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Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!

Datum: 18.08.2000

Pühringers stilisiert das Musiktheater zur Schicksalsfrage

autorIn:Andi Wahl
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"Die Diskussion um den Bau eines Opernhauses für Linz reicht zurück bis auf 1911. Damals," so erzählt mir Dr. Ritschl, gemeinsam mit seiner Frau seit Jahrzehnten der Pulsschlag des Vereines ´Freunde des Linzer Musiktheaters`, "als Graz sein Opernhaus bekam, entwickelte sich auch in Linz eine lebhafte Diskussion um den Neubau eines Opernhauses." Frau und Herr Ritschl wissen manche amüsante Schnurre um die Diskussion zum Linzer Musiktheater zu berichten. Er, meist streng, um Klarheit bemüht und ein bisserl uneinsichtig, sie voll sprühender Leidenschaft. Und so erzählt mir Herr Ritschl auch eine interessante Begebenheit aus dem Jahre 1991. Dr. Pühringer war damals gerade Kulturlandesrat geworden, und der Verein teilte ihm die beabsichtigte Auflösung mit. Grund des Auflösungsvorhabens war, dass der Verein das Vorhaben eines Musiktheaterneubaues in unerreichbare Ferne gerückt sah. Damals hat Dr. Pühringer den "Freunden" Mut zugesprochen und sie aufgefordert, gemeinsam mit ihm weiterhin für einen Musiktheaterneubau zu arbeiten.

Pühringer legte bei diesem Treffen auch gleich einen Plan zur Durchsetzung dieses Vorhabens vor: 1. Grundsatzbeschluß, 2. Standortsuche, 3. Architektenwettbewerb und 4. Bau.

Ein Zeitplan, an den sich Dr. Pühringer, mittlerweile Landeshauptmann und noch immer Kulturlandesrat, im Groben auch gehalten hat. Dr. Ritschl schätzt offensichtlich Pühringers Druchsetzungskraft und seine Handschlagqualität. Dass es etwas Kurioses an sich hat, wenn ein hoher politischer Entscheidungsträger einen Lobbyistenverein auffordert, weiter Druck zu machen, ihm auch gleich einen Marschplan in die Hand drückt, fällt Dr. Ritschl entweder nicht auf, oder es stört ihn nicht weiter. Aber das Tauziehen um ein oberösterreichisches Musiktheater ist ohnehin nicht mit herkömmlichen politischen Maßstäben zu fassen. Zu aufgeladen ist das Thema, zu überdreht sind die Standpunkte und zu tief die oftmals willkürlich ausgehoben scheinenden Gräben. Bei der Präsentation eines Werbefilms für den Musiktheaterbau dreht Pühringer selbst die Schraube der Eskalation noch ein wenig höher. Entweder man sei FÜR Kunst und Kultur, und somit FÜR das Musiktheater, oder eben GEGEN Kunst und Kultur und GEGEN das Musiktheater. Natürlich gibt Pühringer vor, diese Attacke gegen die (vermeintlichen) Barbaren der FPÖ zu reiten, die sich vehement gegen den Neubau aussprechen, aber er attackiert damit (wohl nicht ganz unbeabsichtigt) auch alle anderen, die sich eine andere Meinung als der Landeshauptmann erlauben, oder eine ambivalente Haltung in dieser komplexen Frage einnehmen. Alle, die zuerst wissen wollen, was in diesem neuen Großen Haus passieren soll, und welche Alternativen dazu überlegt wurden, werden von Pühringer in einen Sack mit der FPÖ gesteckt und (verbal) geprügelt.

Welche politischen Kalküle wirken im Hintergrund? Betrachtet man die Diskussion um den Neubau des Musiktheaters über längere Zeitabschnitte, so ist unschwer zu erkennen, dass hinter der tosenden Aufgeregtheit Pühringers Inszenierung stetig und planvoll abläuft.

