"Es kommt immer darauf an, was man macht."
Datum: 28.08.2000
Der Komponist Peter Androsch im Gespräch
autorIn:Andi Wahl
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Der Komponist Peter Androsch zählt mittlerweile zu den
Aushängeschildern der oberösterreichischen Kulturpolitik.
Selbst Komponist einiger Opernwerke, steht Androsch den
Kunstformen die unter dem Begriff Musiktheater
zusammenegefasst werden sehr positiv gegenüber. Ein
musealer Betrieb ist aber auch nicht gerade das was er sich für
Linz wünscht.
prairie: Nach Jahrzehnten langem Ringens bekommt Linz mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Musiktheaterneubau. Ein Neubau, der in der Tradition der Guckkastenbühne errichtet werden wird. Die vorliegenden Pläne beinhalten aber auch Möglichkeiten zu anderen Raumlösungen. Mit der Guckkastenbühne kann das traditionelle Musiktheaterschaffen abgedeckt werden. Die Frage ist nun: Ist auch für zeitgenössisches Musiktheater vorgesorgt? Welche Räume braucht zeitgenössisches Musiktheater? Oder, welche Räume würdest du dir für deine Stücke wünschen?
Androsch: Fast alle meiner bisherigen Stücke sind für die traditionelle Guckkastenbühne geschrieben worden. Wenn man von FLEISCH absieht, das ich für das letzte Festival der Regionen gemacht habe, ist es formal ja sehr traditionelles Musiktheater, das ich mache. Nicht taditionell im diesem Sinne war noch die Achse des Ofens im VOEST-Gelände, sozusagen Open-Air-Theater.
Harald Schmutzhard hat für die Grünen eine Ideensammlung für ein neues Musiktheater geschrieben, in der er ununterbrochen von "modernem Musiktheater" spricht. Er führt als Beispiel auch „Die Achse des Ofens" an. Doch dieses Musiktheater gibt es eben in der Freien Szene, vor allem in temporär genutzten Räumlichkeiten. Wo unter anderem die konkreten Räumlichkeiten zu einer Idee führen. Ich glaube, dass es unmöglich ist, ein derart flexibles Haus zu bauen, das allen Ansprüchen genügt. Obendrein ist ja die überwiegende Mehrheit des zeitgenössischen Musiktheaters eh in der sogenannten traditionellen Szene beheimatet. Auch meine Opern bezeichne ich als zeitgenössisches Musiktheater. Schmutzhard spricht von modernem Musiktheater als eine nebulose Vorstellung eines Laien. Die traditionelle Guckkastenbühne ist nun einmal die überprüfteste und funktionierendste Form, die wir bisher kennen.
prairie: Wenn aber nun mit dem neuen Musiktheater ein Raum entsteht, der mehr Möglichkeiten bietet, beispielsweise den Klang elektronisch modellieren, ihn im Raum kreisen lassen zu können, das Publikum rund um das Geschehen plazieren zu können. Ist das etwas, das dich reizen würde?
Androsch: Das ist ja immer nur reizvoll, wenn es um ein konkretes Projekt geht. Annahmen theoretisch in den Raum zu stellen, ist vollkommen sinnlos. Außerdem vermischst du zwei Dinge, die gar nicht zusammengehören. Elektronische Lösungen kann man im jetzigen Landestheater auch machen. Es kommt nur darauf an, ob man das in die Partitur schreibt, und ob das technische Equipment zur Verfügung steht. Das hat mit dem Raum selbst sehr wenig zu tun. Und ob das Publikum nun rundherum sitzt um das Geschehen, oder nur von einer Seite hinschaut, ist für mich keine Frage von Fortschritt oder Rückschritt. Es kommt doch viel eher auf die Inhaltlichkeit an. Die Form folgt dem Inhalt.
Ein Landestheater ist ja logischerweise nicht gerade der Ort, wo das Experiment a priori zuhause ist. Das ist überall so, und ich glaube, das muss auch so sein. Hier ist eher das Etablierte, in das immer wieder etwas einsickert, was vorher wo anders experimentell erprobt worden ist.
Ich glaube nicht, dass ein neues Musiktheater die Funktion hat, dass sich die freie Szene darin austoben kann. Die Funktion der freien Szene stellt ja sowieso kein ernsthafter Mensch in Frage.
Alle Beispiele, die Schmutzhard anführt, sind deswegen so gut aufgenommen worden, weil sie eben nicht im etablierten Rahmen entwickelt worden sind. Erst dadurch haben sie Sprengkraft bekommen. Sie sollten nicht als Gegenentwurf für das geplante Musiktheater aufgebaut werden. Durch die Arbeit freier Gruppen springen aber auch immer wieder Erkenntnisse über in den etablierten Betrieb. Schau dir einmal an, was bei den Salzburger Festspielen heute gemacht wird, und was dort vor 15 Jahren war. Unter anderem ist das deswegen so eklatant anders, weil die Leute, die jetzt bei den Festspiele arbeiten, vor 15 Jahren noch in der freien Szene gearbeitet haben. Man kann auch in einer herkömmlichen Guckkastenbühne, oder in der Felsenreitschule mit ihrer breiten Bühne, phantastisches Theater machen.
Ich habe ganz andere Bedenken: Dass etwa das Repertoire nicht einmal gemäßigte Moderne beinhalten wird. Es gibt ja eine ganze Menge toter Musik, die immer aufgeführt wird. Wenn dann einmal Strawinski gespielt wird, heisst es gleich: Wir spielen ohnehin neue Musik. Aber Strawinski ist auch schon wieder uralt. Ich befürchte, dass sich daran nicht viel ändert. Es wird das Repertoire relativ gleich bleiben.
prairie: Obwohl seit der Übernahme der Intendanz durch Klügl das Landestheater auch für neue Kreise interessanter geworden ist.
