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Keiner wusste davon, bleiben wir bei dieser offiziellen Version. | Datum: 23.02.2001
Gleich zwei neue Bücher von Elfriede Jelinek sind in den letzten Monaten erschienen: der Roman "Gier" und die Dramensammlung "Das Lebewohl"
autorIn: Sabine Treude
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Verlag: Elfriede Jelinek , Gier, Rowohlt 2000 Elfriede Jelinek ,Das Lebewohl, Berlin Verlag 2000 konkret literatur, Nr. 25, 2000
Erscheinungsdatum:
Preis: |
"Was heisst Denken? Hüten wir uns vor der blinden Gier, die für diese Frage eine Antwort in der Form einer Formel erraffen möchte.
Bleiben wir bei der Frage." (Martin Heidegger)
"Was heisst Denken? Hüten wir uns vor der blinden Gier, die für diese Frage
eine Antwort in der Form einer Formel erraffen möchte. Bleiben wir bei der
Frage." (Martin Heidegger)
Elfriede Jelinek hat einen neuen Roman geschrieben, und er schürt
vor allem nach dem Roman "Die Kinder der Toten" und dem auf Haider zugeschnittenen
Dramolett "Das Lebewohl" die Erwartung, dass die Autorin mit dem Land Österreich
und seiner derzeit offiziellen politischen Repräsentation durch die blauschwarze
Regierung kräftig ins Gericht geht. Doch was sind im Grunde erfüllte Erwartungen
anderes, als die Bestätigung dessen, was man eh schon weiss? Und was bedeutet
dies wiederum für die Wirkung eines Romans?
"Wer glaubt, artenreiche Lebensgemeinschaften von Denken und Gedachtem
wären stabiler, der hat prinzipiell recht, aber nicht immer. Eine Maximierung
der Gedankenzahl sollte bei einem Projekt wie diesem nicht unbedingt angestrebt
werden, falls Sie sich wundern, dass Sie hier, an diesem Ort so wenig
Gedanken finden. Dann müssen Sie halt suchen! Ausserdem ist es gar nicht
unbedingt nötig, dass es viele sind. Wichtiger ist: welche, und wichtig
ist auch, meine Gedanken hinsichtlich ihrer Rollen zu analysieren, die
sie in meinem Hirn spielen, denn mein Hirn langweilt sich so leicht und
will schon längst etwas Neues anzetteln. Und dann wäre noch zu entscheiden,
welche Strategien bezüglich dessen, was ich in meine Hirnstube hineinfüllen
werde, vertreten sein müssten, damit sie dann mich vertreten und ich wiederum
hier lebendige oder einst lebendige Menschen anwaltlich anständig vertreten
kann. Je vielfältiger die Fernsehfilme sind, die ich in mein Oberstübchen
hinein leere, umso grösser die Artenzahl der Organismen, die ich später
dann von meinen Tischen und Bänken werde ernten können. Ich nehme Totes
zu mir und mache daraus Leben." (S.319f.)
In für Jelinek typisch ironisch durchsetzter Manier ist beispielsweise
dieser Monolog von einer Stimme geprägt, die sich aus vielen zusammensetzen
könnte: die der kürzlich ermordeten Gaby, die des Gendarmen Kurt Janisch,
die des erzählenden Ich, die der Autorin oder gar die eines ganz anderen
Autors oder einer ganz anderen Autorin. Alle Stimmen schwingen mit, ohne,
dass die eine gänzlich von der anderen zu lösen wäre. Was Jelinek in ihren
bisherigen Romanen und Theaterstücken über versteckte und/oder verstellte
Zitate und Intertexte zu einer Gedankenfülle verwoben hat, konzentriert
und verdichtet sich in Gier durch einen unmittelbaren und kaum fassbaren
Wechsel der Erzählperspektiven. Wir, die Leserinnen und Leser, werden
von einem Ich verstrickt, das stets auch ein anderes sein könnte - eines,
das wir zu kennen glauben und doch nicht deutlich zu identifizieren vermögen.
Zwar spielten die Wechsel der Erzählperspektiven auch im bisherigen Werk
eine nicht unwesentliche Rolle, aber in Gier avancieren sie zu den entscheidenden
Instanzen, sofern sie gegenüber dem Wer des Sagens das Gesagte zu denken
geben und zugleich auf das Persönliche zurückkommen.