Pühringer geht es in der Musiktheaterfrage ganz offensichtlich um mehr als darum, ideale Bedingungen für den oberösterreichischen Musiktheaterbetrieb zu schaffen, er verbindet mit diesem Projekt auch politische und persönliche Zielsetzungen. Seinen Ruf als Macher und harter Durchsetzer hat er in der Frage um das Traunkraftwerk bei Lambach endgültig begründet. Nun will er mit einem weniger technokratisch wirkenden Vorhaben vollends aus dem Schatten seines übermächtigen Vorgängers Ratzenböck heraustreten. Was würde sich dazu besser eignen als der Musiktheaterneubau, eine Unternehmung, bei der Ratzenböck so wenig Mut bewiesen hat und ewig nur "herumeierte"? Die Durchsetzung des Neubaues hebt ihn, so dürfte Pühringer hoffen, auch in der öffentlichen Meinung auf eine Stufe mit Ratzenböck . Denn in Punkto Machtkonzentration hat es Pühringer mit Finanzlandesrat Leitels Wechsel in die Bundeswirtschaftskammer ohnehin schon geschafft. Nicht nur, dass er mit Leitl einen seiner fähigsten und wohl profiliertesten internen Konkurrenten nach Wien abschieben kann, übernimmt er von ihm auch das Finanzressort. All diese, bei näherer Betrachtung nur allzu augenfälligen Beweggründe versucht Pühringer durch die von ihm mitproduzierte Aufgeregtheit zu übertünchen.

Aber nicht nur Pühringer möchte mit dem Musiktheaterbau einiges "mitlösen". Auch SPÖ-Vorsitzender Erich Haider möchte einigen propagandistischen Mehrwert aus der Sache ziehen und sich als Mann der Kultur profilieren. Allerdings nicht als Verfechter der Kunstform Musiktheater, diese Rolle ist bereits mehrfach besetzt, sondern als Streiter für zeitgenössisches Kunst- und Kulturschaffen (dies muss ja nicht zwingend ein Gegensatzpaar darstellen, aber in der politischen Diskussion wird es so gehandelt). Es ist ein offenes Geheimnis, dass Erich Haider die Zustimmung der SPÖ zum Musiktheaterneubau davon abhängig machte, dass Pühringer auch 10 Millionen mehr für zeitgenössische Kunst und Kultur bereitstellt. Leider dankt es Haider niemand so wirklich, die ganze Sache riecht ein bisschen zu sehr nach Deal hinter den Kulissen als dass man damit offensiv in die Öffentlichkeit gehen könnte.

Solche Imageprobleme kratzen die FPÖ freilich nicht. Dass sie 1992 nach einer Rede Jörg Haiders in Linz praktisch über Nacht die Seiten wechselte, war man von dieser Partei schon damals seit langem gewohnt. Im Dezember 1991 polterten die Mandatare dieser Partei beim Budgetlandtag noch gegen den zu langsamen Fortschritt bei den Vorbereitungen zum Neubau und bezeichneten die Theatersituation in Linz als grob fahrlässig. Im Jänner darauf meinte allerdings Jörg Haider, dass, solange es noch einen Obdachlosen gebe, kein Musiktheater gebaut werden dürfe. Die darauf folgende Kehrtwende der FPÖ wunderte niemanden, war sie doch nur ein weiterer Beweis für Dinge, die man ohnehin schon wusste.

Die FPÖ versucht seither, aus dieser Not eine Tugend zu machen, und hat sich die Musiktheaterfrage ausgesucht, um sich einmal mehr als Anwalt des kleinen Mannes zu gebärden. Mit einer für Herbst oder Winter zu erwartenden Volksbefragung zum Musiktheater möchte sich die FPÖ auch als besonders demokratische Kraft profilieren. Derzeitiger Peinlichkeitshöhepunkt in dieser Kampagne ist ein Plakat, das zwei Tigerbabys zeigt. Aufschrift: "Wir sind demokraTIGER!" (man braucht schon einen guten Magen bei dieser Vereinigung).

