte eine Langzeitarbeitslose in einem Gespräch. Dem kann ich nur zustimmen.
Wer arbeitslos ist, ist stigmatisiert. Man steht im Schatten von Arbeitsunwilligkeit, Schmarotzertum, persönlicher Unfähigkeit. Das spürt man im Alltag, aber noch mehr im Kontakt mit dem AMS. Die Beamten wissen genau, dass sie es mit einer gesellschaftlichen Gruppe zu tun haben, bei der sie sich Dinge erlauben können, die in einer üblichen sozialen Interaktion nicht ohne weiters möglich sind. Dass die im Kundenverkehr eingesetzten Beamten selbst unter Druck stehen, und deren Job wiederum von der von ihnen erreichten Vermittlungsquote abhängig ist, kommt verschärfend hinzu. Die psychische Reaktion der Arbeitslosen ist unterschiedlich. Manche reagieren mit Zynismus, andere mit Angst, dritte geraten in Panik und treffen Entscheidungen, die an sich unsinnig sind, weitere reagieren mit Überanpassung und vorauseilendem Gehorsam.
Vom Ausschluß der sozialen Erfahrung
Die von Schwarz-Blau geplante Einführung der Zwangsarbeit für Langzeitarbeitslose ist nur das Tüpfelchen auf dem I. Denn die bestehenden, von der Sozialdemokratie mitbeschlossenen Gesetze, sind kaum noch zu verschärfen. Allein der kurzzeitige Berufsschutz für die Phase der Arbeitslosigkeit könnte noch fallen. Alle anderen Bestimmungen der Zumutbarkeit sind schon jetzt eine Zumutung.
Was jedoch zu wirklicher Besorgnis Anlaß gibt, ist die Tatsache, dass die tagtäglichen Erfahrungen der Arbeitslosen nicht in den politischen und öffentlichen Diskurs einfließen. Dass gewisse Kreise Interesse daran haben, Zerrbilder der Situation der Arbeitslosen in Umlauf zu setzen, ist klar. Aber auch bei jenen politischen Kräften, die den Arbeitslosen mit Verständnis gegenüber stehen, merkt man deutlich das Fehlen der sozialen Erfahrungen der Arbeitslosigkeit, das nicht vorhandene Wissen um sich täglich hundertfach wiederholende Szenen und Situationen, in denen die Arbeitslosen mit Einschüchterungen, Drohungen, falschem, geheucheltem Verständnis und Befehlen konfrontiert sind. Wenn ich dem abstrakten Diskurs über die Arbeitslosigkeit lausche, wenn ich die Debatten um Sinnhaftigkeit dieser oder jener Maßnahme zu deren Bekämpfung in den Medien verfolge, wird klar: Hier wird über einen Gegenstand gesprochen, der von Alltagserfahrung gereinigt ist, der als objektives Problem in klinischer Sterilität behandelt wird. An einem scheinbar nebensächlichen Detail läßt sich das fehlende Wissen um die wirkliche Lage der Arbeitslosen exemplarisch aufzeigen. Die Arbeiterkammer, die, das sei positiv vermerkt, Arbeitslose in juristischen Fragen beratend unterstützt, fordert die Einführung des sogenannten "one-desk“ – Systems. „Eine Anlaufstelle steht allen zur Verfügung und leitet dann an die zuständigen Stellen weiter.“ Das würde in der Praxis bedeuten, dass ein einziger Beamter das Machtmonopol über lebensrelevante Entscheidungen eines anderen Menschen erhält.
Die Arbeitslosen müssen ihren reinen Objektstatus überwinden. Wie bei jeder stigmatisierten und heterogenen Gruppe ist Selbstorganisation sehr schwierig und existiert nur in Ansätzen. Doch die momentane Situation ist unerträglich. Der politische Diskurs spricht über das Substantiv Arbeitslosigkeit, während die realen Menschen die Objekte der (noch) staatlichen Behörde darstellen, die mit ihnen herum experimentiert wie mit Versuchsratten. Zerlegt und zergliedert in Untergruppen (Langzeitarbeitslose, Problemfälle usw.), läuft die Aktion „scharf“ einmal gegen ältere Menschen, dann wieder gegen „Überqualifizierte“. Einmal wird die Streichung von Bezügen forciert (mehrere Millionen Schilling an Arbeitslosen – und Notstandsunterstützung werden jährlich gestrichen), dann wird der Schwerpunkt auf Kursmaßnahmen gelegt. Die gegenwärtige politische Situation verheißt zusätzlich nichts Gutes. Welche Lösungen auch für das Problem der Arbeitslosigkeit vorgeschlagen werden, eines müßte klar sein – Politik kann nicht nur für die Arbeitslosen gemacht werden, sondern nur mit den Betroffenen selbst.
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