Die Figuren
"Ich glaube, dieser Satz, obwohl ich ihn persönlich geschrieben habe,
stimmt nicht. Ich zum Beispiel habe nichts zu sagen angesichts der Figuren,
die ich erschaffe, her mit den Redewendungen und drauf, und noch eine
und noch eine, bis sie sich unter mir winden vor Schmerz oder vielleicht
auch, weil sie zuwenig Platz haben." (S.51)
Nur weil die oben angeführten Erwartungen nicht wie erwartet erfüllt werden,
werden sie noch lange nicht enttäuscht. Denn das Grosse, das fast schon
fehlt, lässt sich auch und vor allem im Kleinen nachzeichnen, ohne dass
es deshalb zwangsläufig fassbarer wäre. Und so setzt sich das Romanpersonal
in erster Linie aus einem sogenannten und inzwischen schon viel zitierten
kleinen Mann, der hier Kurt Janisch heisst, dessen Familie - dem verstorbenen
Vater, der alten alkoholkranken Mutter, der längst abgelegten guten Anlage
Ehefrau, dem Sohn Ernst und dessen Sohn Patrick - und in der Regel eher
unerwähnten, noch kleineren Frauen zusammen. Kurt Janisch arbeitet als Gendarm
in einem kleinen Städtchen der Steiermark, sieht allerdings seine Berufung
in Höherem, nämlich in mehr Besitz und das heisst - nicht nur in diesem
besonderen Fall - mehr Bedeutung.
Um zu dieser zu gelangen, ohne gleich zum leuchtenden Gestirn der himmlischen
Sphären greifen zu müssen, besinnt er sich aufs Irdische: das blaue Wunder.
Sein Beruf kommt ihm bei dieser Gelegenheit mehr als gelegen, kann er doch
die grossen und kleinen Parksünden mehr oder minder attraktiver Fahrerinnen
nutzen, um sich ihrer sexuell und vor allem monetär zu bedienen. Zwar liegt
sein eigentliches sexuelles Interesse inzwischen längst woanders oder besser
gesagt beim gleichen Geschlecht, doch das ist im Roman keineswegs von so
zentraler Bedeutung, wie man nach den ersten Besprechungen und Vorabdrucken
hätte annehmen können - es wirft vielmehr ein Licht darauf, was die österreichische
Öffentlichkeit seinsgeschichtlich offensichtlich ganz besonders aufreibt.
Und beruhigen wir uns, er hält dem Geschlecht in der ewig gleichen Version
durchaus die Treue, ist er doch Vater und noch dazu eines Sohnes, der wiederum
usw. Trotzdem: Obwohl er der primären familiären Pflicht durchaus im Sinne
der Regierung nachgekommen ist, hat diese steirische Famliensaga, die auch
"The making of austrians" heissen könnte, ihre Tücken. Zur hütenden GrossVäterlichkeit
gesellt sich nämlich eine wilde Leidenschaft, die bekanntlich nur für Frauen
etwas mit Liebe zu tun hat, wie im Roman und auch bei Nietzsche genauer
nachzulesen ist.
"Aber kaum hat dieser Mann sich in eins von diesen Herzen hineingestohlen,
das er gesucht hat, ist er auch schon wieder vollkommen gleichmütig, ja
kalt geworden, stets unbeeindruckt vom Gesehenen wie vom Geschehenen.
Etwas Schönes rührt ihn nicht, denn alles, was er schön findet, muss unbedingt
tot sein. Wie hätte ich über ihn lachen können, wenn ich nur gewollt hätte.
Wie hätte ich mich fürchten können."
Eben diese Leidenschaft für das Tote entfesselt sich vor allem im Töten,
in diesem besonderen Fall der gerade noch rege liebenden Frauen, und hat
den Vorteil, dass diese an sich abgeschlossene Geschichte beliebig oft wiederholt
werden kann, solange es niemand weiss.
Vom Grossen und Kleinen
"Wir Frauen schwanken noch, unsicher, welchen wir uns aussuchen sollen.
Ich verrate: Es muss unbedingt der Richtige sein. Kein anderer kommt in
Frage. Das kann doch nicht so schwer sein, beim Lotto braucht man sogar
sechs davon auf einmal. Und keine Zahl darf zurückbleiben beim allwöchentlichen
Jüngsten Gericht, der Ziehung am Samstag nachmittag. Bei Menschen ist die
Auswahl unendlich gross, da wird doch wohl einer für Sie dabei sein, oder?