Die Grünen scheinen eingekeilt zwischen Seriösitäts- und Oppositionsanspruch. Gegen ein Instrument der direkten Demokratie, wie es eine Volksbefragung darstelle, könne man nicht sein, auch wenn die Absichten dahinter unlauter scheinen. Intern scheint man immer noch zu ringen, welche Position man in dieser Frage einnehmen soll. Ein sehr witziger und kluger Vorstoß der Grünen, mit einem Alternativprojekt etwas Bewegung in die festgefahrenen Haltungen und Grabenkämpfe zu bringen, liegt Jahre zurück. Seither kam kein wesentlicher Beitrag mehr.

Das Liberale Forum ist für den Neubau und die KommunistInnen im Lande, die prinzipiell für den Neubau votieren, hätten es lieber gesehen, wenn mit dem Neubau auch eine Neukonzeptionierung des Theaterbetriebes einhergegangen wäre.

Und wo bleibt das Musiktheater?
Diese Aufregung (von all jenen geschürt, die sich daraus die Mehrung ihres politischen Kapitals erhoffen – und das sind zumindest die drei größten Landtagsparteien) erinnert ein wenig an einen aufkeimenden Glaubenskrieg, in dem absolute Wahrheiten gegeneinander antreten und um die Herrschaft ringen. Entweder man ist dafür oder dagegen. Entweder unbefleckte Empfängnis oder Heidentum.

Wer wagt, eine Zwischenposition einzunehmen oder auf Für und Wider hinzuweisen, ist a priori verdächtig, vielleicht sogar einE SpionIn. Ganz anders, wenn man mit Dr. Michael Klügl, seit zwei Jahren Intendant des Landestheaters, spricht. Als Deutschem fehlt ihm anscheinend jede Veranlagung zu gegenreformistischem Eifer. Kompetent, ruhig auf die Sache konzentriert gibt er Auskunft auf die gestellten Fragen. Derzeit, so erklärt er mir, könnten die meisten neueren oder zeitgenössischen Kompositionen nicht gespielt werden, weil dafür die notwendigen Voraussetzungen fehlten. In Linz sollte aber Musiktheater aus allen Epochen gespielt werden können, vor allem ab dem 19. Jh. Die neue Spielstätte wird in erster Linie eine Vergrößerung des Repertoires ermöglichen. Nur dann ist auch eine Aufstockung auf 1000 Plätze sinnvoll. Derzeit können sechs Opern pro Jahr verwirklicht werden, mit dem neuen Haus könnte man, mit maßvoller Personalaufstockung, eine Zahl von 14 oder 15 Produktionen pro Jahr erreichen. Die Erweiterung des Spielplans würde auch bedeuten, dass SängerInnen mehrere attraktive Rollen angeboten werden könnten. Ein Umstand, der das Landestheater auch für diese anziehender machen würde, obwohl, und auf das legt Herr Klügl Wert, das Haus auch jetzt über wunderbare SängerInnen verfügt. Neben dieser Vergrößerung des Betriebes gehe es beim Neubau auch um die Schaffung von besseren Arbeitsbedingungen für die Menschen, die am Theater arbeiten, und um die Lösung der Probleme im Zuschauerbereich. Es sei ja öffentlich bekannt, dass derzeit im Landestheater Arbeitsbedingungen herrschten, die sich im rechtlichen Graubereich befänden. Ebenso bekannt sei, dass es Plätze im Landestheater gäbe, die praktisch unverkäuflich seien, weil man von ihnen aus nur die Hälfte der Bühne sähe bzw. die akustische Situation im höchsten Grade unbefriedigend sei.