Androsch: Absolut! Aber er muss eben einen Spagat machen. Wichtig ist das traditionelle Publikum genauso. Er hat auch ein Anrecht darauf. Ein Landestheater soll nun mal auch ein Haus mit breitem Spektrum sein, das möglichst viele Bevölkerungschichten abdeckt. Da wäre nur Schunkelkultur zu wenig - wenn man nur Operetten spielen würde -, und auf der anderen Seite, wenn nur Avantgarde gespielt würden, käme das Landestheater seinem Auftrag auch nicht nach.
prairie: Es wird ja das jetzige Große Haus sehr kritisiert wegen seiner unzureichenden Bedingungen für das Musiktheater. Hast du in deiner gegenwärtigen Arbeit für das Landestheater auf diese Bedingungen Rücksicht nehmen müssen, bzw. hat dieser Raum für dich Vorgaben gesetzt?
Androsch: Ja absolut. Wir haben im Orchestergraben alles ausgemessen. Geprüft, ob sich das Marimbafon noch ausgeht oder nicht. Wir haben alles eins zu eins hinein gestellt, um auszuprobieren, ob das überhaupt noch geht.
prairie: Aber auch in einem anderen Raum, etwa einer Industrieruine, hättest du dich nach dem Raum richten müssen.
Androsch: Da muss man auch ganz anders schreiben. Da stelle ich sicherlich nicht so etwas hin wie in einem Landestheater. Der Raum führt ja auch zu etwas. In einer Industiehalle kommt man ja auch auf ganz andere Konzepte.
prairie: Du streckst dich also ohnehin nach der Decke und schreibst für die vorhandenen Räume?
Androsch: Ich glaube, es gibt niemanden, der anders schreibt, das war immer so. Zum Beispiel die Besetzung. Jeder schreibt für Besetzungen, die ökonomisch oder räumlich möglich sind. Selbst in der Staatsoper sind Grenzen. Es gibt den unbegrenzen Raum oder den unbegrenzen Orchestergraben nicht. Nur ist der Rahmen in Linz eben besondes klein. Aber ich hoffe, dass es bei mir ein Anreiz war.
prairie: Das heisst ein großartigeres Haus würde nicht garantieren, dass deine Stücke großartiger werden?
Androsch (lacht): Das ist aber nicht nur bei mir, das ist wohl bei allen so. Das führt auch zu dem, was jetzt am Landestheater zu kritisieren ist. Die Erwartungshaltung des Publikums ist so durch die Tradition diktiert, dass es im Grunde lauter Stücke hören will, die gar nicht für so ein Theater geschrieben worden sind. Es gebe aber genug Literatur, die für solche Häuser geschrieben wurde.
Mozart geht. Mozart hat für kleine Besetzungen geschrieben. Aber Wagner, Beethoven oder Verdi zu spielen ist vollkommen idiotisch. Und trotzdem wollen die Leute diese Melodien hören. Die Besetzungen werden verfälscht.
Aber ein Argument spricht ja noch viel mehr für das neue Musiktheater als alle bisherigen. Die Arbeitsbedingungen für das nicht künstlerische Personal. Du musst dir einmal ansehen, wo die Schneiderinnen arbeiten. Jedes Arbeitsinspektorat müsste das sofort zusperren. Zig Beispiele gibt es da. Das ist ja ein Großbetrieb. Das Landestheater wurde aber nicht dafür konzipiert und ist daher viel zu klein. Menschenwürdige Arbeitsbedingungen sind das wichtigere Argument.
prairie: Ein Vorschlag von Harald Schmutzhard war ja auch eine Art Verschickungsprogramm. Wenn die OberösterreicherInnen große Oper hören möchten, dann soll man ihnen eben einen Gratisbus nach Wien oder Salzburg finanzieren.
Androsch: Bin ich auch dafür. Aber um Linz dann nicht zusperren zu müssen, müsste man "kleine" Oper spielen, Musiktheater nach einem neuen Konzept. Aber gerade die Freunde des Musiktheaters engagieren sich deshalb so, weil sie genau diese Literatur hören wollen. Die wollen eben Wagner und Verdi hören.
An sich halte ich aber die Errichtung eines neuen Musiktheaters (klopft auf den Holztisch) für das richtige Signal. Politisch und gesellschaftspolitisch. Das, was ich kritisiere, ist Teil einer Insider-Diskussion: Dass eben die "normale" Programmierung weiter gehen wird, unter besseren Bedingungen. Und das gespielt werden wird, was man in Salzburg im Sommer auf Weltklasseniveau hören kann, und das ganze Jahr hindurch in Wien. Und ich glaube, dafür sind die beiden Städte geographisch zu nahe. Linz hat in den letzten 20 Jahren die Wegmarken ganz wo anders aufgestellt: Ars Electonica Center, Design Center, Offenes Kulturhaus usw. Eben auf eine Positionierung bedacht, die sich von diesen beiden Städten unterscheidet: Nämlich zukunftsweisend, neue Technologie einbindend - wobei ich die Heiligsprechung der neuen Technologien nicht gutheiße. Aber ein zukunfsorientiertes Selbstbild sollte im Vordergrund stehen. Nur in diesem Sinne könnte das neue Musiktheater, abgesehen vom Architektonischen, das falsche Signal sein. Zur Architektur noch. Ich muss oft schmunzeln, wenn ich sehe, wie langsam die Hitler-Speer-Pläne, die Donauachse auszubauen, immer mehr Gestalt annehmen. Ich will hier niemandem unterstellen, Hitlers Vision durchsetzen zu wollen. Aber es ist irgendwie eine Ironie der Geschichte, dass vieles jetzt in neuem Gewand umgesetzt wird.
prairie: Danke für das Gespräch.
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