Na, nehmen sie ihn schon, es ist ja egal, ob sie auf die eine oder andre
Art unglücklich werden, Ihre Art stirbt jedenfalls nicht aus, glauben Sie
mir. Dafür sorgen nicht zuletzt die Lenden der Fremden vom Balkan, sagt
der Bundeskanzler, der es einmal war. Hoffentlich hat er recht gehabt. Gesund
kann es nicht sein, Tausende Möglichkeiten zu haben, und nur eine einzige
kommt in Frage." (S.198f.)
Ob man sich nun für gross oder klein oder gar mittel hält, man kommt hierzulande
nicht umhin, vom Grossen - etwa der Liebe oder der Politik - angesprochen
zu werden, mischt es sich doch überall ein, um das Angerichtete, als sei
es nichts gewesen, zu vergessen. Denn so, wie es war, ist es nicht richtig,
und so, wie es ist, auch nicht. Das Grosse muss das Kleine und Mittelmässige
durchdringen, auf dass es über sich hinauswachse und wenigstens werde, wenn
schon nichts war ( das ist hier übrigens nicht pornographisch, sondern metaphorisch
gemeint). Nur, wer ist letztlich dadurch gross geworden? Und wer setzt sich
ins Bild? Wer, wenn nicht Er, der vermeintliche Schirmherr des Bildes, der
übrigens auch in diesem Roman den ein oder anderen Auftritt hat, auch wenn
ihm diesmal der kleine Mann diese Rolle endlich einmal abnimmt. In Form
einer in Plastikfolie verpackten jungen Frauenleiche beispielsweise, die
er in ein Gewässer, das nicht wirklich eines ist, zumal es, leblos, spricht,
was ja normalerweise nur Menschen tun, wenn sie nicht gerade schweigen,
wirft. Das allerdings macht die Sache keineswegs uninteressanter, sondern
lediglich übersichtlicher in dem Sinne, dass wir mit einem Schicksal einfach
vielmehr anfangen können, als mit vielen. "Also so etwas Entsetzliches wollen
wir uns nicht vorstellen müssen. Diesmal nicht. Das nächste Mal wieder.
Es können Millionen Lebewesen verschwunden sein, bitte, daran haben wir
uns total gewöhnen können, aber eine allein, das geht nicht, man müsste
ihr jemanden mitgeben, mal sehn, wen wir noch vorrätig haben." (S.314) Der
Vorrat jedenfalls reicht.
Das Lebewohl
"Nein!, nie könnte ich Vater, Schicksal, Gott eines anderen Menschen sein
(...)." (Imre Kertész)
Auch Elfriede Jelinek s Haider-Dramolett "Das Lebewohl" ist
nun endlich in Buchform erschienen. Nachdem es am 22. 6. dieses Jahres im
Rahmen der Donnerstagsdemos nur einmal verlesen wurde, kann man sich der
zutiefst ironischen Sprachmontage, durch die der Sprache Haiders die von
Aischylos entgegengehalten wird, in Ruhe widmen. In diesem Dramolett setzt
sich Elfriede Jelinek auf höchst sensible und aufmerksame
Weise mit der politischen Rolle Jörg Haiders und der vor allem von ihm geschürten
Fremdenfeindlichkeit dieses Landes auseinander. "Das Lebewohl" stellt einen
Monolog dar, der allerdings, kaum zur Sprache gekommen, schon wieder in
sich dialogisch gebrochen ist, sofern es sich um eine kommentierte Textmontage
aus Aischylos' Orestie einerseits und einem Text Haiders andererseits zusammensetzt.
Hinter diesem Vordergrund rückt im Dramolett sukzessive das in den Vordergrund,
was sich als eine der wesentlichen Konstruktionen, von der rassistisches
Denken und Handeln sich speist, enthüllt: die Idealschablone eines konstruierten
So-Seins. Bei dieser Schablone bilden wiederum der Nationalismus, die väterliche
Ordnung, der Egozentrismus und ein daraus abgeleiteter Auserwähltheitsimpetus,
der sich nicht mehr an menschlichen, sondern an vermeintlichen göttlichen
Ansprüchen misst, die wichtigsten Stützen. Sie laufen stets Gefahr und arbeiten
in der Regelgeradezu darauf hin, der Idealschablone Nahrung zu geben, wenn
sie sie nicht gar konstituieren. Denn schliesslich umfassen alle drei auch
eine Vorstellung vom, So-Sein, mit dem letztendlich all das, was nicht so
ist, wie es sein soll und doch nie so sein kann, ausgeschlossen werden kann,
und diese Formen des Auschliessens werden zu allem Überfluss auch noch legitimiert.