Dass das neue Haus in der Tradition des Guckkastentheaters gebaut wird, hält er für die richtige Entscheidung. Ist die Guckkastenbühne doch der geeignete Raum für das klassische Repertoire bis zu vielen Stücken des zeitgenössischen Schaffens. Dass manche Stücke oder auch Inszenierungen andere Räume brauchen, ist für Herrn Klügl klar. Aber auch dafür sei Vorsorge getroffen. Immerhin wird das Musiktheater über zwei bespielbare Seitenbühnen verfügen. Zusammen mit der Studiobühne kann ein 20 mal 40 Meter großer leerer Raum mit 8 Metern Höhe geschaffen werden. Aber auch bei der Konstruktion der Hauptbühne wurde darauf geachtet, den Raum auf vielfältige Weise nutzen zu können. Es gab und gibt im Theaterschaffen immer wieder Bestrebungen, herkömmliche Raumsituationen aufzulösen. Bei der Errichtung eines Neubaus muss dem natürlich Rechnung getragen werden. Alle Wünsche des Theatermachers konnten nicht erfüllt werde, aber, so ist sich Klügel sicher, man werde sich daran erinnern und sie vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt verwirklichen.

Ja, Überlegungen zum Spielplan hätten er und Russel Davies, der designierte Opernchef und Chefdirigent des Brucknerorchesters, sich schon gemacht, wenn auch nur in einer spielerischen Variante. Immerhin sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar, ob er zum Zeitpunkt der Eröffnung noch Intendant sein werde. Anfang der nächsten Spielzeit wird es aber Verhandlungen geben, danach werde mehr Klarheit herrschen. Ob dem Hauptfinanzgeber denn klar sei, dass mit dem neuen Haus auch ambitioniertere Projekte in Angriff genommen werden und dadurch die laufenden Kosten zusätzlich steigen könnten, dass es beispielsweise anstatt eines Kompositionsauftrages im Jahr zwei geben könnte, möchte ich wissen.

Warum, wundert sich Klügel, sollte das nicht klar sein? Es gehöre doch zur Aufgabe jedes Musiktheaters, Neues zu fördern. Weshalb sollte das dem Geldgeber unbekannt sein?

Angesprochen auf die Kritik, dass der Bau architektonisch nicht sehr mutig, ja sogar etwas feige wirke, stellt Klügel fest, dass es ihm vor allem um ein funktionierendes Theater gehe. Die Oper in Sydney beispielsweise, sei ein überaus spektakulärer Bau, aber er funktioniere nicht. Der große Saal, gedacht für die Opernaufführungen, sei dafür schlichtweg nicht geeignet. Im übrigen passe der Bau zu Oberösterreich, das für Klügl auch etwas Schlichtes ausstrahlt (vor allem in der Landschaft und der hier vorherrschenden Architektur).

Ob Klügl mit seiner wohlmeinenden Einschätzung der oberösterreichischen Einfachheit wohl dem Stereotyp des ehrlichen, geraden und unkomplizierten Voralpenlandbewohners aufsitzt?

Gerade die jahrzehntelange Diskussion um das Musiktheater zeigt ein hohes Maß an Verwicklungen und Unehrlichkeit. Dabei ist nicht abzulehnen, dass mit dem Musiktheaterbau Politik gemacht wird. Politik ist im Grund ja nichts Unanständiges, man kann sie nur eben auch (wie so vieles) unanständig betreiben, indem man die wirklichen Gründe seines politischen Handelns nicht offenlegt. Und genau das passiert in Oberösterreich in der Musiktheaterdiskussion. Argumente werden nicht sachlich gehört und abgewogen, sondern nur nach ihrer politischen Verwertbarkeit klassifiziert und bewertet.

Dass die Kunstformen, die man im Begriff Musiktheater zusammenfaßt, daran Schaden nehmen könnten, steht allerdings nicht zu befürchten, sie könnten durch das Mehr an öffentlicher Aufmerksamkeit, das ihnen zuteil wird, sogar gewinnen. Dazu bedürfte es aber eines mutigen Schrittes: Die Inszenierung der Politik ums Musiktheater sollte nicht mehr länger der künstlerischen Laienschaft der PolitikerInnen überlassen werden, sondern endlich in professionelle Hände gelegt werden. Meine Wunschbesetzung: Christoph Schlingensief.

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