Der Monolog und Haider
"Schöner Knabe, schau du einmal her, wie souverän dies Weib in der
Pressekonferenz agiert! Diese Frau! Hätt ich gar nicht von ihr gedacht.
Ist es nicht einfach super wie sie spricht? Umgarnt vom Netz der List
schon das Volk, sie spricht, sie spricht, vollkommen frei spricht sie,
doch was sie sagt? Es ist egal. Nicht ist es, was Apoll befahl, es ist
nichts, was irren könnte, es ist überhaupt nichts. Es ist von mir zwar,
doch es ist nichts. Wenn ich es sage, ist es anders. Wenn sie es sagt,
ist es nichts. Keine Sorge. Es ist nicht etwas. Es ist nichts. Nur ich
bin. Sie spricht nur."
Es liegt nicht fern, die Frau, von der die Rede ist, mit der Vizekanzlerin
Riess-Passer, und denjenigen, der über sie spricht, mit Haider in Verbindung
zu bringen. Damit verdoppelt sich jedoch gleichzeitig die Bedeutung dessen,
was es heisst, über jemanden zu sprechen: Denn zu der herkömmlichen Bedeutung
tritt nun jene, die die besprochene Figur oder Person als Sprachrohr oder
auch als Sprachhülse vorstellt. Eine Sprachhülse, in die man hinein sprechen
kann, was einem gefällt, und dies mit dem Effekt, dass es zwar weiter getragen
wird, ohne deshalb an Originalität dazu zu gewinnen. Im Gegenteil, die sprechende
Frau bleibt, dem Monolog zufolge, was sie nicht ist, ein mit Sprache aufgefülltes
Nichts. Was zählt, ist das Wort des Mannes, das Wort dieses Ichs, das sich
nett cartesianisch allein dadurch, dass es zu denken denkt, bestätigt sieht.
Der vermeintliche Originalitätsanspruch fällt indes rasch in sich zusammen,
wenn jemand das Verfahren zum Verwechseln ähnlich zu wiederholen beginnt
und auf ganz anderes kommt. Dann erweist sich der Blick auf das Besprochene
als ein Inhalt, der auch gesagt wurde, und spiegelt wider, was nicht zur
Sprache kommen sollte. Der Blick auf die Frau, den Jelinek Haider in den
Mund legt, wiederholt auf sprachlicher Ebene genau das, was geschieht, wenn
man bereit ist zu sehen, was man tut. Und Jelinek tut es, indem sie Haider
zu jener Sprachhülse macht, die ihn entlarvt. Denn im Unterschied zu Haider
füllt Jelinek ihre Sprachfigur nicht nur mit ihren eigenen Worten, sondern
allererst mit dem, was er selbst sagte. Und da Sprache - und sei sie noch
so deutsch oder griechisch - keineswegs ein Eigentum ist, über das ein Ich
verfügen könnte, sondern die auch verstanden werden muss, ja sogar anders
verstanden werden kann und muss, führt Jelinek mit ihrer figur Haider vor,
dass er zwar fortlaufend sprechen mag, aber nicht wirklich spricht. Denn
was er spricht und sagt, dient einzig seiner Selbstkonstruktion und nicht
dazu, mit jemandem, der nicht er ist, zu sprechen. Ein solches Sprechen
verfehlt nicht nur den Sinn von Sprache gänzlich, es schliesst alles andere
aus. Der Sprachlose, der mit wortgewaltigem Ich sprachlos macht, denn der
Rest sind entweder Sprachrohre, durch die das vermeintlich Fruchtbare seines
Wortes (Ich) schiesst, oder die Feinde, kurz "Viele" genannt. Mit den Worten
vieler indes füllt Jelinek ihre Sprachfigur an: kein Satz, in dem nicht
gleichzeitig viele - als Intertexte eingesetzte - Worte anderer Personen
mit anklingen würden, kein Wort, das sich nicht im Zuges seines Ausspruchs
anderen Worten stellen würde, um schliesslich auf alles andere als das Phantasma
der Originalität und der Einzigartigkeit zu verweisen.
Vom Schweigen und dem Tod
"Das Lebewohl" begleiten noch zwei weitere kleine Dramen, die keineswegs
weniger lesenswert sind. Auch sie kreisen um die politischen Situation
in Österreich und setzen sich mit Fragen der Identität kritisch und unbequem
auseinander. Im Drama "Das Schweigen" geht es um eine Art inwendige Zwiesprache
zwischen einem schreibenden Ich und dem zu beschreibenden Robert Schuhmann,
und das Stück "Der Tod und das Mädchen II" erteilt Dornröschen und dem
Prinzen das Wort. Die Dramen sind nicht, wie gewohnt, im Rowohlt-Verlag,
sondern im Berlin Verlag erschienen, was insofern erwähnenswert ist, als
es eine Konsequenz der Krise, die sich z.Z. im deutschen Verlagswesen
abzeichnet, widerspiegelt. (vgl. dazu auch: konkret literatur, Nr. 25,
2000, S.39)
Das Schweigen
"Was, Sie haben das alles erlebt? Aber hier steht es nicht, und
hier auch nicht! Es kann also schon mal so nicht stimmen. Der Schicksalsfaden
- längst nutzlos abgespult, doch nicht verstrickt!"
Das Schweigen beginnt mit dem Versuch, eine Schrift über Robert Schuhmann
zu verfassen, die zunächst nicht so recht gelingen mag, weil die passenden
Worte zu fehlen scheinen. Stattdessen kommen andere Worte und mit ihnen
reflektiert das schreibende Ich die Bedeutung und die Wirkung, die passende
Worte als solche auszuzeichnen pflegen. Erst einmal bei der Schrift über
die Schrift angekommen, nimmt sie dann auch schon die Hauptrolle ein und
tut trotzdem nicht das, was man von ihr erwartet. Sie spielt nämlich die
Rolle des Schweigens und die gleich als Doppelrolle, nämlich die der Verdrängung
der Schrift. " So ist das mit dem Wesen der Wahrheit, die es nicht gibt,
obwohl sie überall geschrieben steht." Wieso das so ist, wird im Stück genau
beschrieben.
Der Tod und das Mädchen II Mit diesem kleinen Drama nimmt Jelinek das Märchenmotiv
wieder auf, das sie in "Macht nichts. Kleine Trilogie des Todes" (Vgl. VS
45/11, 1999)) begonnen hat. Doch diesmal ist es nicht Schneeewittchen, sondern
Dornröschen, die sich mit den Problemen des Seins rumschlägt. Zumal ihr
selbst ernannter Befreier und Erlöser, der sich, kaum dass er zur Tat (Kuss)
geschritten, mit Gott gleichsetzt, die mögliche Antwort auf die Seinsfrage
auch schon aus der Hose zieht. Die Prinzessin:
"Wollen Sie mir erklären, wer ich bin, während ich doch bereits aus
diesem Kuss schliessen darf, wer Sie sind? Da bin ich Ihnen aber einen
Schritt voraus. Heissen Sie Prinz oder sind Sie es?"
Der Vertreter der Ewigkeit (wir erinnern uns: Und wenn sie nicht gestorben
sind, dann ...) entpuppt sich im Zuge des Dramas zunehmend als ein solches
Tier, das selbst andere Tiere wie Hühner zur Nachahmung motiviert, und sie
lernen erstaunlich rasch: "Aus ihr (der Hecke; S.T.) erheben sich verschiedenen
Tiere, hauptsächlich Hühner, die sich sehr tierisch benehmen, Tiere wirklich
in ihrem Verhalten nachahmen! Zwei Hühner entfalten elegant ein Transparent,
auf dem steht: "Besuchen Sie Österreich! Jetzt erst recht!" Wer jedenfalls
Lust hat, sich auf witzige und gründliche Weise so richtig schön desillusionieren
zu lassen, sollte die drei kleinen Dramen unbedingt lesen und zwecks Identitätskrise
vielleicht noch das konkret-literatur gleich anschliessend hinzunehmen -
dann passt es, ganz sicher.
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